Sonntag, 17.01.2021
 
Seit 04:05 Uhr Die neue Platte XL
StartseiteWirtschaft und GesellschaftVon Fischbrötchen bis 5G05.04.2019

Hannover Messe im Wandel der ZeitVon Fischbrötchen bis 5G

Mehr als 6.000 Aussteller aus 75 Ländern waren in dieser Woche in Hannover zu Gast. Die weltweit größte Industrieschau existiert schon seit 1947 und hat andere, vormals wichtige Messen wie die Cebit überlebt. Und auch die industrielle vierte Revolution wurde auf der Hannover Messe ausgerufen.

Von Alexander Budde

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Kommunikationsmanagerin von Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt auf der CeBIT Hannover 2016 den humanoiden Roboter "Pepper". (Ole Spata/dpa)
Die Hannover Messe gibt es bereits seit 1947 - und auch in diesem Jahr machte die Messe Besucher glücklich. (Ole Spata/dpa)
Mehr zum Thema

Digitalisierung im Arbeitsleben Mit KI den persönlichen Wirkungsgrad erhöhen

Produktionsexpertin zur Industrie 4.0 "Gerade der Mittelstand hängt eigentlich hinterher"

Hannover-Messe 5G-Anwendungen in der Praxis 

"Hannover führt zum ersten Mal eine Export-Messe durch, die für die Gesamtwirtschaft der West-Zonen von überragender Bedeutung ist. Ein ehemaliger Rüstungsbetrieb in dem Vorort Laatzen wurde in das Ausstellungsgelände verwandelt." Auf Befehl der damaligen britischen Besatzungsmacht gelingt 1947 der Kraftakt: In vier Hallen präsentiert die deutsche Industrie den ersten VW-Käfer und den kleinsten Dieselmotor. Ausgesuchte Einkäufer aus dem Ausland ordern Kochtöpfe und Kinderwägen, Möbel und Miederwaren, Zahnräder und Zahnprothesen - alles nur gegen US-Dollar, versteht sich. Eine Sensation im ausgebombten und ausgehungerten Hannover sind die Fischbrötchen - auf der Messe gibt es sie ohne Lebensmittelmarken.

Die Hannover Messe expandiert bald mit Beteiligung internationaler Aussteller. Anfang der 60er Jahre lockt die Industrieschau bereits mehr als eine Million Gäste in die sonst so beschauliche Landeshauptstadt. 1970 wird für die rasant wachsende Fachmesse Bürowirtschaft eine eigene Halle gebaut: das Centrum der Büro- und Informationstechnik, kurz: CeBIT. 1986 tritt die CeBIT erstmals als eigenständige, von der Industriemesse abgekoppelte Computermesse an. Kurz vor dessen Tod im Jahr 2006 erinnerte Messe-Vorstand Jörg Schomburg im Interview mit dem Deutschlandfunk daran, dass die Entscheidung nicht bei allen Ausstellern auf sofortige Gegenliebe stieß:

"Weil die CeBIT-Industrie selbst Angst hatte, dass der Glamour, der auf der Hannover Messe liegt, mit den vielen Chefs aus allen Industrie-Branchen, verloren geht und sie eine Messe wie viele andere ist."

Weit gefehlt! Die CeBIT wird zum Erfolg. In ihren Glanzjahren ist sie der zentrale Tummelplatz für alle, die sich über digitale Alltagskultur austauschen wollen. Als die Deutsche Messe 2018 das Aus verkündet, haben alternative Veranstaltungen der CeBIT allerdings längst den Rang abgelaufen.

2011 wird die vierte industrielle Revolution ausgerufen

Im Maschinen- und Anlagenbau behauptet das deutsche produzierende Gewerbe seinen Vorsprung an der Weltspitze. Deutschland ist Leitmarkt für industriell genutzte Software, die bislang etablierten Plattformen hierzu sind ein Exportschlager. Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz ist einer von drei Autoren, die im April 2011 auf der Hannover Messe ihr Konzept Industrie 4.0 erstmals einem breiteren Publikum vorstellen. Der Begriff hat Konjunktur: mittlerweile tragen weltweit mehr als 90.000 Veröffentlichungen die deutsche Wortneuschöpfung im Titel oder beziehen sich inhaltlich darauf.

Kabellose Produktionsroboter arbeiten Seit an Seit mit ihren menschlichen Kollegen – im Zusammenspiel aus Software und flexiblen Fertigungsmethoden wie dem 3D-Druck sollen maßgeschneiderte Produkte entstehen, in immer kürzeren Entwicklungszyklen und selbst in kleinsten Stückzahlen noch profitabel. Das Revolutionäre an der vernetzten Fabrik der Zukunft: Letztendlich soll das entstehende Produkt selbst darüber entscheiden, wie es in den einzelnen Fertigungsschritten bearbeitet werden muss. Vollautonome Systeme werden allerdings doch noch etwas länger auf sich warten lassen, als vor sieben Jahren von ihm vorausgesagt, räumt Wahlster ein:

"Bei neuen Fabriken wird das eigentlich schon immer realisiert. Das Problem ist, dass wir natürlich in Deutschland gar nicht mehr so viele ganz neue Fabriken auf der grünen Wiese errichten, sondern wir haben eben jede Menge alte Fabriken. Deshalb ist diese Migrationstechnologie, also von Industrie 3.0 auf 4.0 umzustellen, ohne dass die Fabrik komplett neu gebaut wird, eben noch eine Herausforderung. Das ist aber in vielen Fällen auch schon gelungen."

Neue Geschäftsmodelle durch komplette Vernetzung

Damit das reibungslos funktioniert, muss mit der Künstlichen Intelligenz auch der neue Mobilfunkstandard 5G in die Produktionshallen einziehen. In Hannover zeigten zahlreiche Aussteller, dass die sich auch, ohne die Unterstützung der großen Kommunikationskonzerne abzuwarten, in Echtzeit vernetzen lassen. Unterdessen wird das Konzept Industrie 4.0 in Hannover schon weiter gedacht: Der digitale Brückenschlag zwischen virtueller und dinglicher Welt ermöglicht neue Geschäftsmodelle, "intelligente Dienstleistungen" zum Beispiel. Wahlster:

"Das heißt, dass wir beispielsweise einer kompletten Fabrik die Vorgabe machen: "Du musst im nächsten Jahr eine Qualitätsverbesserung von 10 Prozent erreichen". Und das System selbst wird dann in dem ganzen Jahr immer wieder an Stellschrauben tätig werden, wie ein guter Manager sozusagen, der diese Zielvorgaben versucht zu erreichen."

Noch halten Menschen ihre Köpfe hin, wenn Bilanz gezogen wird. Zum Ausklang hat Messechef Jochen Köckler mit 215.000 Menschen zwar ein etwas kleineres Fachpublikum gezählt als im Vorjahr, dafür stimmte die Qualität, will sagen: Köckler freut sich wieder einmal über den geballten Andrang vorwiegend ausländischer Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk