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StartseiteBüchermarktSein Inneres bewahren – allen Umständen zum Trotz10.02.2019

Hanne Trautwein/Hermann Lenz: „Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt“Sein Inneres bewahren – allen Umständen zum Trotz

Die "Halbjüdin" und der NS-Gegner: Wie es Hanne Trautwein und Hermann Lenz glückte, durch die Kriegszeit zu kommen und an ihrer Liebe festzuhalten, davon handelt eine neue Edition ihres Briefwechsels - ein imposantes Zeugnis von hoher literarischer Qualität.

Von Rainer Moritz

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Buchcover: Hanne Trautwein/Hermann Lenz: „Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt“ (Buchcover: Insel Verlag, Foto: Ludwig-Maximilians-Universität München)
Hanne Trautweins und Hermann Lenz’ Briefe aus den Jahren 1937 bis 1946 (Buchcover: Insel Verlag, Foto: Ludwig-Maximilians-Universität München)
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Hermann Lenz "In ein gerolltes Weinblatt möcht ich kriechen"

Hermann-Lenz-Leser kennen diese Szene aus dem 1975 erschienenen Roman "Neue Zeit": Im Kunsthistorischen Seminar der Universität München lernen sich die 22-jährige Hanne Trautwein und der zwei Jahre ältere Hermann Lenz 1937 kennen. Beide kommen sich vorsichtig näher, tauschen sich über ihre Lektürevorlieben, über Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann aus und machen die beglückende Erfahrung, dass sie nicht nur in ästhetischen, sondern auch in politischen Dingen übereinstimmen. Während Lenz schon Anfang der Dreißigerjahre der Ideologie der Nationalsozialisten ablehnend gegenübersteht und Furchtbares auf Deutschland zukommen sieht, ist Hanne Trautwein doppelt gefährdet: Ihre Mutter Marie Cohen, eine Malerin, ist Jüdin, und ihr Vater, der Mikrobiologe und Professor an der Hochschule Weihenstephan Kurt Trautwein, wird bereits 1934 wegen kritischer Äußerungen über die Nationalsozialisten in den Ruhestand versetzt. Dass Trautwein, wie es im Jargon der Zeit heißt, eine "Halbjüdin" ist, spornt Lenz eher an, die Bekanntschaft zu vertiefen. Beide fühlen sich schnell einander zugehörig, und beide bilden fortan eine Schicksals- und Liebesgemeinschaft, die sich der Bedrohung widersetzen will. Das gegenseitige Zueinanderhalten stärkt und wird in der quälenden Nazi-Zeit als Befreiung empfunden – wie es Hanne Trautwein in einem Brief vom März 1939 notiert:

"Es liegt wieder Schnee auf den Strassen und die Kälte und vor allem der Wind legen sich lähmend auf einen. All das nette, was wir zusammen erlebt haben erscheint mir wie die Ereignisse aus einem sehr schönen, bunten Traum und ich bin wieder Johanna Trautwein, die einschichtig und ein wenig verträumt, immer von einer leisen Müdigkeit berührt und mit einem Gesicht, das gar nicht viel vom Leben erwartet, durch die Strassen stapft, mit ein wenig hochmütiger und beobachtender Miene in der Ecke einer Strassenbahn sitzt, in Seminaren und Bibliotheken scheinbar eifrig über Bücher gebeugt ist und in Wirklichkeit an etwas ganz anderes denkt, an die Leute die unten vorbeigehen, an die Frau, die eben einen Vorhang am Haus gegenüber beiseite zieht und weil sie sich unbeobachtet glaubt mit einer seltsam traurigen u. hilflosen Gebärde an die Stirn greift, an irgendetwas sonst, und wenns nur ihre eigene Traurigkeit ist. Diese Johanna Trautwein fühl ich jetzt manchmal wieder in mir, und dürft es doch eigentlich nicht, nicht wahr.

Und doch bin ich auch oft lustig, und denk, es ist tatsächlich richtig, dass du den Hermann Lenz kennst und hast es nicht bloss geträumt, du Kamel. Er sitzt in Stuttgart, gar nicht so weit von hier, wahrscheinlich an seinem Schreibtisch jetzt, oder jetzt isst er einen Apfelkuchen, er war vor kurzem sogar noch hier bei Dir und wird’s bald wieder sein und an Ostern zu allem Überfluss fährst Du selbst zu ihm nach Stuttgart, du Rindvieh, warum hast Du je daran gezweifelt. So sag ich zu mir und freu mich – auch jetzt."

