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Freitag, 10.07.2020
 
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Hausarzt der Familie Hitler

Brigitte Hamann: "Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch", Piper Verlag

Über 30 Jahre nach dem Tod des jüdischen Mediziners Eduard Bloch, machte der amerikanische Psychohistoriker Rudolf Binion Ende der Siebzigerjahre mit einer sensationellen These von sich reden. Seiner Theorie zufolge war der jüdische Arzt Eduard Bloch die unterbewusste Ursache für den fanatischen Judenhass Hitlers, hatte der doch einst als Hausarzt der Familie Hitler die krebskranke Mutter Adolf Hitlers nicht heilen können. Dass diese These jeglicher Grundlage entbehrt, beweist nun die Wiener Historikerin Brigitte Hamann in ihrer Biografie über den Linzer Hausarzt Eduard Bloch.

Von Alicia Rust

Im Gegensatz zu seinen Aussagen in "Mein Kampf" war Adolf Hitler in seinen Wiener Jahren bevorzugt mit Juden befreundet.  (AP-Archiv)
Im Gegensatz zu seinen Aussagen in "Mein Kampf" war Adolf Hitler in seinen Wiener Jahren bevorzugt mit Juden befreundet. (AP-Archiv)

Als Eduard Bloch Anfang 1945 im Alter von 73 Jahren in seinem New Yorker Exil stirbt, ist Adolf Hitler in seinen Augen die Verkörperung alles Bösen. Dass dies aber nicht immer so war und der jüdische Arzt einst in tiefer Sympathie mit dem jungen Hitler verbunden war, beschreibt die Wiener Historikerin Brigitte Hamann eindringlich in ihrem Buch. Eine Sympathie, die zudem auf Gegenseitigkeit beruhte. Selbst in späteren Jahren, als Adolf Hitler in aller Öffentlichkeit kein Hehl mehr aus seinem mörderischen Judenhass machte, blieb er dem frommen Eduard Bloch in allerbester Erinnerung verbunden:

"Wenn alle Juden so wären wie er, dann gäbe es keinen Antisemitismus,"

behauptete Hitler allen Ernstes bei seinem Einmarsch in Österreich 1938. Als unermüdlich engagierter "Armenarzt" von Linz genoss Bloch bis dahin ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Auch Hitler erinnerte sich sehr wohl noch an dessen Dienste für seine Familie. Über ein Jahr lang hatte Eduard Bloch die kranke Klara, Hitlers Mutter, einst aufopferungsvoll gepflegt.

Noch Jahrzehnte später erinnert sich Bloch an die erste Begegnung mit der sanftmütigen Frau. Im Januar 1907 hatte sich erstmals eine etwa 50-jährige Witwe, Mutter zweier Kinder, in seiner Sprechstunde vorgestellt.

Bloch: "Sie klagte über Schmerzen auf der Brust, die Schmerzen seien bislang so heftig, dass sie ihr die Nachtruhe raubten. Nach genauer Untersuchung konnte ich mit Sicherheit das Vorhandensein einer bösartigen Neubildung, eines Krebsgeschwulstes feststellen."

Eine Diagnose, einem Todesurteil gleich.

Doch Eduard Bloch kämpfte um das Wohl seiner Patientin. Immer an seiner Seite: ihr zutiefst betroffener Sohn Adolf. Ein schmächtiger junger Mann von gerade einmal 18 Jahren, den seine Mutter abgöttisch liebte. Bloch erinnerte sich an dessen Reaktion auf die Diagnose:

"Sein langes, bleiches Gesicht war verstört. Tränen flossen aus seinen Augen. Hatte denn seine Mutter, fragte er, keine Chance? Erst dann realisierte ich, wie groß die Liebe zwischen Mutter und Sohn war."

Der junge Adolf hatte den erfahrenen Arzt gerührt. Er entwickelte eine tiefe Zuneigung zu dem Jungen, der sich so fürsorglich um die todkranke Mutter kümmerte:

"In meiner ganzen Karriere habe ich niemanden gesehen, der so von Kummer vernichtet war, wie Adolf Hitler,"

berichtet Bloch noch Jahre später in einem amerikanischen Zeitungsinterview. Die Tatsache, dass er sich nie ganz vom jungen Hitler distanzierte, wurde ihm ein Leben lang zum Vorwurf gemacht.
Zwei Postkarten voller Dankesworte erhält Bloch noch von Adolf Hitler nach dem Tod der Mutter, dann reißt der Kontakt ab.

Auch Jahre später wird es zu keiner direkten Begegnung mehr zwischen Arzt und Sohn kommen. Dennoch räumte Hitler ihm Privilegien ein. Und das in einer Zeit, in der die Situation für Juden zunehmend bedrohlicher wurde.

Diesem bescheidenen Linzer Armenarzt gab Hitler das Prädikat eines "Edeljuden." Er wurde unter den Schutz der Linzer Gestapo gestellt, durfte mit seiner Frau weiter in der Wohnung bleiben. Beide lebten unbehelligt von vielen antisemitischen Verordnungen.

Brigitte Hamann beschreibt die ambivalenten Gefühle, mit denen sich der angesehene jüdische Arzt zu diesem Zeitpunkt auseinandersetzen musste. Bloch nutzte den Schutze Hitlers auch, um anderen Juden zu helfen. Doch was Hitler betraf, sah er sich vor eine unlösbare Aufgabe gestellt.

Bloch hatte, was Hitler betraf, höchst zwiespältige Gefühle. Einerseits hasste und fürchtete er die Nazis als Jude. Andererseits konnte er nicht seinen Stolz auf den früheren Patienten verbergen, der es so weit gebracht hatte.

Einem Psychogramm gleich rekonstruiert Brigitte Hamann dabei die Kindheit und Jugend des jungen Adolf Hitler. Ein verzweifelter junger Mann, der unter der Gewalttätigkeit seines Vater litt, der jeglichen schulischen Ehrgeiz vermissen ließ, der von seiner Mutter nichtsdestotrotz vergöttert wurde und der für einen ordentlichen Beruf nicht geschaffen schien.

Adolf wollte Künstler werden, Maler, vielleicht auch Architekt. Die sanfte, liebevolle Mutter unterstützte ihn und gab ihm das Gefühl, etwas ganz besonderes zu sein.

Brigitte Hamann weist auch nach, was Adolf Hitler in jungen Jahren ganz sicher nicht gewesen ist: ein Antisemit. Im Gegenteil. Den engsten Kontakt hatte er mit dem Glasermeister Samuel Morgenstern und seiner Frau Emma, die viel mehr Bilder des jungen Hitler erwarben, als sie jemals in ihrem Laden hätten verkaufen können.

Im Gegensatz zu seinen Aussagen in "Mein Kampf" war Adolf Hitler in seinen Wiener Jahren bevorzugt mit Juden befreundet. Er hatte mit ihnen gerne Geschäfte gemacht und sie als Verkäufer seiner Bilder eingesetzt. Die Vorliebe des jungen Hitler für Juden beschränkte sich jedoch keineswegs auf Bildergeschäfte. So verehrte er Gustav Mahler- zwar nicht als Komponisten aber als idealen Dirigenten der Werke Richard Wagners.

Beeindruckend verwebt Brigitte Hamann den Werdegang des jungen zum späteren Adolf Hitler mit der Lebensgeschichte des Eduard Bloch. Wer allerdings eine tiefgehende Erklärung für den Wandel Hitlers vom Paulus zum Saulus erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Schließlich - und das macht Brigitte Hamann deutlich, geht es hier um die Lebensgeschichte des jüdischen Mediziners Eduard Bloch.

Die weit verzweigte Familienchronik der Familie Bloch gerät mitunter etwas zu verästelt. Insgesamt betrachtet ergeben die Handlungsstränge jedoch das Portrait einer assimilierten und sehr erfolgreichen jüdischen Großfamilie im Umbruch einer unheilvollen Zeit.

Die Grundlage für diese hervorragend recherchierte Biografie lieferten unter anderem die Memoiren Blochs selbst. Kaum fertig gestellt, fehlte ihm danach der Antrieb zum Leben. Anfang Juni 1945 - nur wenige Wochen nach der Kapitulation des Deutschen Reiches - verstarb Bloch im Alter von 73 Jahren in New York. Das ganze Ausmaß der Zerstörung durch Adolf Hitler hat er in diesem Zustand nicht mehr erfahren.

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