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StartseiteKultur heuteEin ideologischer Fanatiker05.05.2014

Hans Heinrich EggebrechtEin ideologischer Fanatiker

Hans Heinrich Eggebrecht war ein Doyen der deutschen Musikwissenschaft. Seine Gesamtdarstellung "Musik im Abendland" steht in den Regalen vieler Musikliebhaber. Doch der Historiker Boris von Haken spricht im DLF-Interview von neuen Beweisen für eine Beteiligung Eggebrechts an Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Boris von Haken im Gespräch mit Dina Netz

Ukrainische Juden stehen vor dem Minora-Monument während einer Trauerzeremonie nahe der Schlucht Babyn Jar bei Kiew. (dpa picture alliance / epa Sergey Dolzhenko)
Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht soll an Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen sein. (dpa picture alliance / epa Sergey Dolzhenko)
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Dina Netz: Hans Heinrich Eggebrecht nimmt im Herbst 1945 sein Studium in Weimar wieder auf, das durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen war. Er promoviert in Jena, beginnt seine wissenschaftliche Karriere 1949 als Assistent in Ost-Berlin und der Rest ist Musikgeschichte. Hans Heinrich Eggebrecht wird ein Doyen der deutschen Musikwissenschaft, mit kurzen Unterbrechungen als Professor und zuletzt Direktor des Musikwissenschaftlichen Seminars in Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte: Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, die Wiener Klassik, Gustav Mahler und die Musik des 20. Jahrhunderts. Seine Gesamtdarstellung „Musik im Abendland" steht in den Regalen vieler Menschen, die sich mit Musik beschäftigen.

Eggebrecht, Jahrgang 1919, starb 1999. Und zehn Jahre später warf der Musikwissenschaftler und Historiker Boris von Haken Hans Heinrich Eggebrecht in einem Vortrag und einem Artikel in der „Zeit" vor, im Zweiten Weltkrieg an Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein. Ich habe Boris von Haken gebeten, zunächst zu rekapitulieren, was genau er ihm damals vorgeworfen hat.

Boris von Haken: Was ich damals auf einer Tagung der Gesellschaft für Musikforschung vorgestellt habe, war zunächst die Militärgeschichte Hans Heinrich Eggebrechts. Eggebrecht diente in der Feldgendarmerie-Abteilung 683, und das war eine Einheit, die nachweislich an der Vernichtung, das heißt an der restlosen Vernichtung auf der Krim, genau genommen in der Stadt Simferopol beteiligt war. Vor den Toren von Simferopol – eine Stadt, die ja jetzt wieder in den Medien präsent ist – wurden Anfang November mindestens 14.000 Juden von dieser Einheit zusammen mit der Einsatzgruppe D erschossen und in der Folgezeit wurden weitere Razzien und Massaker an Juden von Simferopol durchgeführt.

Netz: Herr von Haken, damals sind Ihr Vortrag und auch der Artikel sehr zurückhaltend rezipiert worden. Man warf Ihnen vor, nicht ausreichend Beweise beigebracht zu haben. Aber jetzt haben Sie neue Beweise für Ihre Vorwürfe. Welche denn?

Feldpostbriefe belasten Eggebrecht

von Haken: Womit ich mich jetzt beschäftigt habe, ist die Studienzeit Eggebrechts in Berlin, und hier bin ich auf einen weiteren Quellenbestand gestoßen. Hier war festzustellen, dass Eggebrecht sich in Berlin einer Kameradschaft des NSD-Studentenbundes angeschlossen hatte, der sogenannten „Kameradschaft Johann Sebastian Bach". Hier war er seit 1938 Mitglied und er wohnte im Kameradschaftshaus in Berlin-Grunewald. Ich habe hier in den letzten Jahren das sogenannte Feldpostarchiv dieser Kameradschaft gefunden. Die Angehörigen der „Kameradschaft Johann Sebastian Bach", die zur Wehrmacht einberufen wurden, haben an ihre Kameraden in der Heimat nach Berlin regelmäßig Feldpostbriefe geschickt, und darunter sind sieben Feldpostbriefe von Hans Heinrich Eggebrecht.

Netz: Und was steht da drin?

von Haken: Es sind eigentlich zwei Punkte, die auffallen. Zum einen wird deutlich, man hat hier einen ideologischen Fanatiker. Bezeichnend ist ein Brief vom Frühjahr 1943. Hier ist Eggebrecht bei Leningrad stationiert und er entscheidet sich zu diesem Zeitpunkt, zu einer Kampfeinheit zu gehen, und hier heißt es dann bei Eggebrecht, „Jetzt ist gut, wenn auch der Letzte seine Fahne findet und Sehnsucht hat, sie vorwärts zu tragen. Jeder seine Fahne und jeder den Weg, welchen die große Kraft des Leibes und der Seele ihm zuweist." Hier muss man natürlich auf den Kontext achten. In Leningrad verhungern Hunderttausende von Zivilisten. Eggebrecht, unmittelbar nach Stalingrad, entscheidet sich gerade jetzt, noch einmal in den Kampf zu ziehen, und die Fahne ist natürlich ein Symbol der, wenn man so will, ideologischen Verbohrtheit und der ideologischen Überzeugung.

Netz: Was genau, Herr von Haken, belegen denn diese Briefe nun?

von Haken: Ein zweiter Brief, der hier signifikant ist, stammt vom Frühjahr 1942, und hier berichtet er davon, seine Einheit sei gegen Elemente vorgegangen, welche die sowjetische Armee zurückgelassen habe. Und weiter heißt es dann, „Dabei haben wir Russland kennen gelernt, wie wohl kaum andere deutsche Truppen, und was wir erlebten, sahen und tun mussten, trug viel Kraft, uns von Grund aus zu anderen Menschen zu machen." Das ist natürlich bereits eine Art von Selbstbezichtigung. Das ist die Selbstbezichtigung, an ganz ungewöhnlichen Taten beteiligt gewesen zu sein. Man habe Russland kennen gelernt, wie kaum andere deutsche Truppen, es ist was völlig Ungewöhnliches, und die Formulierung, was wir erlebten, sahen und tun mussten, ist eine Ausdrucksweise eines NS-Täters.

Von Haken: Vorgeschichte Eggebrechts wird ignoriert

Netz: Also belegen diese neuen Funde nicht nur die Gesinnung von Hans Heinrich Eggebrecht, sondern sind für Sie auch Beweis dafür, dass er an Exekutionen beteiligt war. Jetzt ist es ja in der Vergangenheit immer so gewesen, dass, sagen wir mal so, Ihre Forschungen immer sehr zurückhaltend rezipiert worden sind. Sie haben jetzt nächste Woche einen Vortrag an der Kölner Musikhochschule, den ersten überhaupt seit 2009 in Deutschland, während Sie im Ausland durchaus gefragt sind. Will die Musikwelt von Ihren Recherchen nichts wissen und wenn ja, warum?

von Haken: Die Debatte wird geführt, aber das eigentliche Thema wird wirklich nicht angegangen, weil seit 2009/2010 hat man über Fragen diskutiert wie „ist die Opferzahl richtig bestimmt", „waren es nicht einige hundert Opfer mehr oder weniger", oder man nimmt die Position ein, dies sei keine relevante Frage, sondern was zählt ist die musikhistorische Leistung von Eggebrecht und die Vorgeschichte könne ignoriert werden.

Netz: Der Historiker Boris von Haken. Am 13. Mai wird er an der Kölner Musikhochschule seine neuesten Forschungsergebnisse zu Hans Heinrich Eggebrecht vorstellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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