Träume vom Bodensee und vom Mittleren Westen

Hanne Trautwein und Hermann Lenz gehen beide einem Kunstgeschichtsstudium nach, das sie mit einer Promotion abschließen wollen. Während sie eine Arbeit über barocke Baumeister schreiben soll und die Dissertation dank des engagierten Einsatzes ihres Doktorvaters Hans Jantzen 1941 einreichen darf, kurz bevor das "Falschreligiöse" verboten wird, tut er sich schwer. Wissenschaftlicher Archivarbeit wenig zugetan, geht er seine Studie über die Baugeschichte des Ludwigsburger Schlosses nur zögerlich an. Als ihm zudem klar wird, dass ein Krieg bevorsteht und er als Soldat eingezogen werden wird, sieht er erst recht keinen Sinn darin, sich akademische Meriten zu verdienen. Einen Doktortitel wird er nie erlangen.

Hanne wohnt in dieser Zeit bei ihren Eltern in München-Schwabing, während ihr Freund in den Semesterferien meist in sein Elternhaus nach Stuttgart zurückkehrt. So üben sich beide rasch darin, sich über ausführliche Briefe nah zu bleiben. Und beide entwickeln auf diese Weise Tagträume dessen, was sein könnte, wenn Krieg und Nazi-Zeit vorüber sein werden. Man stellt sich vor, abseits von allem und allen zu leben, am Gardasee, am Bodensee oder in Wien, das trotz der Annexion Österreichs von 1938 ein ersehnter Ort bleibt, und spielt sogar mit dem Gedanken, eine Bienenzucht zu übernehmen oder ein Kino im Mittleren Westen der USA zu betreiben.

"Freu Dich also, daß Du in der Stadt mit freierem Horizont leben darfst, wo man doch manchmal etwas von der großen Welt spürt. So um den Odeonsplatz ist doch immer ein bissel internationale Luft, so ein Hauch von Wien und Paris. Natürlich, man unterhält sich im Café Annast nicht mit Hofmannsthal, sondern bloß mit dem krummen Amenophis darüber, daß halt das Jüdische doch eine verfeinernde Wirkung, etwas Atmosphärisch-Zartes habe, das man sonst nicht finde. (...)

Während ich dies schreibe klingt das gleichmäßige Summen einer Dreschmaschine vom Gutshof herüber, der nicht weit von uns entfernt ist. Vor meinem Fenster blüht ein üppiger Jasminstrauch, seine Blütenhaben unsern Kiesweg, der um’s Gut führt, weiß beschneit und unser Garten ist ganz herrlich abgeschlossen, über und über grün. Ich glaube, daß es Dir gefallen würde, weiß allerdings nicht, ob Du nicht einen Park verlangst, denn das könnt’ ich Dir dann nicht bieten. Auch sechsspännig kannst leider nicht ausfahren hier. Aber es geht so ausgezeichnet, daß Du bei uns übernachten kannst, auf Deiner Fahrt nach Holland solltest schon auch übernachten, und dann freut sich meine Mutter jetzt schon auf die Tage im August, wo Du dann ganz bestimmt hier wohnst. Denkst auch ab und zu an Wien? Ich tu’s oft."

Eine blendend kommentierte Briefedition aus dem Nachlass

Nachlesen lassen sich diese Briefe nun in einem umfangreichen, aus dem Lenz-Nachlass in der Bayerischen Staatsbibliothek geschöpften Band, der insgesamt 577 Schriftstücke umfasst. Nicht die ganze Zeitspanne von 1937 bis 1946 ist nahtlos erschlossen; es klaffen meist kriegsbedingt einzelne Lücken, die vor allem Hanne Trautweins Antworten betreffen. Herausgegeben hat ihn der in der Lenz-Forschung bislang nicht hervorgetretene Frankfurter Literaturwissenschaftler Michael Schwidtal. Seine ergiebigen Kommentare erschließen nicht nur die Briefe vorbildlich, sondern auch Lenz’ autobiografisches Werk. Aufgrund dieser Edition ist es nun möglich, Lenz’ Roman "Neue Zeit", der fast den gleichen Zeitraum umspannt, neu zu lesen und danach zu fragen, was den – Ende der 1960er-Jahre geschriebenen – Roman von der unmittelbaren brieflichen Schilderung unterscheidet, ästhetisch wie inhaltlich. Das einzige und ärgerliche Manko dieser Ausgabe besteht darin, dass der Insel Verlag es nicht für nötig hielt, die über 1.000 Seiten als Hardcover herauszubringen.

