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StartseiteKalenderblattHans Christian Andersen - Der Märchensammler07.04.2012

Hans Christian Andersen - Der Märchensammler

Vor 175 Jahren erschienen "Die kleine Meerjungfrau" und "Des Kaisers neue Kleider"

Er war jung und brauchte das Geld - als Hans Christian Andersen anfing Märchen zu schreiben, waren sie ein populäres Genre, er ein erfolgloser Schriftsteller. Doch für Andersen kam nicht nur der Erfolg - er machte aus Märchen Weltliteratur. Heute vor 175 Jahren erschienen "Des Kaisers neue Kleider" und "Die Meerjungfrau."

Von Eva Pfister

"Der lange Lulatsch mit der großen Nase"  (AP Archiv)
"Der lange Lulatsch mit der großen Nase" (AP Archiv)
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Das dänische Märchen

"Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der schöne Kleider so liebte, dass er sein ganzes Geld ausgab, um recht geputzt zu sein. Er machte sich nichts aus Soldaten, nichts aus Komödien und auch nichts daraus, in den Wald hinauszufahren, es sei denn, er konnte seine neuen Kleider zeigen. Für jede Stunde des Tages hatte er ein anderes Gewand, und wenn man sonst von einem König sagte, er sei in der Ratsversammlung, so hieß es von ihm stets: 'Der Kaiser ist im Kleiderschrank!'"

"Des Kaisers neue Kleider" erschien am 7. April 1837 in der dritten Folge von Hans Christian Andersens "Märchen, für Kinder erzählt", zusammen mit "Die kleine Meerjungfrau". Mit Märchen hoffte der damals noch erfolglose Schriftsteller, etwas Geld zu verdienen, denn das Genre war in Mode. Man kannte nun auch in Dänemark die Märchensammlungen der Brüder Grimm oder Charles Perraults. Andersen übernahm deren Motive so unbekümmert wie die der dänischen Volkmärchen, die er von seiner Heimatinsel Fünen kannte. Aber er machte aus den Geschichten etwas Neues, wie sein Biograph Jens Andersen betont.

Andersen belebte das Volksmärchen wieder, indem er die oft grausamen und groben Geschichten ein wenig unschuldiger gestaltete, sie mit etwas Psychologie und Philosophie verfeinerte und schließlich mit einer sprachlichen Artistik erzählte, die weit über den Rahmen der ursprünglichen, einfachen Erzählform hinausging.

Die Geschichte von "Des Kaisers neue Kleider" fand Andersen in einer spanischen Märchensammlung. Darin behaupten die Betrüger, dass man ihre feinen Stoffe nur sehen könne, wenn man der leibliche Sohn seines Vaters sei. Andersen änderte diese Voraussetzung:

"Außerdem aber hätten die Kleider, die aus dem Stoff genäht würden, die seltsame Eigenschaft, für jeden Menschen unsichtbar zu bleiben, der nicht für sein Amt tauge oder unerlaubt dumm sei."

Damit prangerte Hans Christian Andersen mit beißender Ironie Untertanengeist und Opportunismus in ästhetischen Fragen an. Darunter hatte er ja selbst zu leiden. Seine Gedichte, Romane und Theaterstücke fanden lange keine Anerkennung, auch seine Märchen stießen am Anfang auf Unverständnis. Man tat sich schwer mit dem lebendigen Stil, der weder umgangssprachliche Dialoge scheute noch flapsige Lautmalereien. Vor allem stieß sich die Kritik daran, dass der Erzähler Andersen oft auf der Seite der Kinder stand.

Kindern darf kein Anlass geboten werden, sich in ihren Vorstellungen aufs hohe Ross zu setzen oder kritisch zu werden. Was ihnen angeboten wird, muss immer über ihnen stehen, und das gilt gerade für solche Dinge, die sie am liebsten zu hören wünschen.

So schrieb eine dänische Literaturzeitschrift im Jahr 1836; da war das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" noch gar nicht erschienen, in dem Andersen die ketzerische Wahrheit aus Kindermund verkünden ließ:

"Noch keines von des Kaisers Kleidern hatte solchen Beifall gefunden. 'Aber er hat ja nichts an', sagte da ein kleines Kind."

Eine der großen Leistungen von Hans Christian Andersen war es, Kinder als vollwertige Geschöpfe wahrzunehmen. Unter ihnen fühlte er sich wohler als in der Welt der Erwachsenen. Als Vierzehnjähriger war der Sohn einer Waschfrau nach Kopenhagen gekommen, ohne Geld, aber mit brennendem Ehrgeiz. Er machte den reichen Bürgern seine Aufwartung, spielte ihnen Possen vor und rezitierte Gedichte. Der lange Lulatsch mit der großen Nase fiel auf als originelle Figur, ein hässliches junges Entlein unter eitlen Schwänen.

Aber kein Märchen bringt Andersens tief empfundene Fremdheit besser zum Ausdruck als die traurige Geschichte von der kleinen Meerjungfrau, die so viele Opfer auf sich nimmt, um zu den Menschen zu gehören – und doch die Liebe ihres verehrten Prinzen nicht erobern kann. Das Märchen geht auf die Geschichte von Undine zurück, aber Andersen erzählt sie mit romantischer Melancholie und so kunstvoll, dass "Die kleine Meerjungfrau" zu einem Stück Weltliteratur wurde, das nicht nur Antonin Dvorák, sondern viele Künstler inspiriert hat.


Mehr über den Märchenerzähler:
Kalenderblatt von 2005 zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen

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