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StartseiteHintergrundHeiße Luft als Ware05.04.2005

Heiße Luft als Ware

Erfahrungen mit dem Emissionsrechtehandel

Ziel des Emissionshandels ist es, Kohlendioxid und fünf weitere Treibhausgase dort zu senken, wo es am kostengünstigsten ist. Das Interesse großer Unternehmen am spekulativen Klimahandel steigt. Es ist möglich, dass der europäische Emissionshandel ein weltweites Erfolgsmodell wird.

Von Ralph Ahrens

Emissionshandel ermöglicht Klimaschutz zu geringen ökonomischen Kosten   (AP)
Emissionshandel ermöglicht Klimaschutz zu geringen ökonomischen Kosten (AP)
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Der Gehalt des Treibhausgases Kohlendioxid, kurz CO2, in der Atmosphäre steigt weiter an. Das Klima auf der Erde wird wärmer - und das hat durchaus unangenehme Folgen. Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch nennt ein Beispiel:

" In Nepal, wo es um einen Grad durchschnittlich wärmer geworden ist im letzten Jahrzehnt, sind im Himalaja so viele Gletscher geschmolzen, dass sich dort jetzt 50 große Seen gebildet haben, von denen einige drohen abzugehen. Das heißt, dass die Ufer nicht das Wasser halten können und das dadurch Zehntausende, wenn nicht gar Millionen Menschen heimatlos überschwemmt, ihr Haus verlieren könnten oder ähnliches. "

Die Zunft der Klimawissenschaftler prognostiziert mehr Unwetter, schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel. Sie geht davon aus, dass sich in diesem Jahrhundert die Temperatur auf der Erde um 1,5 bis 5,7 Grad erhöhen wird.

" Fünf Grad Unterschied waren es nur bis zur letzten Eiszeit. Das heißt, hier geht es wirklich um enorme Dimensionen."

Und die Politik reagiert. 1992 hat die Weltgemeinschaft sich auf die Klimarahmenkonvention geeinigt. Fünf Jahre später folgte das Kyoto-Protokoll mit einer konkreten Aufgabenverteilung. Die Europäische Union beispielsweise sagte damals zu, ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2012 um acht Prozent zu senken. Und um der globalen Erwärmung wirksam zu begegnen, haben sich die Staaten in Kyoto auf einen grundlegend neuen Politikansatz geeinigt, erklärt Kai Schlegelmilch aus dem Bundesumweltministerium:

" Bisher durfte man sozusagen unbegrenzt letztendlich Emissionen ausstoßen. Jetzt ziehen wir erstmals - und das gilt eben auch weltweit - für die Industriestaaten absolute Limits ein, absolute Grenzen ein, bis zu der sie ausstoßen dürfen. Und müssen eben sehen, wie sie das untereinander am effizientesten verteilen, wer wo wie viel ausstößt."

... etwa durch den Emissionshandel. Ziel dabei ist es, Emissionen von Kohlendioxid und fünf weiteren Treibhausgasen dort zu senken, wo es am kostengünstigsten ist. Dass das funktionieren kann, weiß Lutz von Meyerinck, Direktor bei BP, aus eigener Erfahrung:

" Wir haben den Emissionshandel in der BP ausprobiert. Wir haben aus heutiger Sicht ein Pilotprojekt in der Zeit 1999 bis 2001 durchgeführt im Konzern, haben alle Geschäftseinheiten weltweit an diesem System beteiligt und haben im Prinzip damit im Kleinen vorweg genommen, was heute Gesetz ist."

Und das mit Erfolg - und teilweise mit einfachen Maßnahmen wie dem Austausch von alten Druckventilen durch moderne elektronisch gesteuerte Ventile.

" Unsere Schätzung ist, dass wir etwa 600 bis 650 Millionen Dollar eingespart haben durch diesen Emissionshandel - weil wir weniger Energie verbraucht haben im ganz großen Rahmen."

Nach dem Kyoto-Protokoll soll der weltweite Emissionshandel erst 2008 beginnen. Die Europäische Union nimmt ihre Vorreiterrolle im internationalen Klimaschutz aber ernst und geht rascher voran: In diesem Jahr erhalten EU-weit rund 5000 große und mittelständische Industriebetriebe erstmals CO2-Zertifikate, mit denen sie handeln können. Kai Schlegelmilch:

" Die Europäische Union hat beschlossen, schon im Jahr 2005 bis zum Jahr 2007 eine erste Periode zu beginnen, um mit dem Emissionshandel Erfahrungen zu sammeln. Daher wird das unter anderem als Experimentierphase bezeichnet, weil es einfach wichtig ist, dass die Unternehmen lernen, mit diesem doch neuen Instrument umzugehen."

Doch zuerst müssen die CO2-Zertifikate, die jeweils einer Tonne Kohlendioxid entsprechen, verteilt werden. Und das erfolgt in jedem EU-Staat nach einem nationalen Zuteilungsplan. In Deutschland ist es so, dass Industrie- und Energieunternehmen nicht mehr als 503 Millionen Tonnen Kohlendioxid in jedem der drei Jahre 2005 bis 2007 emittieren dürfen. Die Deutsche Emissionshandelsstelle beim Umweltbundesamt vergibt jedoch weniger Zertifikate. Zum einen, weil viele kleinere Betriebe gar nicht am Europäischen Emissionshandel teilnehmen dürfen. Zum anderen, so Hans-Joachim Nantke von der Emissionshandelsstelle:

" Jetzt wird darauf - und das ist das Ziel des ganzen Instruments - der Klimaschutzfaktor gelegt, nämlich eine Kürzung um 0,4 Prozent. Dann landen Sie bei 499 Millionen Tonnen. Und diese 499 Millionen Tonnen sind zu verteilen pro Jahr. Davon gehen 495 Millionen Tonnen an Bestandsanlagen, also an Anlagen, die es jetzt schon gibt. Der Rest ist Reserve für Anlagen, die neu in den Markt eintreten. "

Und dieses Budget an 495 Millionen Tonnen verteilt die Deutsche Emissionshandelsstelle zurzeit in Form von CO2-Zertifikaten kostenlos an die Betreiber von 1.849 Anlagen, nachdem die Europäische Kommission den deutschen Zuteilungsplan genehmigt hatte.
Dieser erste deutsche Zuteilungsplan wird aber vielleicht gar nicht viel für den Klimaschutz bringen, meint Hans-Joachim Ziesing vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

" Es ist gar nicht der Druck dazu da, die Emissionen deutlich zu senken. Sondern es wird ganz vielen das gegeben, was sie sowieso emittieren würden. Das heißt im Grunde aber auch, dass kein Handel entsteht, weil, wenn ich nichts brauche, werde ich nicht nachfragen, und dann werde ich auch nicht handeln. Insofern wird es, glaube ich, in der ersten Periode etwas wenig effizient sein."

Doch das bleibt abzuwarten. Das Abenteuer Emissionshandel hat jetzt begonnen: im Februar an der skandinavischen Strombörse Nordpool und vor vier Wochen an der European Energy Exchange in Leipzig. Stefan Niessen von der Europäischen Energiebörse.

"Der börsliche Spotmarkt ist am Mittwoch, den 9. März gestartet. Und seitdem läuft hier täglich um 10 Uhr eine Auktion auf unserem elektronischen Handelssystem - und in dieser Aktion können alle bei uns auf dem Spotmarkt zugelassenen Unternehmen Emissionsrechte kaufen und verkaufen. Aus den Geboten der Handelsteilnehmer ergibt sich dann täglich tagesaktuell der aktuelle Preis."

Am 9. März wechselten in Leipzig die ersten Emissionsberechtigungen für 10 Euro 40 ihren Besitzer. Seitdem stieg die Nachfrage und der Preis für eine Tonne Kohlendioxid hat sich auf 13 bis 14 Euro eingependelt. Für diesen relativ hohen Preis kann das kalte Wetter der letzten Wochen eine Ursache gewesen sein, meint Stefan Niessen:

" Das hatte zur Folge, dass der Stromverbrauch stark gestiegen ist, was wiederum zur Folge hatte, dass mehr Strom erzeugt werden musste mit thermischen Kraftwerken. Die thermischen Kraftwerke haben mehr CO2 emittiert als man das in den Prognosen erwarten konnte. Das heißt, die Nachfrage nach CO2-Emissionsrechten ist gestiegen. "

Für die großen Energieversorger gewinnt der Emissionshandel also schon an Bedeutung. Und der Handel mit CO2-Zertifikaten beeinflusst bereits die Entscheidungen mancher Unternehmen - etwa der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke, RWE, beim Bau neuer Braunkohlekraftwerke in den technisch höchsten Wirkungsgrad zu investieren.

Nicht nur das. Bereits seit 2003 schließen Unternehmen Termingeschäfte ab. Das heißt zwei Vertragspartner einigen sich darauf, zu welchem Preis sie zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt wie viel Emissionsrechte handeln werden. Der Vorteil: Solche Geschäfte erlauben es etwa Energieversorgern, sich gegen Risiken steigender Preise abzusichern. Die RWE haben sich von Beginn an an diesen Termingeschäften beteiligt. Ludwig Kons von RWE Trading:

" Die für uns wesentlichen Erfahrungen in der frühen Handelsphase sind, der Emissionshandel ist von der Industrie als Instrument zum Klimaschutz anerkannt. Das zeigt sich daran, dass die Industrie auf eigene Initiative hin Handelsstandards entwickelt haben, dass einige europäische Unternehmen Ressourcen und Risikokapital in die Hand genommen haben, um diesen Emissionshandel so früh wie möglich zu starten."

Den Überblick über die Termingeschäfte und börslichen Aktivitäten hat die Deutsche Emissionshandelsstelle. Dort verwalten Thomas Schütz und sein Team die CO2-Konten jeder einzelnen Industrieanlage elektronisch mit einer neu entwickelten Software:

" Das ist jetzt die Startseite des Deutschen Emissionshandelsregisters, das ist einfach eine Internetanwendung, wie on-line banking, wenn man so will. Und wenn man jetzt hier handeln will, das heißt Emissionsberechtigungen übertragen will, dann muss man sich erst mal dem System gegenüber kenntlich machen, sich also anmelden. Mit einem Nutzernamen und einem Passwort. (...) Jetzt hat uns das System also reingelassen. Und wenn ich jetzt hier als Betreiber, als Besitzer einer Anlage, die emissionshandelspflichtig ist, drin bin, dann kann ich hier mein Konto sehen. Und sehe zum Beispiel, dass auf meinem Konto 12.532 Emissionsberechtigungen drauf sind. "

Der Überblick ist wichtig. Denn im Frühjahr des Folgejahres wird abgerechnet. Wenn eine industrielle Anlage mehr an Kohlendioxid emittiert hat, als ihr nach den CO2-Zertifikaten zustand, muss ihr Betreiber Strafe zahlen: 40 Euro für jede Tonne Überschreitung in der ersten Handelsperiode von 2005 bis 2007, 100 Euro pro Tonne in der zweiten Handelsperiode von 2008 bis 2012. Der Anlagenbetreiber braucht jedoch keine Strafe zahlen, wenn er bis April des Folgejahres der Emissionshandelsstelle nachweisen kann, das er sein Konto durch Zukäufe ausgeglichen hat.

" Wenn ich jetzt meine Emissionsberechtigungen verkauft habe an einen Geschäftspartner und der Verkauf hat stattgefunden, das heißt, die sind bezahlt worden, dann muss ich diese Emissionsberechtigungen dem anderen auf sein Konto übertragen. Und das mache ich ganz normal, wie ich das bei einem Bankkonto auch mache - also ich fülle praktisch eine Überweisung aus, wo drin steht, von welchem Konto auf welches Konto."