Hanne Trautwein und Hermann Lenz sind nicht nur über ein gemeinsames Empfinden und über Lektürevorlieben miteinander verbunden. Beide suchen Trost auch darin, dass sie selbst schreiben. Lenz hatte, vermittelt durch Georg von der Vring, bereits 1936 im Ellermann Verlag ein schmales Heft von Gedichten und in der "Neuen Rundschau" von 1938 die Wien-Erzählung "Das stille Haus" veröffentlicht. Während des Krieges publizierte er in Zeitungen und Anthologien kleinere lyrische und erzählerische Texte, darunter die wichtige, seinen Großvater beschreibende Skizze "Schwäbischer Lebenslauf", und schrieb am "Stillen Haus" weiter.

Darüber hinaus wird Lenz während des Krieges als Auftrag von Vorgesetzten eine Schrift verfassen, die das Kriegsgeschehen beschreibt, keine Propagandaschrift, aber doch eine, die sich eventuell nicht ganz von der nationalsozialistischen Ideologie freimacht. "Fünf Jahre in Ost und West" heißt diese – bislang nicht wiederaufgefundene – Geschichte der Lenz’schen Division, eine "heikle Aufgabe", wie er selbst einräumt, einen "Zinnober", so sein Abtun der Arbeit, die "zehntausendmal als Geschenk zum 5jährigen Divisionsjubiläum" gedruckt werden soll. Darüber hinaus schreibt er – an einem Abend – "Russische Miniaturen", die als illustrierter Privatdruck erscheinen. Ob Lenz in diesem Text ideologisches Entgegenkommen zeigte, wie ihm Russland und seine Menschen erschienen und wie er das nach dem Krieg in "Neue Zeit" darstellte, ist ein höchst spannender Untersuchungsgegenstand für künftige philologische Studien.

Hanne Trautwein versucht gleichfalls, das Zeitgeschehen literarisch zu verarbeiten und in einen magischen Rahmen zu stellen. Wie sie in ihren Briefen festhält, schreibt sie mehrere Erzählungen, die sie 1946 im Ulmer Aegis Verlag unter Pseudonym und unter dem Titel "Das Nachtkarussell" herausbringt. Wie sie 2004 in einem Rundfunkinterview vermerkte, gab sie nach dieser "Jugendsünde" danach das Schreiben auf und fand durch einen glücklichen Zufall eine Stelle als Lektorin für Psychoanalyse im Stuttgarter Ernst Klett Verlag – eine Fügung, die nicht zuletzt das ökonomische Fundament der Ehe legte. Für ihren Mann hingegen – und das belegen die Kriegsbriefe deutlich – war das Schreiben existenziell notwendig.

Die prekäre Studentenliebe verändert sich grundlegend, als der Krieg ausbricht und Lenz erst nach Frankreich und dann nach Russland, nach Peterhof und an den Wolchow kommt. Nun erreichen die Briefe ihre Adressaten nur mit Verzögerung an; nun formuliert Hanne Trautwein ihre Ängste unverhohlen. Was widerfährt dem fernen Geliebten, in welchen Gefahren steckt er? Lenz’ Lageberichte versuchen immer wieder die Besorgte zu beruhigen und schildern das Vorgefundene lapidar – wie in einem Brief, den er im Oktober 1941 im russischen Peterhof schreibt:

"Ich bin ganz vorne, doch ist’s gar nicht sehr gefährlich, denn die auf der andern Seite haben kaum noch Munition, laufen haufenweise auch über. Schlafen tu ich nachts mit schweren, furchtbar dreckigen Stiefeln an den Füßen, eingeräuchert und eingerußt vom kleinen Bunkerofen. Aber warm ist’s herinnen, eine große Gabe des Schicksals und wahrscheinlich denk ich später wenn am Ende noch schlechtere Lebensbedingungen für mich kommen mit Sehnsucht an dies Quartier zurück. Das Innere wird ja durch die äußeren Umstände nicht berührt, das ist beruhigend."

