Dienstag, 22.01.2019
 
Seit 08:50 Uhr Presseschau
StartseiteEuropa heuteSchwarzarbeit wegputzen28.12.2018

Haushaltshilfen in BelgienSchwarzarbeit wegputzen

Ein Gutscheinsystem sorgt in Belgien dafür, dass Putzhilfen, Bügler oder andere Haushaltshilfen sozialversichert sind und zum Beispiel bezahlten Urlaub machen können. Ein Selbstläufer ist das System allerdings nicht. Staatliche Zuschüsse haben zum Erfolg beigetragen.

Von Paul Vorreiter

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Hände in gelben Handschuhen putzen mit einem orangenen Tuch eine Toillette (Unsplash / rawpixel)
In Belgien hat sich ein Gutscheinsystem für Haushaltsdienste bewährt (Unsplash / rawpixel)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Ende des Wachstums in Belgien Lieber Second Hand und Reparieren

Armenien im Aufbruch (3/5) Schuften in der Fremde

Sozialwissenschaftler zu Mindestlohn "Bräuchten 66 Jahre, um alle Unternehmen mal durchzuprüfen"

Auf dem Weg in das Brüsseler Stadtzentrum zu Dorota Sokól. Die 42-jährige Polin arbeitet als Putzkraft in der belgischen Hauptstadt. 1998 war sie mit ihrem Mann nach dem Abitur hergezogen. Die ersten Jahre waren schwer: Für Polen galten in einer Übergangsphase nach dem Beitritt des Landes zur EU Einschränkungen bei den Arbeitserlaubnissen. Dorota schlug sich durch, alle Polinnen putzten damals schwarz, sagt sie.

Befreiungsschlag für Schwarzarbeiterinnen

Für sie war die Einführung des Gutschein-Systems ein Befreiungsschlag:
"Jeder wollte in diesem neuen System arbeiten, denn es war billiger, diesen Gutschein zu bezahlen, als uns schwarz zu bezahlen. Niemand von uns musste mehr Angst haben, erwischt zu werden. Plötzlich waren wir auch unfallversichert. Wir klettern ja auf Treppen und Leitern hoch, da kann immer etwas passieren. Und mit der sozialversicherungspflichtigen Arbeit wurden wir auch kreditwürdig, bekamen Geld bei der Bank, erwarben Rentenansprüche, die wir sonst nie gehabt hätten und konnten das gesamte Versicherungssystem in Anspruch nehmen."

Belgien hat das Gutscheinsystem im Jahr 2004 auf föderaler Ebene eingeführt, heute verwalten es die drei Regionen Brüssel, Flandern und Wallonien. Wer interessiert ist, kann über eine Firma die Gutscheine erwerben, die sog. "titres services". Zertifizierte Dienstleistungs-Agenturen vermitteln dann die Haushaltskräfte. Ein Coupon steht für eine Stunde Arbeitszeit und kostet neun Euro. Ein Preis, der attraktiver sein soll, als eine Putzkraft unter der Hand zu bezahlen. Die Haushaltshilfe profitiert wiederum davon, dass der Job sozialversicherungspflichtig ist, sie krankenversichert ist, sowie Urlaubs- und Rentenansprüche erwirbt. Insgesamt kostet die Dienstleistung 22 Euro pro Stunde. Der Staat schießt also 13 Euro dazu.

Mehr als Putzen

Anspruch auf die Gutscheine haben alle in Belgien wohnhaften, erwachsenen Bürger; je nach Bedarf lassen sich damit erledigen: Putzarbeiten, Bügelservice, Einkäufe des täglichen Bedarfs oder Fahrdienste für Menschen, die nur eingeschränkt mobil sind. Pro Kalenderjahr sind in der Regel 500 Dienstleistungsschecks pro Single erlaubt, die ersten 400 Schecks zum Stückpreis von neun Euro, die weiteren 100 à zehn Euro. Nach Angaben des Dachverbands der zuständigen Vermittlungsfirmen haben im Jahr 2016 gut 140-tausend Haushaltshilfen im Gutscheinsystem gearbeitet. Gut eine Million Menschen nutzten die Voucher. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 130 Millionen von den "titres services" verkauft. Für das 11-Millionen-Einwohnerland Belgien ist das eine erhebliche Anzahl. Das Gutscheinsystem hat auch einen sozialen Anspruch: Es soll Menschen helfen, die Schwierigkeiten haben, eine Arbeit zu finden. Migranten, Flüchtlingen, Langzeitarbeitslosen, Geringqualifizierten. Zwar sind aus staatlicher Sicht mit dem System Kosten verbunden, aber auch viele Vorteile, schilderte Caroline van Beveren in einem Interview, die lange Zeit im flämischen Arbeitsministerium für die Schecks zuständig war.

"Hier in Flandern sind die Kosten im Jahr ungefähr 1,2 Milliarden Euro. Das sind die Bruttokosten. Aber davon muss man abziehen: Die Steuern, die die Unternehmen bezahlen, die Leistungen für Arbeitslose, die nicht mehr notwendig sind. Also es zahlt sich an vielen Stellen aus."

1.400 Euro monatlich

Ob das Modell in Deutschland Schule machen könnte, in dem etwa vier Millionen Menschen als Haushaltshilfen arbeiten? Schätzungsweise drei Viertel von ihnen schwarz? Für Dorota ist schwarzarbeiten jedenfalls keine Option mehr. Heute putzt sie 32 Stunden in der Woche, meistens sechs Stunden am Tag. Falls einer ihrer Kunden mal abfällt, kann sie in einem Bügelservice arbeiten, sie verdient also immer Geld: Minimum 1.400 Euro netto im Monat, sagt sie. Trotz vieler Vorteile, die die 42-Jährige jetzt hat, eine Arbeit für immer ist das trotzdem nicht:

"Nein, also ich arbeite schon zu lange. Ich habe Rückenschmerzen und mich hat der Arzt auch gerade krankgeschrieben. Ich arbeite schon seit fast zehn Jahren als Putzfrau und nun habe ich vor, Ende dieses Jahres oder kommendes Jahr wieder nach Polen zu gehen."

Anders als in den 90er Jahren, als Dorota aus der strukturschwachen Gegend im Osten Polens bei Bialystock nach Belgien kam, kann sich die 42-Jährige inzwischen eine Zukunft in ihrem Heimatland vorstellen:

"Bei uns in Polen werden Pflegerinnen gesucht und ich denke, mit meiner Ausbildung werde ich immer einen Job finden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk