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StartseiteSprechstundeLebensrettender Ruck10.10.2017

Heimlich-Griff als Erste HilfeLebensrettender Ruck

Atemnot, Würgen, blau angelaufenes Gesicht: Wenn ein Fremdkörper die Luftröhre blockiert, kann das schnell lebensgefährlich sein. Doch gibt es eine Sofortmaßnahme, die Menschen vor dem Erstickungstod retten kann: der Heimlich-Griff, benannt nach seinem Erfinder. Doch der ist nichts für Ungeübte.

Von Mirko Smiljanic

Ein Einsatzfahrzeug mit der Aufschrift Notarzt am 08.10.2017 in Hürth bei Köln. (dpa / Horst Galuschka)
Diagnostizieren die Notärzte ein echtes Bolusgeschehen, ist wegen der Erstickungsgefahr Eile geboten (dpa / Horst Galuschka)
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Mai 2016, Cincinnati im US-Bundestaat Ohio, mittags in einem Seniorenheim. 20 Männer und Frauen sitzen an Tischen und essen. Für den Hauptgang hat der Küchenchef Hamburger vorbereitet.

Die Stimmung ist prima, bis unvermittelt eine 87-Jährige hektisch würgt und sich voller Angst umschaut. Ein Stück Fleisch ist in ihre Luftröhren geraten. Panik macht sich breit, sie droht zu ersticken. Da steht am Nebentisch ohne Hast ein 96-jähriger Mann auf, stellt sich hinter die Frau, umfasst mit den Armen ihren Körper so, dass beide Fäuste auf dem Oberbauch liegen - und drückt mit einem kräftig Ruck zu. Noch einmal würgt die Frau, dann spuckt sie das Stück Fleisch aus.

Der 96-Jährige hat das unter Notärzten bekannte "Heimlich-Manöver" angewandt. Dafür, dass er es so gut beherrschte, gibt es einen triftigen Grund: Der Mann heißt Dr. Henry Jay Heimlich, er hat das Manöver erfunden.

1974 kommt die Idee zum rettenden Ruck

Heimlich wurde 1920 in Delaware geboren, er studierte in New York Medizin, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre als Thorax-Chirurg arbeitete. 1974, kurz bevor er nach Cincinnati an die Xavier University wechselte, kam ihm die Idee mit dem rettenden Ruck: Wenn etwas feststeckt, bekommt man es mit Druck wieder frei. Details zum Heimlich-Manöver erläutert Andreas Becht, Notarzt und Dozent am Institut für Notfallmedizin und Rettungswesen in Düsseldorf.

"Das Manöver soll angewandt werden, wenn der Atemweg durch einen Fremdkörper komplett verlegt ist. Das Ziel dieses Manövers ist, den Fremdkörper so weit zu entfernen, dass wieder ein Luftstrom im Atemweg möglich ist."

Was nicht bedeutet, dass jeder Fremdkörper im Atemweg - Notfallärzte sprechen auch von einem "Bolusgeschehen" - automatisch ein Heimlich-Manöver nach sich zieht. Fremdkörper im Mundbereich zum Beispiel lassen sich einfacher mit den Fingern, Pinzetten oder speziellen Zangen entfernen. Steckt etwas tief in der Luftröhre, sieht die Situation aber anders aus, so Nik Bongartz, Ausbilder am Institut für Notfallmedizin in Düsseldorf.

"Ein weiteres Kriterium ist wirklich dieses Würgen des Patienten, blau angelaufen, absolute Todesangst, Unruhe des Patienten, die Patienten laufen teilweise umher, weil sie stärkste Luftnot haben, wie gesagt, schon mit einem blaugefärbten Gesicht oder hochrotem Gesicht. Das wären so die Indikationen, wo wir sagen, okay, das ist ein sogenanntes Bolusgeschehen, hier müssen wir tätig werden und unter Umständen den Heimlich-Griff anwenden, das Heimlich-Manöver."

Manöver erfordert Kraft

Diagnostizieren die Notärzte ein echtes Bolusgeschehen, ist wegen der Erstickungsgefahr zwar Eile geboten - aber bitte keine Hektik!

"Man tritt hinter den Patienten und streicht jetzt im Bereich des Brustkorbes lang und fühlt den Bereich, wo ich jetzt im Oberbauch bin, das heißt, unterhalb des knöchernen Bereiches, unterhalb der Rippen, des Thorax, umarme quasi den Patienten, drücke beide Fäuste, die ineinander verschränkt sind, auf den Bauch und übe einen Druck nach hinten oben aus, um über die Bauchorgane den Druck zu erhöhen, weitergeleitet über das Zwerchfell in die Lunge, um dann zu hoffen, dass der Fremdkörper sich löst und lockert."

Der Notarzt oder Rettungssanitäter baut mechanisch einen Überdruck in der Lunge auf.

"So dass der Fremdkörper vergleichbar vielleicht mit einem Korken nach oben rausgedrückt wird oder zumindest so verschoben wird, dass wieder ein Luftstrom möglich ist."

Für Zartbesaitete ist das Heimlich-Manöver ungeeignet, es erfordert körperlichen Einsatz, so Notarzt Andreas Becht.

"Man muss Energie aufwenden, Kraft aufwenden, und das ist auch das Risiko bei diesem Handgriff, dass man durch die hohen Kräfte, die man aufwendet, Verletzungen im Bereich des Oberbauches und der Organe im Bereich des Oberbauches setzen kann. Deshalb wird das auch nicht empfohlen bei kleinen Kindern unter einem Jahr."

Neben Schäden an Magen oder Milz besteht noch eine weitere Gefahr.

"Typische Notfallbeispiel, der Patient hat gerade gegessen, der Magen ist voll mit Essen und Trinken, jetzt übe ich da Druck aus, das heißt, ich locker unter Umständen nicht nur den Fremdkörper in der Luftröhre, sondern befördere jede Menge Speisebrei mit nach oben durch die Speiseröhre, was dann, wenn der Patient wieder Luft holt, so er denn wieder Luft holen kann, und mein Manöver primär erfolgreich war, atmet er jetzt wieder Speisebrei ein und aspiriert, hat also letztlich wieder Speisebrei in der Lunge."

Risiko von Verletzungen - trainieren schwierig

Das Heimlich-Manöver findet ebenfalls keine Anwendung, wenn der Patient schon bewusstlos ist, so Nik Bongartz.

"Das heißt, er hat aufgrund des Sauerstoffmangels einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Dann beginnen wir direkt mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung, das heißt, dieses typische Heimlich-Manöver, den Druck auf den Oberbauch, wird in dem Fall gar nicht mehr durchgeführt. Entwickelt worden ist es auch von Dr. Heimlich halt für den Ersthelfer, kein typisches Mittel für den Rettungsdienst."

Ersthelfer, also wir alle, sind aber häufig überfordert. Wer erinnert sich noch an alle Griffe aus dem Erste-Hilfe-Kurs? Vielleicht reicht es für die stabile Seitenlage, aber das Heimlich-Manöver - so man es überhaupt gelernt hat - kennt kaum jemand. Was sicher auch daran liegt, dass kaum jemand sich als Trainingspartner zur Verfügung stellt.

"Das Risiko von Verletzungen der oberen Bauchorgane und auch dass der Magen beschädigt wird, ist natürlich bei einem Patienten, der kein Bolusgeschehen hat, ist natürlich nach wie vor gegeben. Also ich würde es nicht trainieren bei jemandem, nein!"

Die 87-jähige Dame aus dem Altenheim in Cincinnati hat alles gut überstanden. Es war Dr. Henry Jay Heimlichs letzter aktiver medizinischer Einsatz. Er starb ein paar Monate später am 17. Dezember 2016 an den Folgen eines Herzinfarkts.

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