Lenz’ Berichte von der Front dienen auch der Beschwichtigung seiner Freundin. Sie schildern schmucklos den Leerlauf im Soldatenalltag, das Warten und die oft öden Gespräche mit den Kameraden, die in dem schreibenden und lesenden Studenten einen Sonderling sehen. Dank der Unterstützung ihm wohlgesonnener Vorgesetzter kann er sich eine Zeit lang den Kampfhandlungen fernhalten und darf die Frontbücherei leiten. Doch dauerhaft gelingt dieses Sich-Abschotten nicht. Lenz’ Division reibt sich in Kämpfen mit der Roten Armee auf, und aus Sablino, südöstlich von Leningrad gelegen, schickt er am 20. Februar 1943 einen Brief nach München, der nichts zur Beruhigung beiträgt:

"Verzeih die lange Zeit, da ich nicht schreiben konnte; es liegen schlimme Tage hinter mir, da jede Verbindung mit der Heimat abgerissen war und das Schicksal harte Prüfungen von mir verlangte. Ich, ein Unteroffizier und ein ganz junger Berliner Soldat sind die Einzigen von meinem Zug, die noch hier sind, alle andern krank, verwundet, tot. Ich hatte lange Zeit kein Feuer zum Wärmen, bin schon lange nimmer rasiert oder gewaschen; jetzt brennt wenigstens eine offene Flamme neben mir und ich kann auf einem schmutzigen Kistendeckel beim Talglicht schreiben. Der Schmerz, Dir nicht schreiben zu können, war der größte."

Die Gefahr rückt näher, das Überleben wird fraglicher

"Wenn du nur durchkommst" – das selbstgewählte Motto, das Lenz durch den Krieg geleitete, wird mehr und mehr zum flammenden, zum verzweifelten Appell. Bis Kriegsende – Lenz war wieder an die Westfront zurückgekehrt – hat er um sein Überleben zu zittern. Und auch Hanne Trautweins Situation verschärft sich. Ihre Mutter, die Jüdin Marie Trautwein geborene Cohen, die ihr Haus in München-Schwabing rechtzeitig ihrer Tochter Hanne überschrieben hatte, stirbt am 25. Februar 1942 an einem Herzanfall, nachdem sie von der Deportation ihrer Schwester Ada Rée und ihrer Nichte Olga Rée von Berlin nach Riga erfahren hatte. "Ich sitze die ganze Zeit in ihrer Stube und schaue auf das leere Bett und auf die Sachen, die sie vor einigen Tagen noch berührt hat, und kann es gar nicht fassen, das sie nimmer da sein soll", schreibt Hanne Trautwein an Lenz, und sie, die "Halbjüdin", weiß um die zunehmende Gefährdung, weiß, dass sich die Schlinge um ihren Hals schnell zuziehen kann.

Kurioserweise hatte sie im Februar 1942 eine Anstellung bei Kunsthändler Adolf Weinmüller gefunden, einem frühen NSDAP-Mitglied, der als Raubkunsthändler bestens im Geschäft war und dennoch seine schützende Hand über Hanne Trautwein hielt. Im Herbst 1944 indes spitzte sich ihre Situation zu: Sie musste auf Geheiß der Gestapo als Zwangsarbeiterin Straßenbahnen der Münchner Verkehrsbetriebe reinigen und fügte sich in diese Demütigung mit der ihr eigenen pragmatischen Art:

Ich sitze in der Kantine unseres Trambahndepots, um mit dir zu reden. Ich hab’ zwei Trainingsanzüge an und darüber noch einen Monteuranzug und Holzschuhe und um den Kopf einen dicken wollenen Schal, denn es ist saukalt, wenn man 10 Stunden jeden Tag so gut wie im Freien arbeitet. Meine Hände sind schwarz und haben tiefe Rillen, aber all das ist nicht so schlimm, ich werd’ es schon aushalten. Freilich am End’ bin ich immer so müd wie ein ausgespannter Droschkengaul. Jetzt grad war wieder ein schwerer Fliegerangriff und weils keinen Strom hat, können wir nicht arbeiten, drum sitz ich da und kann Dir schreiben. (…) Die Arbeit ist, abgesehen von der Länge, nicht so schlimm, ich hab’ ja früher schon dergleichen getan. Sonst aber ist’s kein Schleckhafen und vieles trägt dazu bei, dass das Selbstbewusstsein nicht gerade gehoben wird.

