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StartseiteForschung aktuellSpäte Entschädigung für Nutzung "unsterblicher" Zelllinie23.12.2020

HeLa-ZellenSpäte Entschädigung für Nutzung "unsterblicher" Zelllinie

Wer im Labor mit menschlichen Zellen arbeitet, kennt wahrscheinlich HeLa-Zellen. Sie stammen von Henrietta Lacks, der sie vor fast 70 Jahren aus einem Tumor entnommen wurden. Doch sie wusste nichts von ihrer Spende an die Wissenschaft. Jetzt soll geschehenes Unrecht mit Geldgeschenken wiedergutgemacht werden.

Von Thomas Reintjes

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Eine Mikroskopaufnahme von HeLa-Zellen (picture alliance/AP Photo; National Center for Microscopy and Imaging Research )
HeLa-Zellen stammen von Henrietta Lacks. Sie lassen sich im Labor beliebig vermehren. (picture alliance/AP Photo; National Center for Microscopy and Imaging Research )
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Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks 

Als der Pharmakologe David Kroll Ende der 80er-Jahre seine Doktorarbeit schrieb, arbeitete er mit HeLa-Zellen. So wie tausende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen weltweit. Doch woher die Zellen stammten, darüber wusste er wenig.

"Ich wusste nur, dass die Zellen von einer Nonprofit-Organisation stammen, die sie zum Selbstkostenpreis verkauft hat. In meiner Doktorarbeit habe ich geschrieben, die Zellen kamen aus einem Labor ein Stockwerk tiefer. Und das war alles. Das ist für mich einer der größten Schwachpunkte meiner Doktorarbeit."

Denn die Zellen sind Teil eines unrühmlichen Kapitels der Wissenschaft. Der Öffentlichkeit präsentiert wurden sie erstmals 1951. Da tritt der Wissenschaftler George Guy im amerikanischen Fernsehen auf. Er hält ein Fläschchen in die Kamera:

"Let me show you a bottle in which we have grown massive quantities of cancer cells..."

Er hat darin Krebszellen wachsen lassen. Zum ersten Mal ist es gelungen, menschliche Zellen im Labor zu vermehren. Ein großer Durchbruch und Gey träumt schon davon, Krebs für immer zu heilen.

Die Wahrheit kommt nur zufällig ans Licht

Die Spenderin der Zellen erlebt die Fernsehsendung nicht mehr. Sie ist wenige Stunden vorher an ihrem aggressiven Krebs gestorben. Henrietta Lacks wurde nur 31 Jahre alt. Sie wusste nicht, dass ihre Zellen in Geys Labor weiterleben würden – niemand hatte es für nötig befunden, sie bei der Entnahme um Erlaubnis zu bitten. Auch ihre Hinterbliebenen, inklusive ihrer fünf Kinder sollten erst viele Jahre später erfahren, dass Zellen ihrer Mutter weiterleben. Inzwischen in Laboren auf der ganzen Welt. Dort haben die Zellen eine entscheidende Rolle gespielt, Polio-Impfungen zu entwickeln. Sie wurden und werden eingesetzt, um neue Methoden und Wirkstoffe mit menschlichen Zellen zu testen – von In-vitro Fertilisation bis Krebsforschung. Die Familie hat davon nicht etwa von einem Forscher oder einer Ärztin erfahren, wie Henrietta Lacks' Enkelin Jeri Lacks-Whye erzählt:

"Die Frau von Henriettas ältestem Sohn war zum Abendessen bei einer Freundin, die auch Verwandte zu Besuch hatte. Als meine Tante sich vorstellte, sagt einer am Tisch, er kenne den Namen Lacks, er arbeite mit HeLa-Zellen, die von einer jungen Frau namens Henrietta Lacks stammten. Meine Tante sagte, die sei doch schon seit mehr als 20 Jahren tot. Sie war schockiert."

Auf den Schock folgt Verunsicherung und über Jahre hinweg kann die Familie kaum begreifen, was genau in Laboren mit den Zellen ihrer Mutter und Großmutter geschieht. Wenn Familienangehörige Fragen stellen, werden sie von Wissenschaftlern immer wieder respektlos behandelt. Das ändert sich erst, als Journalisten der Geschichte der HeLa-Zellen nachgehen - vor allem die Journalistin Rebecca Skloot. Sie schreibt Artikel und schließlich einen Bestseller über Henrietta Lacks und ihre Zellen.

Eine Stiftung ehrt das Andenken der Spenderin

Durch diese Arbeit erfährt auch David Kroll mehr über die Zellen, mit denen er arbeitet. Er nimmt Kontakt mit der Journalistin auf. Ihm wird klar, dass er der unfreiwilligen Spende von Henrietta Lacks seinen Doktortitel zu verdanken hat. Heute schätzt er, dass aus der Arbeit mit HeLa-Zellen mehr als 100.000 wissenschaftliche Paper hervorgegangen sind. Bis heute werden kommerzielle Zelllinien entwickelt, die auf HeLa basieren.

Inzwischen ist David Kroll Mitglied im Aufsichtsrat der Henrietta Lacks Foundation. Die Stiftung wurde von der Buchautorin Rebecca Skloot gegründet. Sie fördert Nachkommen von Menschen, die ohne ihr Einverständnis an wissenschaftlichen Studien teilgenommen haben. Rund 100 Stipendien wurden schon vergeben. Das Geld kam bisher von Einzelspendern: Menschen, die mit den Zellen arbeiten, aber auch Schulkindern, die die Geschichte gehört und daraufhin Geld gesammelt haben. In diesem Jahr aber hat die Stiftung zum ersten Mal fünf- und sechsstellige Summen gespendet bekommen.

Auch die Forschung steuert Gelder bei

"Das Timing ist interessant. Ich weiß nicht, ob es mit der 'Black Lives Matter'-Bewegung zu tun hat oder mit dem Film, der über Henrietta Lacks produziert wurde. In den ersten acht Jahren der Stiftung haben wir jedenfalls von keiner großen Forschungseinrichtung oder Bildungseinrichtung und keinem Unternehmen Geld bekommen."

Jetzt hat als erstes Biotech-Unternehmen Abcam aus Großbritannien eine Großspende überwiesen und als erste Forschungseinrichtung das amerikanische Howard Hughes Medical Institute. David Kroll hofft, dass diese Beispiele Schule machen und sieht sie als Teil eines Trends in der Wissenschaft, Probanden und Spender zu würdigen. Er ist stolz darauf, dass die Stiftung einigen Familien ein besseres Leben ermöglicht – insbesondere den Nachkommen von Henrietta Lacks.

"Mehrere Enkelkinder von Henrietta Lacks streben einen Abschluss in einem Gesundheitsberuf an. Zumindest dieser Generation zu gesellschaftlichem Aufstieg zu verhelfen, ist für mich ein Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit."

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