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StartseiteKalenderblattEin Schuhmacher mit poetischem Auftrag05.11.2019

Hans Sachs vor 525 Jahren geborenEin Schuhmacher mit poetischem Auftrag

Goethe warb für ihn in einem Gedicht, Richard Wagner setzte ihm mit einer Oper ein Denkmal: Dabei hatte die berufliche Zukunft von Hans Sachs ganz bodenständig begonnen. Zunächst Schuhmacher, erhielt der Nürnberger angeblich von einer "Kunstgöttin" den Auftrag zu dichten. Nicht jeder nahm seine Kunst ernst.

Von Christian Linder

Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (historischer Stich), schwarz-weiß, an einem Schreibtisch sitzend (imago/stock&people)
Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (historischer Stich) (imago/stock&people)
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Wer Hans Sachs war, wusste früh schon der Volksmund: 

"Er war ein Schuh – / macher und Poet dazu." 

Aber wie konnte ein am 5. November 1494 in Nürnberg geborener und in seiner Freizeit dichtender Schuhmacher zu einer der geschichtlich herausragendsten Gestalten im Deutschland des 16. Jahrhunderts aufsteigen, sodass noch gut 300 Jahre nach Sachs‘ Tod Richard Wagner in seiner Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" ihm ein Denkmal setzte?

Schon zu Sachs‘ Zeiten war das mittelalterliche Nürnberg kein idyllisch-verwunschenes Provinznest mehr, sondern – an einem Knotenpunkt wichtiger europäischer Handelsstraßen gelegen – 40-50.000 Einwohnern eine der größten und reichsten Städte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Den Reichtum hat Sachs genau aufgezählt:

"Acht und zwaintzig fünff hundert (gepflasterte) Gassen, hundert sechzehen schöpffbrunnen, zwölff rörbrunnen, zwey thürlein und sechs grosse thor, eylff stayner brücken … , zehen geordnete märkte, dreyzehen … gemein bad-stuben, kirchen etwa auff acht ort …"

Vom Schuhmacher zum "Meistersänger"

Sachs war 22 Jahre alt, als er von einer nach der Schuhmacherlehre traditionsgemäß absolvierten fünfjährigen Wanderschaft nach Nürnberg zurückkehrte, bald darauf eine Familie gründete und sich neben der Arbeit als Schuhmachermeister viel Zeit nahm, um sich im gesellschaftlich-pulsierenden Leben der Stadt zu tummeln und Schreibmaterial aufzunehmen. Den Auftrag zur poetischen Gestaltung des Lebens hatte ihm angeblich eine "Kunstgöttin" erteilt: 

"Zu straff der laster /, lob der tugendt, / Zu lehre der blüenden jugendt, / Zu ergetzung trawriger gmüt."

Sachs nahm den Auftrag so ernst, dass er sich während der Wanderjahre in der damals populären, nach strengen Regeln praktizierten Kunst der "Meistersänger" hatte ausbilden lassen.

Ein freundlicher Herr mit Rauschebart und lachenden Augen – so tritt uns Sachs in zeitgenössischen Gemälden und Holzstichen entgegen, und so werden ihn auch seine Zeitgenossen erlebt haben, die ihre Probleme zwar krass und derb, aber immer humorvoll-gefällig dargestellt sahen. "Reimgeklapper" spotteten manche allerdings auch, und der Philosoph Hegel befand, dass der Autor alle fremden Erfahrungen, mit denen er im europäischen Flair seiner Heimatstadt als Handelszentrum konfrontiert wurde, am Ende immer nur "vernürnbergere". Hielt Sachs sich vielleicht sogar selbst als Poet für zu leichtgewichtig, sodass er auf einmal für lange Zeit verstummte? Als er sich wieder zu Wort meldete, mit dem 1523 erschienenen Gedicht "Die wittenbergische Nachtigall", war darin ein neuer Ton:

"Wacht auf, es nahet sich dem Tag! / Ich höre singen im grünen Hag / Die wonnigliche Nachtigall; / Ihr Lied durchklinget Berg und Thal." 

Nächstenliebe als wichtiges Motiv

Die wittenbergische Nachtigall war Martin Luther und die Lektüre seiner Schriften eines der größten Erlebnisse in Sachs‘ innerem Leben. Luthers Lehre habe er sich allerdings nur selektiv angeeignet, hat der Jenaer Literaturwissenschaftler Reinhard Hahn festgestellt:

"Es sind einzelne Punkte, die ihn angesprochen haben. Die Rechtfertigung allein durch den Glauben ist ein solcher Punkt. Das Postulat der christlichen Nächstenliebe spielt eine wichtige Rolle." 

Indem Sachs sich in seinem Schreiben fortan für die Reformation einsetzte und ihre Ideen durch seine volkstümliche Art des Schreibens einem großen Publikum bekannt machte, vermittelte er überhaupt neue Bildungsinhalte und trug zur Aufklärung im 16. Jahrhundert bei. Solche Wirkung rief allerdings nicht nur wegen der Volten gegen den Papst, sondern auch wegen mancher tagespolitischer Kommentare oft brutale Reaktionen der Zensur hervor.

Sachs selbst ahnte gegen Ende seines Lebens – er starb 1576 im Alter von 81 Jahren -, dass er nur für seine Zeit geschrieben hatte und sein umfangreiches Werk nach seinem Tod schnell vergessen sein würde. Bis Richard Wagner, inspiriert von einem Lobgedicht Goethes auf Sachs, ihn inmitten seiner mittelalterlichen Welt und der Schar der Nürnberger Meistersinger noch einmal leben ließ.

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