Hanne Trautwein und Hermann Lenz versuchen sich – wie dünn die Luft des Überlebens auch wird – weiter brieflich Halt zu geben. Sie bilden eine Liebesnotgemeinschaft und sind mehr denn je aufeinander angewiesen. Selbst den engen Freunden, Lenz’ Studienkollegen Herbert Wiegandt und seiner Frau Helga, fühlt man sich nicht mehr vorbehaltlos verbunden. Man igelt sich ein, ist ganz aufeinander fixiert. In anwachsender Hilflosigkeit beschwören die beiden ihre Durchhaltemaxime, dass das Innere durch das Äußere nicht berührt werde, dass es den verhassten Nazis und ihrem Krieg nicht gelingen wird, diesen heiligen inneren Bezirk zu beschädigen. Ein letztes unantastbares Refugium muss bestehen bleiben.

Gleichzeitig mehren sich in den Briefen die Vokabeln, die den Nazisympathisanten gelten, dem "Pack" und "Kroppzeug", das das Regime bis zuletzt stützt. Die ungewöhnliche sprachliche Drastik ist ein Indiz der wachsenden Not; das in die Enge getriebene Paar rüstet verbal auf, wissend, dass ihnen andere Mittel der Gegenwehr versagt sind.

Dessen ungeachtet ist dieser Briefwechsel ein imposantes Zeugnis von hoher literarischer Qualität. Ob blühende Zweige, Hofmannsthals Haus in Rodaun, ein Kinobesuch mit hustender Sitznachbarin oder die zerstörte Thomas-Mann-Villa in München beschrieben werden – immer wieder dominiert ein Ton, der jedes sinnliche Detail würdigt, Gefühlsnuancen nachspürt und dank der differenzierten Wahrnehmung ein wohltuendes Gegengift bereithält. Hanne Lenz legt dabei eine stilistische Eleganz an den Tag, die hinter der ihres Mannes nicht zurücksteht.

Kitz und Säule

Zu den Kuriositäten dieses Briefwechsels gehören die Kosenamen, die sich Trautwein und Lenz ab Juli 1939 geben. Sie ist fortan "der Kitz", er "die Sau" beziehungsweise "das Säule". In zahlreichen Varianten reden sich die beiden nun auf diese Weise an und beginnen, die sprachliche Form durch Kitz- und Sau-Zeichnungen zu ersetzen. Die in der Edition abgedruckten Faksimiles belegen ihre künstlerische Begabung. Ergänzt werden diese sympathischen Spielereien durch sogenannte Sigille, gestrichelte Kussmünder, die die Briefe beschließen. Mehr an Erotik enthüllen die Schreibenden nicht. Wenn sich Hermann Lenz bisweilen als "lüstern" bezeichnet, ist das nicht mehr als eine ironische Wendung, und wenn man weiß, wie er zeitlebens darum bemüht war, seine erotischen Sehnsüchte zu überspielen oder symbolisch zu bearbeiten – etwa in der Erzählung "Hotel Memoria" und dem Roman "Ein Fremdling" –, wird man die erotischen Leerstellen der Briefe besonders interessiert studieren.

Was man in Briefen preisgibt und was man verschweigt, richtet sich nach dem Adressaten. Und so spart diese Korrespondenz natürlich vieles aus –manchmal auch, weil man fürchtet, das Geschriebene könnte Zensoren in die Hände fallen. Spricht man etwa von Thomas Mann oder vom "Feindsender" BBC, greift man sicherheitshalber zu Tarnnamen oder Akronymen. Wie es um das Verhältnis von Geäußertem und Nicht-Geäußertem bestellt ist, wird man erst mehr wissen, wenn die bislang nur in kleinsten Auszügen bekannten Lenz’schen Tage- und Notizbücher ediert sind.

