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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Heinrich Mann: Zur Zeit von Winston Churchill31.01.2005

Heinrich Mann: Zur Zeit von Winston Churchill

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2004, 546 Seiten, 22,90 Euro

<strong>Wie viele seiner Zeitgenossen war Heinrich Mann ein glühender Bewunderer der bolschewistischen Oktoberrevolution. Nicht einmal die Stalinschen Schauprozesse durchschaute er, und in ihren Opfern sah er konterrevolutionäre Verbrecher. Erst der Hitler-Stalin-Pakt stimmte ihn nachdenklich, aber erst Stalins Überfall auf Finnland ließ ihn auf Distanz zur Sowjetunion gehen. Der exilierte Schriftsteller suchte ein neues politisches Orientierungssystem und fand in Churchill einen Politiker, auf den er jetzt seine Hoffnungen im Kampf gegen Hitler Deutschland setzte. "Zur Zeit von Winston Churchill" hat der Fischer Verlag einen Band überschrieben, in dem er im Rahmen seiner Heinrich Mann-Gesamtausgabe erstmals das Tagebuch des Schriftstellers über die Zeit von Kriegsbeginn bis Ende 1939 veröffentlicht und dies mit einem Essay kombiniert, den Heinrich Mann "Rückblick vom Jahr 1941 auf das Jahr 1939" überschrieben hat. Agnes Hüfner:</strong>

Von Agnes Hüfner

Bei einer Auktion in Großbritannien wurden 150.000 Miniatursoldaten versteigert, darunter auch Figuren von Adolf Hitler und Winston Churchill (AP)
Bei einer Auktion in Großbritannien wurden 150.000 Miniatursoldaten versteigert, darunter auch Figuren von Adolf Hitler und Winston Churchill (AP)

Unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 3. September 1939, beginnt Heinrich Mann ein Tagebuch zu führen. Abweichend vom Üblichen, den Tagebüchern des Bruders Thomas etwa, enthalten seine Aufzeichnungen kaum private Äußerungen und keinerlei Auskunft über seine literarischen Arbeiten. Das Tagebuch ist Mitschrift der laufenden Ereignisse und zugleich Kommentar. Als der Autor im Sommer 1940 aus Frankreich in die USA flieht, bittet er den amerikanischen Konsul in Marseille, das Manuskript als Diplomatenpost an die Library of Congress in Washington zu schicken – der damals sicherste Transportweg. Im Frühjahr 41 trifft das Manuskript in den USA ein. Heinrich Mann sucht einen Verlag. Um dem amerikanischen Leser das ferne Europa und den fremden Krieg verständlich zu machen, schreibt er eine Einleitung, die er dem Tagebuch voransetzen will. Sie entwickelt sich zu einem Essay von fast hundert Seiten. Essay und Tagebuch sollen unter dem Titel "Zur Zeit von Winston Churchill" erscheinen. Das erste Wort heißt: Europa.

Europa ist ein sehr großer Gegenstand, ein unvergleichlich größerer als seine Kriege, mitsamt diesem letzten. Wer eigene Erfahrungen mit diesem gefährlichen, zuerst sich selbst gefährlichen Teil der Erde niederlegt, muss ihn insgesamt geliebt haben. Ich sage nicht: gekannt. Ein Wesen, das nie stillhält, täuscht in jeder seiner Haltungen. Aber keine widerlegt die andere. Dieser Krieg scheint alles Voraufgegangene abzustreiten, die ganze Gerechtigkeit, Erkenntnis, Güte, die während besonnener Zeiten erstrebt worden war. Eher ist er ein Umweg dorthin und schien vermeidbar für die Vernunft - die dennoch weiterhandelt.

Die Größe Europas im Frühjahr 41 zu behaupten und mit dieser Behauptung ein zur Veröffentlichung in den USA vorgesehenes Buch zu beginnen, ist ein kühnes Unterfangen. Polen, Norwegen, Belgien, Holland, Luxemburg, Griechenland sind erobert, Frankreich zu drei Fünfteln besetzt, der unbesetzte Teil kooperiert mit den Nazis, der Überfall auf die Sowjetunion steht bevor. Heinrich Mann geht es darum, seine Verbundenheit mit Europa gleich anfangs klarzustellen. Er beschreibt sich als einen Beteiligten, der in der Tradition der Aufklärung steht, und als einen Historiker, der um Wahrheitsfindung bemüht ist. Von der Ungewissheit über den Verlauf von Geschichte ist er überzeugt.

Der deutsche Sieg, vorläufig nur angedeutet in dem verzerrten Bild dieser Tage, kann nächstens, übernächstens die allein begriffene Wirklichkeit sein. Das Dümmste wird begreiflich, wird annehmbar, wenn der Augenschein gegen die Vernunft ist. Die Skepsis, eine Vorbedingung jedes bescheidenen Wissens, rät dringender als je vorher, auch das Gegenteil des Vernünftigen zu erwägen. Schlicht und wahr, wir Menschen insgesamt, gemäß der Beschaffenheit jedes Einzelnen, taumeln von der vorigen Erniedrigung zur nächsten Schuld. Die Abstände dazwischen lohnen immer noch das Leben und die Unsterblichkeit.

In der Einleitung konzentriert sich Heinrich Mann auf die Frage, warum die westlichen Demokratien – mit Ausnahme des kampfbereiten England – Hitler so lange nichts entgegensetzten. Er zählt verschiedene Gründe auf, die eingebildete Sicherheit der Kontinentaleuropäer, der Erste Weltkrieg sei der letzte gewesen, Nachsicht gegenüber dem Importeur Drittes Reich, die – wie er es nennt - "Selbstabschlachtung" der beiden größten Revolutionen, gemeint ist der Nichtangriffspakt der Sowjets und die Waffenstillstandserklärung der Franzosen. Am Ende fragt er:

Der übernimmt die moralische Heilung der Erkrankten und des schwersten Falls unter ihnen? Von sämtlichen Fragen an die Zukunft ist diese die ganz vernachlässigte.

