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StartseiteEuropa heuteRumänische Identität aus Holz17.05.2019

Heimat und HäuserRumänische Identität aus Holz

Holzhäuser mit Schindeldach und Kachelofen erinnern viele Rumänen an überwundene Armut. Wer es sich leisten kann, baut sich ein Haus aus Stein. Ein Stück rumänische Tradition gerät in Gefahr - doch ein Paar aus Bayern baut mit Holz dagegen an.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

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Volker Bulitta, Unternehmensberater aus Bayern, investiert in den Bau traditioneller Holzhäuser in Rumänien (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
Volker Bulitta, Unternehmensberater aus Bayern, investiert in den Bau traditioneller Holzhäuser in Rumänien (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
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Das Dach stützt sich schwerfällig auf die Balken der Holzterrasse. Die Türen hängen schief in den Angeln. Wie ein rumänisches Großmütterchen sackt das Haus von Jahr zu Jahr mehr in sich zusammen.
Toader Koman öffnet das Holztürchen, schiebt sich ins Dunkel seiner Kindheitstage:

"Hier war ein Bett, da hab ich mit meinem kleinen Bruder und meinem Vater drin geschlafen, da vorne war ein zweites Bett, da schliefen deine Mutter, deine Tante und deine Oma drin... Es war eine schöne Kindheit, aber auch hart, wir mussten viel arbeiten."

Zu neunt haben sie damals hier auf wenigen Quadratmetern geschlafen, erzählt der 76-Jährige. Schon lange ist sein Elternhaus nicht mehr bewohnt.

Innenansicht des alten Holzhauses, in dem der Rumäne Toader Koman lange lebte (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Innenansicht des alten Holzhauses, in dem der Rumäne Toader Koman lange lebte (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Toader selbst hat sich ein Haus direkt daneben gebaut, aus Stein, mit Wellblechdach. Das ist praktischer als Lehmwände und Holzschindeln auf dem Dach, die alle paar Jahre ausgebessert werden müssen.

"Da hinten war der große Ofen, da konnte man sieben, acht Brote gleichzeitig backen."

"Als ich kleines Kind war, da war gab es hier noch keinen Strom."

"Ja, so war das!"

Zeugen beständigen Wandels

So war das bis Mitte der 80er-Jahre überall abseits der Hauptstraße im rumänischen Dorf Moisei. Hinten im Raum liegt noch die alte Petroleumlampe, daneben alles, was die Komans nicht mehr brauchen: Strohmatratzen, ein ausrangierter Kühlschrank, ein alter Computerbildschirm – Zeugen beständigen Wandels.
Die Lehmwände des Häuschens sind verputzt und hellblau gestrichen, darauf gedruckte Blumenmuster. Solche Verzierungen waren früher in jedem rumänischen Haus hier in den Nordkarpaten zu finden. Jetzt herrscht in den Neubauten im Ort das globalisierte Standardweiß.

Das alte Holzhaus, in dem der Rumäne Toader Koman lange lebte (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Aus Stein, nicht aus Holz: Toader Komans Haus (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

"Von diesen alten Häusern gibt's nur noch wenige. Die Leute sind jetzt alle in Italien und bauen sich mit dem Geld neue Häuser im modernen Stil. Aber die sind alle unbewohnt, ist ja keiner mehr da! (lacht)"

Wer im Ausland zu Geld gekommen ist, baut sich ein neues, großes Steinhaus im "Stil occidental", wie die Rumänen sagen. Möglichst vier Stockwerke, Doppelgarage und Balkon mit Stahlgeländer. Die traditionellen Holzhäuser verschwinden, obwohl einige fast so schön sind wie die zur Touristenattraktion erklärten Holzkirchen in der Region.

"Alle Häuser, die Sie hier sehen, sind leer"

Im bayerischen Trachtenjanker, den großen Hirtenhund Patrick neben sich, begrüßt Volker Bulitta die Gäste seines Landguts Sesuri. Das liegt etwa 30 Kilometer von Moisei entfernt.

"Wenn sie da drüben gucken, die weißen Berge, das ist noch Rumänien. Dahinter liegt die Ukraine."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Europa, das ist hier! Wie der EU-Beitritt ein rumänisches Dorf verändert hat".

Vor ihm liegen Hügel, Wälder, Berge. Hinter ihm: ein traditionelles rumänisches Holzhaus – die Balken von Regen, Schnee und Sonne gedunkelt vom Verstreichen der Zeit.  

"Das Häuschen stand schon so da?", fragen wir.

"Hier stand null, sagt Bulitta. "Hier war Urwald."