Aber nicht für jeden Betrieb zahlt es sich aus, sich mit dem neuen Handel intensiv zu beschäftigen, meint Michael Klein von der Beraterfirma 500 PPM in Hannover. Viele mittelständische Betriebe würden nur relativ wenig Kohlendioxid freisetzen

" Für die ist das nur eine lästige Pflicht. Ein Beispiel sind viele Ziegeleien, Familienbetriebe oftmals mit vielleicht 15 Mitarbeitern, 20 Mitarbeitern, wo auch jeder aus der Familie noch anpackt, die eigentlich verschwindend geringe Emissionen haben. Und die stehen dann einem RWE, einer EON gegenüber. Das hat also keine Relation."

Während ein Kohlekraftwerk mit mehreren 100.000 Tonnen Kohlendioxid jährlich zur Klimaerwärmung beitragen kann, bläst eine kleine Ziegelei oft weniger als 100 Tonnen CO2 in die Luft. Solche Betriebe sollten sich überlegen, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt, selber zu handeln, meint Michael Klein und verweist auf eine Fülle kostenloser Beratungsangebote, die einige Bundesländer und einige Unternehmerverbände zur Verfügung stellen. Generell haben die Firmen zwei Möglichkeiten:

" Erstens: Ich gehe passiv ran. Das heißt, ich schaue mir irgendwann 2007 an, wo stehe ich. Logge mich auf eine Handelsplattform ein oder rufe einen Händler an, der mir die notwendigen Zertifikate besorgt, und damit hat sich die Sache.
Oder ich gehe aktiv ran: Beobachte die Sache, also beobachte den Markt ein wenig, und kümmere mich regelmäßig darum, dass mein Konto ausgeglichen ist. Und natürlich für die großen Energieunternehmen, da wird es auch interessant, eher spekulativ an den Markt heranzugehen und wirklich in den Handel und die Marktanalyse einzusteigen. "

Und das Interesse großer Unternehmen am spekulativen Klimahandel steigt. Das zeigt sich auch an den Besuchern von Messen zum Emissionshandel - wie der "Carbon Expo" Mitte Mai in Köln oder der "Carbon Market Insight", die im März in Amsterdam stattfand. Dort war auch Garth Edward, Klimaschutzexperte der Shell AG:

" Der Emissionshandel ist für die Firmen kein Umweltthema mehr. Das sieht man hier auf dieser Messe. Es sind nicht die Leute aus den Umweltabteilungen dabei, sondern die, die das Kapital kontrollieren. Also, für die Firmen ist der Emissionshandel ein Geschäft geworden, in dem sie agieren werden."

Andererseits ist der Markt noch neu und unsicher. Ludwig Kons von der RWE:

" Der Markt zeigt eine hohe Sensitivität hinsichtlich politischer Aussagen und Entscheidungen. Wenn man sich die historische Preisentwicklung des Handels bisher ansieht, dann kann man feststellen, dass einige der starken Preisveränderungen im Zusammenhang stehen mit politischen Entscheidungen beziehungsweise zu politischen Aussagen zu den nationalen Allokationsplänen."

So fiel im März Jahr 2004 der Preis für ein CO2-Zertifikat im Handel mit Termingeschäften von 13 auf 7 Euro, als mehrere EU-Staaten nationale Zuteilungspläne mit einer sehr großzügigen Zuteilung von Zertifikaten bekannt gaben. Als dann aber die Europäische Kommission verlauten ließ, dass sie hart mit diesen Plänen umgehen wolle, stiegen die Preise wieder leicht an.