Das Tagebuch ist ungleich umfangreicher als der Essay. Heinrich Mann notiert fast täglich, wie und warum der Krieg fortschreitet. Zunächst setzt er seine Hoffnung auf Frankreich. Ihm widmet er viele Seiten. Das mag heute etwas langatmig erscheinen. Anderes entschädigt. In der "unwillkürlichen Combination aus Erfahrung, Reflexion und dem Lauf dem Welt", wie er seine Aufzeichnungen nennt, berichtet er über Gespräche mit Freunden, zitiert einen seiner Aufrufe an die Deutschen, den Krieg zu sabotieren, fügt fiktive Dialoge in den sachlichen Text ein, zum Beispiel eine Unterhaltung zwischen Hitler und Himmler nach dem Attentat Georg Elsers im Münchner Bürgerbräukeller:

Himmler: Wer soll nach dem Attentat Täter werden von der Tat? Ich war so frei, die Liste liegt bei.
Hitler: Recht brav. Recht fleißig. Die kannst du alle hinrichten. Aber es sind nicht genug. Wo bleiben meine Monarchisten? Mein Kardinal? Mein Kronprinz? Immer bei den feinen Leuten verliert ihr die Laune. Du bist mir ein schöner Bolschewik!


Aufschlussreich und in der Gedankenführung dem Essay vergleichbar, sind Heinrich Manns Überlegungen zum Hitler-Stalin-Pakt vom August 39. Äußert er sich zunächst persönlich - "ich war betroffen und ratlos wie der und jener" –, geht er sogleich daran, den Sinn des für ihn Unwahrscheinlichen zu erkunden. Er befragt die Geschichte, referiert die kontroversen Argumente der Zeitgenossen, probiert mögliche Erklärungen durch. Er spricht vom Verrat des moskowitischen Despoten an der eigenen Sache, erwägt den Begriff Manöver und bezeichnet, gesetzt, das wäre der Fall, den Verrat als "beinahe rühmlich". "Den einfachsten Sinn des Ereignisses", schreibt er, "kennen die geschworenen Antikommunisten. ... Wir wissen nichts". Den unmittelbaren Schaden, ergänzt er, haben die Kommunisten im Westen. Im Nachwort des Buches liest man über Heinrich Mann und der Nichtangriffspakt:

So manche liebevoll gepflegte Illusion musste einer für ihn sehr schmerzhaften Desillusionierung weichen. Auch einige der für Heinrich Mann bisher absolut unerschütterlichen Axiome im bislang unüberbrückbar erscheinenden Gegensatz zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland mussten nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes ... einer schmerzlichen Neubewertung unterzogen werden.

Die Unsitte mancher Biographen, sich in den Gegenstand ihrer Arbeit einzufühlen, einmal beiseite gelassen, erstaunen die Heinrich Mann zugeordneten Begriffe Illusion und Desillusion. Sie sind das typische Nachwende-Missverständnis, das darin besteht, jeden dem Sozialismus seiner Zeit zugeneigten Autor für einen Verirrten, wenn nicht Irren zu halten. Heinrich Mann, ein Liebhaber Voltaires und dessen Skepsis dem sittlichen Fortschritt der Völker gegenüber, antwortet in seinem Tagebuch:

Ich halte meine Aufzeichnungen, inmitten all ihrer Irrtümer, im Ganzen für wahr. Ich bin von Tag zu Tag den Vorgängen gefolgt, ich habe die Hoffnungen um mich her gesammelt, mit eingeschlossen die Vorzeichen ihre Zusammenbruchs. … Die Irrtümer sind wörtlich stehen geblieben, ich bereue sie nicht. Die Irrtümer sind, was am Reichlichsten lohnt. Gegen die augenfällige Wirklichkeit gehalten, zeigen sie, wer wir waren und warum.

Das Buch "Zur Zeit von Winston Churchill" bietet das seltene Vergnügen, ein Tagebuch im Spiegel des kommentierenden und gelegentlich korrigierenden Blicks seines Autors zu lesen. In den USA wurde es nicht veröffentlicht und nirgends sonst. Etliche Passagen übernahm Heinrich Mann, teils wörtlich, teils sinngemäß in sein Memoirenbuch "Ein Zeitalter wird besichtigt", darunter die Nacherzählung einer frühen, zufälligen Begegnung mit Churchill in Rom: "Er war ein Herr", berichtet Heinrich Mann, "neben ihm wurde jeder Beliebige weniger als das." Auch in den 1944 abgeschlossenen Memoiren nennt er Winston Churchill noch einen der großen Männer. Als der große Mann nach dem Krieg das Bündnis mit den Sowjets rasch aufgibt, ändert der Autor seine Meinung. Und auch die Hoffnung auf eine europäische Konföderation musste er schließlich aufgeben.

Agnes Hüfner über Heinrich Mann: "Zur Zeit von Winston Churchill". Der Band ist im Frankfurter Fischer Verlag erschienen, umfasst 546 Seiten und kostet 22,90 Euro. Er erscheint im Rahmen der Heinrich Mann-Werkausgabe. Er ist historisch-kritisch aufgemacht, enthält ein Nachwort, Informationen zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte, ein Variantenverzeichnis, einen Sachkommentar und zusätzliche Materialien wie Briefe, eine Zeittafel und mehrere Register.

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