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StartseiteKommentare und Themen der WocheVon Israelhass und Antisemitismus scharf abgrenzen13.05.2021

Hass-Aktionen vor SynagogenVon Israelhass und Antisemitismus scharf abgrenzen

Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts hat es in Deutschland weitere judenfeindliche Vorfälle gegeben. Israelhass und Antisemitismus sind nicht voneinander zu trennen, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Darum müsse auch erneut über die antiisraelische Boykottinitiative BDS diskutiert werden.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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Ein Polizeiwagen steht vor der Synagoge in Gelsenkirchen. Am Vorabend hatte die Polizei einen antisemitischen Demonstrationszug gestoppt, der sich in Richtung des Gebäudes bewegte. Als Folge wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Gebäuden in Nordrhein-Westfalen erhöht. (picture alliance/dpa | Roberto Pfeil)
Polizeiwagen vor der Synagoge in Gelsenkirchen: Dort waren von Demonstranten antisemitische Parolen skandiert worden (picture alliance/dpa | Roberto Pfeil)
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Wer es bislang nicht wahrhaben wollte, muss es jetzt anerkennen: Israelhass und Antisemitismus sind nicht voneinander zu trennen. Sie speisen sich aus derselben Quelle. In Münster und Bonn haben die Täter dies der Öffentlichkeit geradezu demonstriert - in einer Eindeutigkeit, die bislang selten zu sehen war. Sie zündeten vor Synagogen Israel-Fahnen an, in Bonn warfen sie zudem Steine auf die Synagoge.

Ob die Täter Einwanderer waren oder der deutschen Mehrheitsgesellschaft angehörten, ist sekundär. Entscheidend ist: Mit diesen Gewaltakten sprechen sie Israel das Recht auf seine Existenz, das Recht auf Leben ab. Zugleich identifizieren sie Israel und das Judentum in Deutschland unmissverständlich miteinander. Die Botschaft der von Hass erfüllten Täter lautet: Ebenso wie Israel nicht existieren darf, ist auch für jüdisches Leben in Deutschland kein Platz.

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Die Brutalität dieser symbolischen Handlung ist in Deutschland, im Land der Shoah, nicht zu ermessen. Was sie bei Juden auslöst, welche Traumata sie freisetzt, lässt sich erahnen. Die Attacken von Bonn und Münster, ebenso wie die antiisraelische Demonstration in Gelsenkirchen, erschüttern.

Das Verhältnis von Antisemitismus und Israelhass

Jenseits der maßlosen, verstörenden Gewalt im Nahen Osten, deren Zeugen wir in diesen Tagen werden, muss die deutsche Gesellschaft diese brutalen Akte zum Anlass nehmen, abermals über das Verhältnis von Antisemitismus und Israelhass nachzudenken.

Immer wieder haben aufgeklärte Philanthropen in Deutschland in den vergangenen Monaten und Jahren gefordert, zwischen Antisemitismus und Israelhass zu differenzieren. Sie rechtfertigen und beschützen Initiativen wie die antiisiraelische Boykottinitiative BDS und verweisen dabei auf die Meinungsfreiheit in diesem Land.

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Die "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit", ein Zusammenschluss von Intendanten und Direktoren kultureller und wissenschaftlicher Institutionen, stellte sich gegen einen Bundestagsbeschluss zu diesem Thema. Darin hatte das deutsche Parlament vor zwei Jahren die Bundesregierung aufgefordert, BDS-Aktivisten und deren Sympathisanten nicht mehr finanziell und organisatorisch zu unterstützen.

Diese Gebildeten unter den Israelkritikern stellen die Negation Israels durch die BDS-Aktivisten indirekt als eine legitime Position hin. Unter Berufung auf die Meinungsfreiheit in Deutschland. Sie insinuieren, es handle sich beim Boykott Israels aus der Sicht der BDS-Aktivisten um eine politische Position, die sich aus der Situation im Nahen Osten ergibt und die im Rahmen der freien Meinungsäußerung gehört werden sollte.

Ein Spiel mit dem Feuer

Die aktuellen Vorfälle zeigen, dass diese Position der Aufgeklärten gefährlich und letztlich unverantwortlich ist. Sie ist ein Spiel mit dem Feuer. Denn die Negation des anderen, wie sie sich in der antiisraelischen Boykottbewegung BDS zeigt, ist ihrem Wesen nach gewalttätig.

Das Verbrennen einer israelischen Fahne und der pauschale Aufruf zum Boykott aller israelischen Wissenschaftler, Politiker und Produkte entstammen derselben Haltung - dem Antisemitismus. Wer israelischen Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern, Unternehmen die Luft zum Atmen nehmen will, der solidarisiert sich mit denen, die vor Synagogen Fahnen anzünden. Es ist unmöglich, das eine als politisch erlaubt hinzustellen und das andere als verboten.

Den Advokaten der Meinungsfreiheit sollten die jüngsten Akte der Gewalt zu denken geben. Die klare Distanzierung von der BDS-Bewegung, wie sie der Bundestag vor zwei Jahren beschlossen hat, hat ihren Sinn. Sie unterstreicht: Israelhass, der sich im Boykott Israels manifestiert, ist vom Antisemitismus nicht zu trennen – ebenso wie Israelhass, der sich im Verbrennen von Fahnen zeigt.

Israelhass und Antisemitismus speisen sich aus derselben Quelle. Deshalb muss sich die Gesellschaft scharf von beidem abgrenzen – vom Verbrennen von Fahnen ebenso wie vom Israel-Boykott.

Im Übrigen stellt sich diese Frage: Warum ist es anderthalb Jahre nach dem Anschlag auf die unbewachte Synagoge in Halle immer noch möglich, ein jüdisches Gotteshaus in Deutschland zu attackieren - ohne von der Polizei aufgehalten zu werden? Und warum ist es überhaupt möglich, Fahnen vor den Toren von Synagogen zu verbrennen?

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

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