So ungewiss wie die Preisentwicklung, so ... Ungewiss ist die Zukunft der sieben Klimabörsen, die in Europa zurzeit ihre Dienste anbieten. Stefan Niessen von der Europäischen Energiebörse in Leipzig:

" Das hat zwei Gründe: Der eine Grund ist, dass es sich vom Tag eins an um ein europaweites Geschäft handelt. Das heißt, es gibt von Anfang an einen europaweiten Wettbewerb. Und der zweite Grund ist, dass der Markt für Emissionsrechte vergleichsweise klein ist."

Denn nur ein kleiner Teil aller CO2-Zertifikate wird gehandelt werden. Die Unternehmen benötigen diese Emissionsberechtigungen größtenteils für den Betrieb ihrer eigenen Anlagen. Die Leipziger Energiebörse geht davon aus, dass - sowohl über den Spotmarkt als auch über Termingeschäfte - in den ersten drei Jahren nicht mehr als jeweils 150 Millionen CO2-Zertifikate gehandelt werden. Das werde kaum für alle sieben Handelsplätze reichen, meint auch Geschäftsführer Albert de Haan von der Amsterdamer European Climate Exchange:

" Der Markt wird bestimmen, wie viele Handelsplattformen es geben wird. Ich glaube, für Termingeschäfte wird nur eine Börse überleben - und das werden wir sein! Aber es wird mehrere Börsen für die regionalen Strommärkte geben - etwa in Frankreich oder in Deutschland. So hat Leipzig bereits jetzt enge Kontakte zu den deutschen Stromherstellern und -verteilern."

Doch Stefan Niessen sieht den Standort Leipzig nicht als regionale Börse. Der Name "Europäische Energiebörse" sei Programm:

" Den ersten Teil unseres Namens - European -, den leben wir auch heute bereits. Denn von unseren Handelsteilnehmern ist gut die Hälfte gar nicht aus Deutschland, sondern aus dem Ausland. Wir haben Handelsteilnehmer aus 16 verschiedenen Ländern, darunter auch aus den USA, wobei diese Unternehmen sowohl Strom, als auch CO2 handeln können, denn es ist ja ein- und dieselbe Börse."

An der Leipziger Börse wird bereits seit dem Jahr 2000 mit Strom gehandelt - mit dabei sind die RWE, der französische Konzern edf, und auch viele deutsche Stadtwerke.

" Wir haben die Handelsteilnehmer, die ohnehin von dem CO2-Handel betroffen sind, bereits wegen dem Stromhandel auf unserem Markt. Die sind bei uns aktiv - und für die ist der Handel mit CO2-Rechten eben einfach nur ein "Mausklick" entfernt und von daher gesehen rechnen wir uns gute Chancen aus."

Aber auch die Amsterdamer Klimabörse schaut optimistisch in die Zukunft. Sie ist eine Tochter der Umweltbörse aus Chicago. Und diese Umweltbörse hat bereits in den USA im Handel mit anderen Umweltschadstoffen - Schwefeldioxid und Stickoxiden - gute Erfahrungen gesammelt. Aus der europäischen Wirtschaft sind jedoch skeptische Töne zu hören: Denn die Amsterdamer Börse musste den Handelsstart bereits zweimal verschieben - er soll jetzt am 22. April erfolgen. Als Ausgleich, so Albert de Haan:

" Wir haben uns entschieden, im ersten Jahr - also 2005 - keine Gebühr zu verlangen, denn wir starten später als erwartet. Und in den ersten Jahren erwarten wir auch keinen Gewinn. Der Markt muss sich erst entwickeln. Wir erwarten Gewinn mit der Kyoto-Periode, also ab 2008. Denn dann haben wir einen weltweiten Markt."

