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StartseiteKommentare und Themen der WocheEinen schnellen Durchbruch wird es nicht geben 05.03.2019

Heilung von HIV Einen schnellen Durchbruch wird es nicht geben

Bei einem HIV-positiven Mann sind fast drei Jahre nach einer Stammzelltransplantation keine Viren mehr nachweisbar. Ein Standardverfahren lasse sich daraus jedoch nicht entwickeln, kommentiert Martin Winkelheide. Es werde vermutlich noch viele Jahre dauern, bis es eine Chance auf Heilung für viele gebe.

Von Martin Winkelheide

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Tabletten eines an AIDS erkrankten Menschen liegen in Tagesrationen und in Blistern sowie einer Dose auf einem Tisch (dpa / Jens Kalaene)
Eine Therapie bietet Ansteckungsschutz mit nur winzigem Risiko. (dpa / Jens Kalaene)
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Der Berliner Patient ist kein Einzelfall mehr. Wiederholbarkeit ist ein wichtiges Kriterium in der Wissenschaft. Jetzt wissen wir: Im Prinzip ist es möglich, eine HIV-Infektion zu heilen. Aber: Es ist nur unter sehr besonderen Umständen möglich und machbar. Der Berliner und auch der Londoner Patient litten unter Krebs. Unter Blutkrebs der eine, unter Lymphdrüsenkrebs der andere. Beides sind lebensbedrohliche Erkrankungen. Die Heilung von HIV war ein glücklicher Nebeneffekt einer erfolgreichen, sehr belastenden Krebsbehandlung.

Beide Patienten erhielten nach einer aggressiven Chemotherapie eine Stammzelltransplantation. Ihr krankes blutbildendes System ist durch ein neues, gesundes ersetzt worden. Die Ärzte wählten dazu Zellen von Spendern aus, die nicht empfänglich sind für AIDS-Viren. Es fehlen auf den Zellen – bildlich gesprochen – die Türklinken. Die Türen bleiben daher versperrt, durch die das AIDS-Virus normalerweise in die Zellen hineinschlüpft, um sich darin zu vermehren. Das neue Immunsystem ist also unempfindlich, immun gegen HIV. Eine kluge Idee der Wissenschaftler. Und eine Idee, die funktioniert.

Stammzelltransplantation ist belastend

Aber: eine Stammzelltransplantation ist eine belastende Behandlung und eine riskante dazu. Patienten sind in den ersten Wochen und Monaten extrem empfindlich. Schon – für Gesunde banale Infekte - sind lebensbedrohlich. Es kommt immer wieder vor, dass Patienten an den Folgen der Behandlung sterben. Nur die Aussicht auf Heilung einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung rechtfertigt, die Risiken einer Stammzelltransplantation in Kauf zu nehmen. Die Stammzelltransplantation, das lässt sich heute schon sagen, wird kein Standardverfahren werden, um Menschen mit HIV zu heilen. Sie ist zu aufwändig, zu teuer und eben zu riskant.

Forscher gehen das Projekt Heilung systematisch an

Menschen mit HIV würde man niemals diesen Risiken aussetzen. Schon weil es gut wirksame, erprobte und verträgliche Medikamente gibt, mit denen sich die Infektion für Jahre, ja für Jahrzehnte gut unter Kontrolle halten lässt. Trotzdem. Schon der Berliner Patient hat die Forschung inspiriert. Forscher träumen nicht mehr nur davon, HIV von einer behandelbaren zu einer heilbaren Krankheit zu machen. Sie gehen das Projekt Heilung inzwischen systematisch an. Sie haben auf einigen Dutzend Seiten offene Fragen formuliert und Ideen zusammengetragen: Was muss passieren, um ein weniger riskantes und dennoch wirksames Heilverfahren zu entwickeln? Einige der offenen Fragen sind beantwortet. Der Londoner Patient hilft, weitere Antworten zu finden. Einen schnellen Durchbruch wird es nicht geben. Es wird vermutlich noch viele Jahre dauern, bis es eine Chance auf Heilung für viele gibt. Diese Chance sollte nicht ungenutzt bleiben. Denn: Wäre HIV heilbar, liesse sich die globale Epidemie schneller und effektiver stoppen.                     

 

      

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