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StartseiteCampus & KarriereMit Studium mehr auf Augenhöhe01.05.2019

Hebammen-AusbildungMit Studium mehr auf Augenhöhe

Noch ist die Ausbildung zur Hebamme und zum Entbindungshelfer an einer Hochschule die Ausnahme. Eine EU-Richtlinie sieht jedoch vor, dass ab 2020 das Studium die Regel sein soll - an der Bochumer Gesundheitsschule ist dies bereits möglich. Studierende erhoffen sich durch das Studium gute Chancen am Arbeitsmarkt.

Von Christiane Tovar

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Ein schreiendes Baby (Deutschlandradio / Axel Schröder)
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Die junge Frau hat starke Wehen. Vor ein paar Minuten ist sie in den Kreißsaal gekommen. Hier wartet schon ihre Hebamme:

"Dann gehen wir einmal rüber, dann dürfen Sie einmal sich am Geländer halten."

Gut vorbereitet auf den Klinikalltag

Vorsichtig steigt die werdende Mutter über eine Treppe in eine große Badewanne. Hier möchte sie gleich ihr Kind zur Welt bringen. Doch soweit wird es nicht kommen. Denn schwanger ist hier niemand. Die jungen Frauen spielen die anstehende Geburt nur. Im so genannten Skills-Lab an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, einem modern ausgestatteten nachgebildeten Kreißsaal, trainieren sie die praktischen Fähigkeiten, die sie später in ihrem Beruf brauchen. Neben diesen Übungen gehören noch Vorlesungen und Seminare zum achtsemestrigen Studium. Auf dem Stundenplan stehen dann unter anderem Fächer wie Anatomie und Biologie, erklärt Professor Annette Bernloer. Die Hebammenwissenschaftlerin leitet die Übung:

"Wir versuchen es immer so aufzubauen, in der Theorie lernen und hier üben, sei es die Blutentnahme, sei es intramuskuläre Spritzen, Betreuung unter der Geburt. Zwischendurch wird es Übungen geben zum Dammschutz, zum Abnabeln. "

Außerdem arbeiten die Studentinnen zwischendurch immer wieder für mehrere Wochen in verschiedenen Kliniken und sammeln unter anderem Erfahrungen im Kreißsaal, in der Kinderklinik und im gynäkologischen OP. Theorie, Übungen und Praxis - bis hierhin unterscheidet sich das Studium der Hebammenkunde gar nicht so sehr von der klassischen Ausbildung an einer Fachschule. Doch einen wichtigen Unterschied gibt es, sagt Valerie Schleyer. Sie studiert im ersten Semester Hebammenkunde und hat sich für diesen Weg entschieden.

"Weil man von Anfang an lernt, wie liest man Studien, wie arbeitet man wissenschaftlich? Vom ersten Tag ist das drin und so hat man ein gutes Vorwissen. Und gerade in der Geburtshilfe, dass man mit diesen Infos umgehen kann und nicht sagt, man macht das so."

Auf Augenhöhe miteinander arbeiten

Damit, sagt Professor Nicola Bauer, die den Studiengang an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, leitet, seien die Bachelor-Hebammen besser als ihre klassisch ausgebildeten Kolleginnen auf den Alltag in der Klinik vorbereitet:

"Das heißt, dass Studierende auf Augenhöhe mit anderen Disziplinen oder Professionen arbeiten können, weil sie wissen, wovon sie dann sprechen."

Nicht zuletzt eröffne eine akademische Ausbildung gute Entwicklungsmöglichkeiten, meint Nicola Bauer. Ein Argument, das auch die Studentin Valerie Schleyer überzeugt hat:

Ein Piktogramm weist am 12.02.2016 auf einem Klinikwegweiser in Marburg (Hessen) den Weg zum Kreißsaal der Uniklinik.  (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi )Hebammen, die ein Bachelor-Studium absolviert haben, können anschließend nicht nur in der Geburtshilfe, sondern in die Forschung arbeiten (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi )

"Ich habe schon eine Vorausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Das ist eine Einbahnstraße, das geht nicht weiter. Und wenn man das Studium gemacht hat, und den Bachelor gemacht hat, kann man weitermachen, man kann in die Forschung gehen, in die Lehre."

