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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Hanns Leske: Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder. Der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Fußballsport in der DDR.14.06.2004

Hanns Leske: Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder. Der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Fußballsport in der DDR.

Verlag "Die Werkstatt" Göttingen 2004, 640 Seiten, 38,-Euro

<strong>Seit diesem Wochenende hat die Fußball-Europameisterschaft in Portugal Millionen Fußballfans voll im Griff - auch die deutschen, die darüber hinaus schon zwei Jahre weiter an die Weltmeisterschaft im eigenen Land denken. Was da alles zum Thema zwischen zwei unschuldige Buchdeckel gepresst werden wird, lässt sich jetzt schon lebhaft vorstellen. Dann schlägt wieder mal die Stunde der Promi-Herausgeber und ihrer Ghostwriter. Fußball-Bücher haben unverändert Konjunktur. Überraschend gilt das auch für Publikationen zum verblichenen DDR-Fußball. Meist handelt es sich um Reminiszenzen, bei denen sich die Schreiber dem Thema durchweg in der Art von Fans nähern - unkritisch und mit einem gehörigen Schuss Ostalgie. Das Kontrastprogramm dazu liefert jetzt der Verlag Die Werkstatt. Unter dem Titel "Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder" hat Hanns Leske ein voluminöses Werk vorgelegt, in dem die Verklärung eines angeblich bunt schillernden Alltags im DDR-Fußball nicht geteilt werden kann, wie Herbert Fischer-Solms feststellt:</strong>

Fussball - nicht nur zur EM aktuell (AP)
Fussball - nicht nur zur EM aktuell (AP)

Hanns Leske kommt zu anderen Ergebnissen. Schon wachse die erste Generation heran, die den ostdeutschen Fußball nicht mehr erlebt hat.

Es ist deshalb von sporthistorischer Bedeutung und genau der richtige Zeitpunkt, für künftige Generationen 40 Jahre Fußball in der DDR zu dokumentieren,

schreibt er im Vorwort und begründet:

Die historische Darstellung des DDR-Fußballs darf nicht alleine jenen en überlassen bleiben, die entsprechend der bürgerlichen Auffassung vom unpolitischen Sport die massiven Einmischungen des Staates, der Staatspartei und der Staatssicherheit weitgehend ausblenden und damit dem unbelesenen Betrachter den Eindruck vermitteln, neben einer zwangsläufigen Aufsicht durch staatliche Gremien wäre ansonsten alles normal gewesen.

Die geschichtliche Darstellung, so der weiter, dürfe auch nicht postkommunistischen en vom Schlage eines Heinz Florian Örtel überlassen werden,

die vier Jahrzehnte lang linientreu in der Sportberichterstattung ideologische Weihwasser vergossen und heute in ihren Memoiren in einem Anfall von Sozialromantik sportliche Episoden verbreiten, die in ihrer Rührung nun überhaupt keinen Platz für SED und MfS lassen.

In "Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder" werden vier Jahrzehnte DDR-Fußball eingebettet in eine politikwissenschaftliche Analyse des Ministeriums für Staatssicherheit, seiner Struktur und seiner Repressions-Instrumente und der Herausarbeitung des Profils des Fußballfans und Stasi-Chefs Erich Mielke, verspricht der . Das Versprechen wird eingehalten. Leske, der als Politikwissenschaftler in Berlin lebt und arbeitet, war von 1979 bis 1999 Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin Schöneberg, unter anderem als Geschäftsführer bzw. als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Die Buch-Veröffentlichung ist seine Dissertation, mit der er am Fachbereich Politik und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin als Doktor der Politikwissenschaft promovierte. Wissenschaftliche Arbeiten sind in aller Regel sperrige Texte. Leske jedoch ist es gelungen, eine Facharbeit vorzulegen, die sich gleichwohl spannend liest.

Mielke war ein großer Fußballfan. Verlieren war in seinen Augen nicht erlaubt. In den 80er Jahren, exakt von 1979 bis 1988, wurde sein Berliner Fußball-Club BFC zehnmal in Folge Fußballmeister der DDR, nicht selten mit gnädiger Unterstützung von wohlgesonnenen bzw. ängstlichen Schiedsrichtern, die häufig genug Inoffizielle Mitarbeiter des MfS waren. Aber: Über den Fußball hinaus verteidigte Mielke mit Erfolg auch seine Passion Eishockey, die am Ende jene Perversion zeitigte, dass mit Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser lediglich noch zwei DDR-Mannschaften existierten, die Jahr für Jahr den DDR-Titel unter sich ausmachten. Als erste Anzeichen für die Agonie des zweiten deutschen Staates schon deutlich wurden, setzte Mielke den Bau einer nach Oberhof in Thüringen zweiten Bobbahn in Altenberg im Osterzgebirge durch.

Im international äußerst erfolgreichen Spitzensport der DDR konnte der Fußball, der auch in der DDR Volkssport Nummer eins war, mit hervorragenden Resultaten nicht mithalten. Dennoch wurde dem Fußball eine Sonderrolle eingeräumt, sehr zum Ärger von DTSB-Präsident Manfred Ewald. In einer Studie Ende der 60er Jahre hieß der Kernsatz der Botschaft:

Es wurden keine Fortschritte bei der Leistungsentwicklung des Fußballsports erreicht.