Je desaströser sich die Situation für die deutsche Armee darstellt, desto größer die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende. Die Bombardierungen Stuttgarts und Münchens, die das Trautwein’sche Haus in Schwabing heftig in Mitleidenschaft ziehen, mehren das Gefühl, einem verheerenden Untergang entgegenzutaumeln. Dennoch stemmt sich vor allem Hanne Lenz gegen eine allumfassende Hoffnungslosigkeit. Im September 1944 schreibt sie:

"Schau, warum blickst Du gar so trüb’ in die Zukunft, warum schaut sie Dir jetzt anders aus wie früher? Freilich, vieles, was wir erhofft und gewünscht haben, wird nicht eintreten und kann nie wieder wie früher sein. Aber im Grunde haben wir das vielleicht nie geglaubt, dass man an das Alte, Abgelebte einfach wieder anknüpfen kann, es ist wohl endgültig vorbei. So etwas Grauenhaftes und Tiefeinschneidendes wie dieser Krieg war vielleicht noch gar nie da. (…) Aber warum muss deshalb alles nachher scheusslich sein? Ich glaub’ es nicht. Es wird anders, anders wie wirs uns ausgemalt und gewünscht haben vielleicht, aber gar nicht schlimm. Wenn wir beieinander sein können, Kitz und Säule, ganz gleich wie, dann ist überhaupt nichts schlimm. Dann ist es wurscht, was wir tun, ob wir in Lumpen herumlaufen und aus einem rostigen Blechtopf essen oder in einer mit Bretter zugenagelten Ruine hausen (was ich jetzt schon tue), das ist dann alles gleichgültig, finde ich. Was rund herum ist, wie man uns behandelt, die Welt, das geht uns doch nichts an, das wird uns immer widerlich sein, weil wir in diesen Zeiten zu tief hineingeguckt haben. Ich hab’ gar nicht so arge Angst vor der Zukunft."

Es gibt eine Zukunft

Und ja, Hanne Trautwein und Hermann Lenz haben eine Zukunft, eine gemeinsame Zukunft vor sich. Als Lenz Anfang 1946 aus Montana zurückkehrt, heiraten beide kurz darauf, und das Paar beschließt, endlich zusammenzuziehen. Hanne Lenz verlässt München trotz der Proteste ihres cholerischen Vaters, bezieht eine Wohnung in Lenz’ Elternhaus in der Stuttgarter Birkenwaldstraße und lebt fortan unter einem Dach mit seinen Eltern – bis man 1975 nach Erbstreitigkeiten gezwungen ist, Schwaben zu verlassen.

Kaum ist Hermann Lenz aus Amerika zurück, setzt er um, was er sich allen Schwierigkeiten und Anfeindungen zum Trotz vorgenommen hatte. Einen bürgerlichen Beruf will er auf keinen Fall ergreifen, er will schreiben, nichts als schreiben, die verlorene Zeit nachholen. Früh kommt er mit der damals in Stuttgart ansässigen Deutschen Verlags-Anstalt und ihrem Cheflektor Alfred Günther in Kontakt, der Lenz große Wertschätzung entgegenbringt. In einem Brief vom 27. April 1946 berichtet Lenz seiner zukünftigen Frau von einem Besuch im Verlag:

"Herr Günther sagte etwa Folgendes: 'Ihre Erzählung, die Sie uns einsandten, Herr Lenz, erscheint uns als ein dichterisches Meisterwerk, stilistisch verfeinert im Sinne Hofmannsthals.' (…) Du siehst doch hoffentlich aus diesem Bericht, daß man mir äußerst wohl will. Herr Günther zeigte mir auch ganz offen sein Gutachten über meine Arbeit und ich merkte mir den Schlußsatz, welcher hieß: 'Wir müssen diesen Autor halten.' Ist das nicht beachtlich?
Das wär’s für heut. Bist du mit mir zufrieden, lieber reizender Kitz? Es grüßt dich herzlich Dein altes Säule."

Bei dem "Meisterwerk", von dem Alfred Günther spricht, handelt es sich um die Wien-Erzählung "Das stille Haus". Mehrmals überarbeitete und erweiterte Lenz den Text, der seine familiäre Konstellation in ein zeitlich entrücktes österreichisches Adelsmilieu transferiert und mit der Figur Esther eine der vielen literarischen Gestalten einführt, die Hanne Trautwein nachempfunden sind. 1947 erscheint "Das stille Haus" als Lenzens erste selbstständige Prosaveröffentlichung in der Deutschen Verlags-Anstalt. Ein Anfang war gemacht.

Hanne Trautwein/Hermann Lenz: "Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt"
Der Briefwechsel 1937 – 1946
Herausgegeben von Michael Schwidtal
Insel Verlag, Berlin 2018. 1073 Seiten, 48 Euro.

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