Noch ist es eher die Ausnahme, dass Hebammen und Entbindungshelfer - so heißt der Beruf, wenn Männer ihn ausüben - an einer Hochschule ausgebildet werden. Doch ab 2020, so sieht es eine EU-Richtlinie vor, soll das Studium für Hebammen die Regel sein.

Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Für den Deutschen Hebammenverband ist die Akademisierung lange überfällig. Denn der Arbeitsalltag, so das Hauptargument, sei im Laufe der Jahre immer anspruchsvoller geworden. Hebammen müssten heute zum Beispiel viel häufiger Frauen mit Risikoschwangerschaften oder Frühgeborene betreuen. Akademisch ausgebildete Hebammen, sagt Nicola Bauer, hätten deswegen sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt:

"Die Studierenden haben im siebten Semester meist schon vier bis fünf Stellenangebote. Wir sehen, dass unsere Absolventinnen nach kurzer Zeit zusätzliche Aufgaben in ihrer Hebammenarbeit haben, das kann im Qualitätsmanagement sein, in der Leitung oder Umsetzung von Projekten."

Diese Aufgaben laufen in der Regel zusätzlich zur Arbeit im Kreißsaal denn auf die traditionelle Hebammenarbeit möchten die meisten nicht verzichten:

"Wir wissen, dass sie zu über 90 Prozent in die Praxis gehen, das heißt klinisch oder außerklinisch in der Versorgung von Frauen und ihren Kindern arbeiten."

Bezahlung weiterhin ein Problem

Inwieweit sich der Arbeitsalltag der Bachelor-Hebammen dabei ganz konkret von dem ihrer klassisch ausgebildeten Kolleginnen unterscheidet, soll eine Studie zeigen, die für diesen Sommer angekündigt ist. Und natürlich ist auch die Bezahlung ein wichtiges Thema. Denn noch bekommen alle Hebammen das gleiche Geld, ganz unabhängig von ihrer Ausbildung. Nicola Bauer:

"Ich denke aber, das wird sich in Zukunft langsam aber sicher ändern. Wir sehen das schon bei Absolventinnen von uns, die, wenn sie einen Arbeitsvertrag eingehen natürlich als Bachelor-Hebamme noch mal andere Aufgaben übernehmen, sodass ich dann bei meinen Verhandlungen noch mal drauf einwirken kann, dass ich besser bezahlt werde."

Professor Dirk Böhmann von der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin, zu der unter anderem die Bundesärztekammer und der Marburger Bund gehören, ist da weniger optimistisch:

"Das ist ein großes ungelöstes Problem, denn die tarifrechtlichen Auswirkungen einer Akademisierung in den Gesundheitsberufen sind noch nicht geregelt. Das kann natürlich nicht sein, das führt zweifelsohne nicht zu einem Mehr an Attraktivität sondern zu einem Frustrationseffekt."

Dass die Bedingungen nicht optimal sind, weiß Valerie Schleyer. Doch das nimmt sie in Kauf. Sie hat trotz ihres Studiums den Wunsch, erst mal ganz klassisch in der Geburtshilfe zu arbeiten und spricht dabei auch für ihre Kommilitoninnen. Eine Entscheidung, die auch die Kliniken freuen wird, weil sie dringend Hebammen brauchen.

"Ich würde gern im Kreißsaal arbeiten, um einfach Erfahrung zu sammeln in der Geburtshilfe, weil ich glaube, dass man im Studium einen guten Grundstein bekommt, aber tatsächlich über die Erfahrung daran wächst. Wie sich das entwickelt, kann ich natürlich nicht sagen, aber die Möglichkeit habe ich natürlich und das gibt mir einen sehr großen Freiraum, mich zu entscheiden und mich weiterzuentwickeln."

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