Wie es auf dem Hügel thront, inmitten einiger Birken sieht es so aus, als hätte es sich schon immer über das Tal erhoben.

"Hier ist alles entstanden, was Sie hier sehen, durch die Hand unserer Mitarbeiter, durch unsere Hände. Alle Häuser, die Sie hier sehen, sind leer, zerstört in den Dörfern gekauft, restauriert und aufgebaut worden."

"Holzhütte ist der Inbegriff von Rückständigkeit und Armut"

Volker Bulitta geht zu seinem Jeep, um das ganze Landgut zu zeigen.

"Wir haben hier 130 Hektar, haben wir im Laufe der letzten 14 Jahre zusammengekauft."

Seine Highland-Rinder, die Wiesen, vor allem aber die alten Holzhäuser, die sie restauriert – und als Touristenunterkunft hergerichtet haben: So bewahren die Bulittas die Jahrhunderte alte Tradition der Maramures, die mit dem neuen Wohlstand aus dem Westen drohen verloren zu gehen.

"Wenn jemand hier heiratet, wünscht man sich ja ein Haus aus Stein. Das ist der Inbegriff von Wohlstand, und eine Holzhütte ist der Inbegriff von Rückständigkeit und Armut. Als wir 2005 hier anfingen, haben die gedacht, wir sind bescheuert oder wir haben kein Geld. Warum die Deutschen auf diesem Berg, außerhalb des Dorfes Holzhäuser aufbauen… Mittlerweile sagen sie so: Boah, hätten wir das vorher gewusst… Ja, Freunde. Man muss wagen!"

In den 90er-Jahren führte ein Wanderurlaub den Unternehmensberater und seine Frau Lilli in die Karpaten, sie verliebten sich in die Region – und beschlossen, sich hier eine neue Heimat aufzubauen.

"Es geht nicht darum, die alte Zeit zu glorifizieren"

Volker Bulitta parkt seinen Jeep vor einen bunten Holztor: Dargestellt sind darauf Männer, die ihre Flaschen heben, trinken, feiern, musizieren. Die Bemalung stammt von einem bekannten Künstler der Region. Das Tor sollte verfeuert werden. Bulittas Verwalter hat es gerade noch rechtzeitig gefunden.

Traditionelles Holztor in einem Karpatendorf (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Vor dem Feuer gerettet: ein traditionell bemaltes Holztor (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Dahinter steht ein weiteres traditionelles Häuschen, das die Bulittas restauriert haben – gerettet vor dem Abriss.

"Es geht ja nicht darum, die alte Zeit zu glorifizieren. Es geht darum, Identität zu behalten – und es prägt ja auch die Kulturlandschaft."

Wir gehen zum Haus – um einen Blick hineinzuwerfen.

"Alles, was Sie sehen, haben wir mit unserem eigenen Team gemacht. Wir haben 14 Festangestellte mittlerweile. Wir sind leider der größte Arbeitgeber im Dorf. Das sagt ja schon, dass es hier auch keine Firmen gibt."

Drinnen erinnert nur noch wenig an eine traditionelle Bauernkate. Stattdessen erwartet die Gäste eine geräumige, gemütliche Küche, ein modernes Bad. Willkommen im Komfort des Hier und Jetzt.

"Viele gelebte Traditionen brechen weg"

"Das ist die Küche, die haben wir entworfen und in unserer Werkstatt gebaut."

Alles ist dekoriert mit teuren Antiquitäten aus ganz Europa, in den Regalen finden sich Bücher über das "Wohnen im Landhaus", Pilze, Pflanzen und Kurzgeschichten von Hemingway.

Draußen, zwischen den Birken neben dem Haus wartet eine Hängematte auf die ersten Gäste. Krokusse strecken ihre Köpfe durch das winterfahle Gras. Volker Bulitta geht den Hügel hoch – zu einem Aussichtsbänkchen.

"In den ersten Jahren haben wir das durch eine rosarote Brille gesehen. Es war auch vieles, was sich hier Tradition nennt, bedingt durch bittere Armut und politische Repression. Das ist ja weg, die Repression, die Armut ist nur noch in kleinen Teilen da. Und damit ist ein Freiraum geschaffen, der nicht immer einen guten Weg nimmt, muss ich sagen. Es brechen auch viele gelebte Traditionen weg, der Zusammenhalt der Menschen ist nicht mehr so. Wir können die Leute ja nicht im Freilichtmuseum halten, nur weil es uns gefällt."

Kein Auto ist zu hören, kein Fabriklärm. Nur aus der Ferne klingt Hundebellen zu uns herauf.

"So. Gehen wir."

"Schade. Ich könnte hier die ganze Zeit sitzen bleiben."

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