Ob der Markt ab dem Jahr 2008 dann wirklich weltweit sein wird, ist ungewiss. Hans-Jürgen Nantke von der Deutschen Emissionshandelsstelle bleibt aber zuversichtlich:

" Wir haben Anfragen hier von Staaten, die bisher mit dem Emissionshandel nichts zu tun haben. Das sind andere Industriestaaten in Amerika zum Beispiel, es sind Schwellenländer in Asien, die sich dafür interessieren, die sich informieren, was macht ihr hier eigentlich. Und wenn es uns gelingt, den europäischen Emissionshandel zu einem Erfolgsmodell zu machen, dann denke ich, wird die Ausstrahlung auch so sein, dass es sich weltweit durchsetzen wird."

Ganz konkret: Japan und Kanada sind interessiert. Auch aus den USA gibt es Anfragen, weiß Albert de Haan von der Amsterdamer Klimabörse:

" Das Interessante ist, dass die US-amerikanische Regierung multilaterale Abkommen wie das Kyoto-Protokoll zwar ablehnt, dass aber Kalifornien und neun weitere Staaten im Nordosten der USA mit dem europäische System zusammenarbeiten wollen. Ich kann Ihnen sagen: In den USA gibt es viel Druck, einem Emissionshandelssystem beizutreten."

Es ist also durchaus möglich, dass der europäische Emissionshandel ein weltweites Erfolgsmodell wird.
Offen ist aber, wie ernsthaft die EU selbst auf den Emissionshandel setzt. Zum einen hat der Emissionshandel noch gar nicht überall begonnen. So konnte die Europäische Kommission die nationalen Zuteilungspläne von Griechenland, Italien, Polen und der Tschechischen Republik noch nicht genehmigen. Zum zweiten forderten die europäischen Staatschefs auf ihrem Frühjahrstreffen vor zwei Wochen zwar, alle Industriestaaten sollten bis zum Jahr 2020 die Emissionen an Treibhausgasen um 15 bis 30 Prozent senken. Ob ihren Worten auch Taten folgen, muss sich erweisen. Die nächste Gelegenheit dafür bietet sich schon bald - nämlich dann, wenn in jedem Mitgliedsstaat die Gespräche über die Verteilung der CO2-Zertifikate für die zweite Handelsperiode beginnen. Matthias Duwe vom Klimaaktionsnetzwerk in Brüssel:

" Ganz wichtig ist, dass wir für die Periode 2008 bis Ende 2012, die ja gleichzeitig ist mit dem internationalen Kyoto-Protokoll, dass wir für diese fünf Jahre stärkere Ziele für den Industriesektor sehen. Dieser Bereich der europäischen Wirtschaft ist verantwortlich für gut die Hälfte aller Kohlendioxidemissionen. Und für die Erzielung langfristiger Klimaschutzreduktionsziele ist es wichtig, dass der Sektor einen Beitrag leistet."

Doch zurzeit ist es in keinem EU-Staat en vogue, die Wirtschaft zu belasten - also im Falle des Emissionshandels das Budget an verfügbaren CO2-Zertifikaten stark zu kürzen, um den Preis für die Zertifikate zu erhöhen und so Investitionen etwa in energieeffizientere Anlagen zu erleichtern. Dabei seien große Teile die Wirtschaft durchaus bereit, in Klimaschutz zu investieren, meint Bruno Vanderborght von der Zementfirma HOLCIM. Aber sie brauchen Planungssicherheit.

" Wir müssen wissen, wo wir stehen werden - nicht in drei Jahren, sondern in 20, 30 Jahren. Wenn die Politik uns sagt, "liebe Zementindustrie, in 20 Jahren müsst Ihr die Emissionen um 30 Prozent senken", dann tun wir das. Wenn aber immer nur von drei oder fünf Jahren geredet wird, dann haben wir wirklich kein langfristiges Ziel."

Das ist die Aufforderung an die Europäische Politik - an die Europäische Kommission und jeden EU-Staat -, sich möglichst bald auf konkrete langfristige Zielvorgaben für die Industrie zu einigen. Und für Vanderborght und viele andere in der Wirtschaft ist der Emissionshandel das Instrument, das in der Industrie Klimaschutz zu den geringsten Kosten ermöglicht.

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