In der Studie werden die ökonomischen Grundübel des DDR-Fußballs aufgezählt:

Zahlung von Gehältern, die weit über der beruflichen Qualifikation liegen, hohe Sachwertzuwendungen, Einfamilienhäuser, Bungalows, neu eingerichtete große Neubauwohnungen, PKWs, Sonderprämien für Punkte, Tore und Nicht-Abstieg sowie die Zahlung von Handgeld bei Vereinswechsel - oder für das Verbleiben im Club.

Bei Mielke sind Vorstöße von Ewald, dem Initiator der großen DDR-Sporterfolge, dem Wildwuchs im DDR-Fußball ein Ende zu bereiten, stets auf taube Ohren gestoßen. Der MfS-Chef pflegt das schwächelnde Pflänzchen des DDR-Fußballs. Für Hinweise auf neue Maßnahmen, die auch dem DDR-Fußball Weltgeltung verschaffen sollten, war er andererseits stets zu gewinnen. Gebracht hat all dies nichts. Von der später vorgesehenen Konzentration aller DDR-Auswahlspieler in einem Verein nach dem Vorbild von Dynamo Kiew im sowjetischen Fußball wurde jedoch abgesehen.

Im Überwachungsstaat DDR war die Absicherung der DDR-Clubmannschaften und der DDR-Auswahlmannschaft nur durch die Gewinnung von Inoffiziellen und Hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit zu gewährleisten, und zwar aus dem jeweiligen Mannschaftsbereich und dem dazu gehörenden Umfeld. Nicht zufällig sind auch derzeit noch aktive und bekannte Trainer im deutschen und internationalen Fußball ehemalige MfS-Spitzel. Etwa Eduard Geyer vom Zweit-Bundesligisten Energie Cottbus, der unter dem Decknamen IM Jahn nachweislich von 1972 bis 1986 als Spieler von Dynamo Dresden und danach als Trainer Informationen aus dem beruflichen und familiären Umfeld der Spieler an die Stasi weiter gegeben hat. Gleiches gilt für Hans Meyer, vor der Wende Trainer bei Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt und zuletzt in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC Berlin unter Vertrag. Sein Deckname lautete Hans Schaxel. In besonders übler Weise hat sich Trainer Bernd Stange, der sich den Decknamen Kurt Wegener gegeben hatte, für das Mielke-Ministerium engagiert.

Stange berichtet völlig bedenkenlos von finanziellen Nöten eines Spielers, der nach seiner Einschätzung über seine Verhältnisse lebt. In einem anderen Fall mokiert er sich über den Lebenswandel mehrerer ihm anvertrauter Spieler. Einer davon führe offenbar ein ausschweifendes Sexualleben. Zitat Stange: "Mindestens drei Mädchen haben sich in letzter Zeit die Schwangerschaft unterbrechen lassen." Bei Leske heißt es dazu :

Es sind solche Belanglosigkeiten, private Unzulänglichkeiten und Probleme, die Stange in seiner Trainerarbeit mit jungen Spielern nicht verborgen bleiben und die er pflichtschuldigst dem Ministerium für Staatssicherheit meldet.

In einem Fall vom März 1976 schlägt Stange seinem Stasi-Offizier sogar vor, in die Wohnung einer Bekannten, deren Schlüssel er hat, einzudringen und das dort vorhandene Tagebuch der Frau zu besorgen. Stange ließ sich noch zu Zeiten von Saddam Hussein als Nationaltrainer des Irak verpflichten. Das ist er noch immer; dafür wurde er unlängst vom Welt-Fußballverband FIFA geehrt.

Es gibt aber auch erfreuliche Fälle von Fußballern, die sich erfolgreich einer Anwerbung des MfS widersetzt haben. Zu ihnen gehört der Magdeburger Jürgen Sparwasser, SED-Genosse und Fußball-Kolumnist für das Neue Deutschland. Er war der unvergessene Schütze beim 1:0-Länderspielerfolg der DDR bei der WM 1974 gegen die Bundesrepublik. Ein Gastspiel des FC Magdeburg beim Senioren-Turnier in Saarbrücken nutzte er Anfang 1988 zur Flucht in den Westen.

Erich Mielke war ein Fußball-Verrückter. Er missbrauchte einen Fußball-Klub zur Befriedigung eigener Interessen. Er durchsetzte den Fußball-Verband mit MfS-Mitarbeitern, ließ eine kleine Gruppe von Schiedsrichtern jahrelang seinen BFC bevorteilen. Das Fairplay des Sports wurde auf den Kopf gestellt. Immer mehr Fußball-Freunde wandten sich angewidert ab. Als die DDR-Bürger auf die Straße gingen, erfasste der Reinigungsprozess auch den Sport. 1989 hieß der DDR-Fußballmeister erstmals nicht BFC Berlin, sondern wieder Dynamo Dresden.

Als Ergebnis seiner Untersuchung stellt Leske fest, einen sozialistischen Fußball in der DDR habe es nicht gegeben. Insofern habe sich der Fußball als immun gegenüber der marxistisch-leninistischen Ideologie erwiesen. Allerdings erscheine fraglich, ob er sich genauso immun gegenüber dem Kapitalismus zeigen werde. Jedenfalls sei der Profi-Fußball in den letzten zehn Jahren durch Globalisierung, Kommerzialisierung und Profitmaximierung einer Oligarchie von Konzernen, Medien und Managern stärker verändert worden als in vierzig Jahren Sozialismus der DDR.

Herbert Fischer-Solms über Hanns Leske: "Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder. Der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Fußballsport in der DDR". Erschienen ist das Buch im Göttinger Verlag "Die Werkstatt", 640 Seiten zum Preis von 38 Euro.

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