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StartseiteKalenderblattHarter Kampf für den Erfolg03.04.2007

Harter Kampf für den Erfolg

Beckett musste für sein "Endspiel" schwere Demütigungen einstecken

Samuel Beckett schätzte sein zweites Bühnenstück "Endspiel" höher als "Warten auf Godot", dessen Pariser Bühnenerfolg ihn 1953 berühmt gemacht hatte. Vor 50 Jahren wurde "Endspiel" in London uraufgeführt.

Von Ariane Thomalla

Der Schriftsteller Samuel Beckett im Jahr 1966. (AP Archiv)
Der Schriftsteller Samuel Beckett im Jahr 1966. (AP Archiv)

Innenraum ohne Möbel. Trübes Licht. Vorne links stehen zwei mit einem alten Laken verhüllte Mülleimer nebeneinander. In der Mitte sitzt Hamm in einem mit Röllchen versehenen Sessel. Das Ganze ist mit einem alten Laken verhüllt. Clov steht regungslos in der Nähe der Tür und betrachtet den Sessel.

London 3. April 1957: Im Royal Court Theatre findet die Uraufführung von Becketts "Endspiel" statt, kurioserweise auf Französisch unter dem in Analogie zum Schachspiel gewählten Titel der französischen Urfassung "Fin de partie". Beckett war leidenschaftlicher Schachspieler. Davon zeugt auch die ausgemessene Genauigkeit der Bühnenanweisungen, der knappen Bewegungen, der Pausen, des Schlurfens von Clov, dem Diener, der im Gegensatz zu seinem Herrn, dem blinden und lahmen Hamm, zwar gehen, aber nicht sitzen kann:

Das freudlose Lachen eines über das Lachen lachenden Lachenden. Leitmotivisch kehrt es wieder. Auch der Satz von Clov:

"Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende."

Ein graues Endzeitszenario, das in der Nachkriegszeit schnell eindeutig scheint - nach Auschwitz und Hiroshima. Hamm konterkariert das streng:

"Wir sind doch nicht im Begriff, etwas zu ... zu ... bedeuten?
Bedeuten? Wir, etwas bedeuten?"

Hamm zieht gleich zu Beginn das Taschentuch von seinem Gesicht wie einen Bühnenvorhang:

"Also ich bin dran. Jetzt spiele ich!"

Theater. Beckett schätzte sein zweites Bühnenstück "Endspiel", das er schweren Schreibblockaden und Depressionen nach dem Tod des Bruders abgetrotzt hatte. Er schätzte es höher als "Warten auf Godot", dessen Pariser Bühnenerfolg ihn 1953 berühmt gemacht hatte. "Endspiel" sei "ziemlich schwierig und elliptisch und unmenschlicher", sagte er und widmete es Roger Blin, dem Regisseur von "Warten auf Godot", einem Artaud-Schüler, von dem er viel Theaterpraxis gelernt hatte:

"Für Sie, wenn Sie es wirklich wollen, aber nur, wenn sie es wirklich wollen. Denn es hat wirklich Bedeutung, alles andere ist nur beiläufig."

Doch kein Pariser Theater wollte das neue Stück spielen. Beckett fühlte sich gedemütigt. Er begann, kaum war die zweite Fassung als Einakter fertig, gleich im Oktober '56 mit den Proben, und zwar in der Wohnung von Roger Blin in der Rue Saint Honoré. Blin übernahm als Regisseur auch die Rolle des Hamm, der Schauspieler Jean Martin den Clov. Beckett war sich als Theaterautor nicht sicher:

"Ich lechze danach, das Stück realisiert zu sehen, ob ich auf einer Art von Weg bin und weiterstolpern kann oder in einem Sumpf."

Ein Trost, dass das Royal Court Theatre in London die Rechte der englischen Fassung von "Endgame", wie es dort heißen sollte, erworben hatte. Beckett, der seit 1945/46 seine Texte auf Französisch schrieb, saß wie besessen an der Selbstübersetzung, kam damit aber kaum zu Rande:

"Mein englischer Schreibstil hat etwas, was mich wütend macht."

Da entschloss sich das Royal Court Theatre, die französische Inszenierung als Ganzes nach London zu holen. Sie passte als Galavorstellung vor erlauchten Gästen in die "French Fortnight", einer von der französischen Exportindustrie in London veranstalteten Festivität. Mindestens 13 französische Theaterkritiker flogen zur Premiere ein. Ihr Weg kreuzte sich mit dem von Beckett, der nach den Proben aus London floh.

Der Abend wurde ein Erfolg. Gleich zwei französische Theater stritten sich jetzt sogar um "Fin de Partie". Am 27. April lief die Londoner Inszenierung bereits im Studio Champs Elyssées in Paris. Ausgewechselt wurde nur Christine Tsingos, die Londoner Nell an der Seite von Georges Adet als Nagg. Sie fürchtete um ihre Karriere, sollte sie auch in Paris als senile Schrumpfgreisin mit Rüschenhaube, großen Kinderaugen und um den Rand geklammerten Händen in der Mülltonne sitzen. 97 Vorstellungen folgten aufeinander. Nach 15 Monaten waren die Schauspieler müde. Robert Blin als Hamm wurde übrigens statt in den prächtigen pelzverbrämten Gewändern in London in Paris in Lumpen gehüllt. Und er saß auch nicht mehr auf einer Art Thron, sondern auf einem abgewetzten Sessel.

Erst ein Jahr später kam Becketts Übersetzung, "Endgame" im Royal Court Theatre auf die Bühne. Das Stück setzte weltweit zu seinem Siegeszug an bis zur parodistischen Etude George Taboris 1998 am Wiener Burgtheater. Legendär auch ist die "Endspiel"-Inszenierung 1967 in den Glanzzeiten des Berliner Schillertheaters mit Ernst Schroeder und Horst Bollmann. Regie: Samuel Beckett.

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