Mittwoch, 24.07.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Hellmuth Henneberg: Meuterei vor Rügen - Was geschah auf der SEEBAD BINZ? Der Prozess gegen die Junge Gemeinde 1961 in Rostock15.09.2003

Hellmuth Henneberg: Meuterei vor Rügen - Was geschah auf der SEEBAD BINZ? Der Prozess gegen die Junge Gemeinde 1961 in Rostock

Hinstorff Verlag, Rostock 2002, 182 S., € 17.90, ISBN 3-356-00952-4

<strong>Peter Schütt über neue Ostsee-Literatur:</strong>

Peter Schütt

Hellmuth Henneberg: Meuterei vor Rügen - Was geschah auf der SEEBAD BINZ? Der Prozess gegen die Junge Gemeinde 1961 in Rostock Hinstorff Verlag, Rostock 2002, 182 S., € 17.90, ISBN 3-356-00952-4

Hansjörg Küster: Die Ostsee. Eine Natur- und Kulturgeschichte Verlag C.H. Beck, München 2002, 357 S., € 34.90, ISBN 3-406-49362-9

Herbert Ewe / Thomas Grundner: Hiddensee Hinstorff Verlag, Rostock 2002, 120 S., € 19.90, ISBN 3-356-00928-1

Saskia Thomas: Na fabelhaft! Über Fotolust und Lebenskunst der Fotografenmeisterin von Hiddensee Ilse Ebel Ingo Koch Verlag, Rostock 2003, 188 S., € 19.00, ISBN 3-935319-41-X

Als es noch eine Deutsche Demokratische Republik gab und einen Warschauer Pakt, da verlief die Weltengrenze mitten durch die Ostsee. Die Staatsgrenze See wurde kaum weniger gesichert als die Landgrenzen der DDR.

Die unsichtbare Mauer durch die Ostsee ist Geschichte - so wie die Berliner Mauer. Menschen und Mächte am Mare Balticum kommen zusammen, wachsen zusammen. Sie blicken nach vorn - und manchmal auch zurück in jene Zeit, als alles ganz anders war.

"Die Ostsee soll ein Meer des Friedens sein!" Mit diesem Slogan warb die DDR viele Jahre lang nicht nur für ihre "Ostseewoche" in Rostock, sondern auch für die vorgebliche Friedens- und Entspannungspolitik der sozialistischen Länder.

Tatsächlich ist es der SED-Propaganda zu jener Zeit gelungen, mit der Berufung auf die Legende von der friedensstiftenden Ostsee - im Gegensatz zur stürmischen Unheil bringenden Nordsee - in Polen, im Baltikum und besonders im skandinavischen Raum Pluspunkte zu sammeln. Der Weg zur europaweiten Anerkennung der DDR, stellte das SED-Politbüro 1969 fest, führe über die Ostsee, über Helsinki, Stockholm und Kopenhagen nach London, Paris und Bonn.

Für Hansjörg Küster, Autor des im Beck-Verlag erschienenen meereskundlichen Meisterwerkes "Die Ostsee. Eine Natur- und Kulturgeschichte" ist es kein Zufall, dass das baltische Meer in der Phase der Entspannungspolitik zwischen 1970 und 1990 eine wichtige Rolle gespielt hat und dass der Zerfallsprozess des Ostblocks von Helsinki aus, dem Schauplatz der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 1973, seinen Anfang nahm. Das Meer habe, so Küster, die Blockkonfrontation im baltischen Raum gemildert, es habe nicht wie Mauer und Stacheldraht in Mitteleuropa die Völker voneinander getrennt, sondern miteinander verbunden.

Hansjörg Küster räumt gründlich mit den gängigen nordischen Mythen auf. Das von der isländischen Edda abgeleitete "Nordische" hält er für eine Fiktion der nationalen Romantik, an der Deutsche, Dänen und Schweden gleichermaßen mitgestrickt hätten. Die Ostsee ist in seinen Augen natur- und kulturgeschichtlich kein Nordmeer, sondern tatsächlich ein östliches Meer, das sein Wasser vorwiegend aus osteuropäischen Strömen bezieht und dessen Vegetation sogar aus dem Vorderen Orient stammt.

Als eigentliche Entdecker der Ostsee sieht der Meereskundler die handeltreibenden Wikinger. Als Kaufleute haben sie zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert die Ostsee über die Küsten der Nordsee und des Atlantiks, aber mehr noch über die großen Ströme Russlands mit dem damals weit höher entwickelten islamisch-arabischen Kulturkreis verbunden und das baltische Meer dadurch zum "Mittelmeer des Nordens" gemacht.

Ihr Erbe trat die Hanse an. Diesem einzigartigen Bund freier Städte ist es über mehrere Jahrhunderte hinweg gelungen, im Ostseeraum militärische Konflikte durch eine geschickte Kaufmannsdiplomatie zu vermeiden und eine auf die "hanseatischen Tugenden" gegründete Ethik des ehrlichen Handels und des fairen Interessenausgleiches durchzusetzen, die bei den Anrainerstaaten bis heute nachzuwirken scheint.

Küsters brillante Darstellung verknüpft Ökologie und Ökonomie, Natur- und Kulturgeschichte miteinander und kommt dabei immer wieder zu bemerkenswerten Schlussfolgerungen, wenn er beispielsweise die skandinavischen Ideale vom alle Menschen gleichermaßen wärmenden Wohlfahrtsstaat in Beziehung setzt zum rauen Klima des Nordwinters. Besonders anregend sind seine detaillierten Städtebeschreibungen.

Im Zentrum steht St. Petersburg, die nördlichste Millionenstadt der Erde. Sie hat nicht nur Russland dem Westen näher gebracht, sondern ebenso den Ostseeraum wirtschaftlich, kulturell und politisch enger mit dem Osten und Südosten Europas verbunden. Die künftige Bedeutung der Stadt an der Newa werde, so Küster, in dem Maße steigen, wie es gelinge, den Einigungsprozess Europas weiter voranzutreiben und nicht vor den Toren Russlands zum Stehen zu bringen.

Um Küsters meereskundliche Monografie nicht misszuverstehen: Die Ostsee war nicht zu allen Zeiten ein Meer des Friedens. Sie hat den Nordischen Krieg erlebt, in dessen Verlauf Schweden die Vorherrschaft an Russland abtreten musste, ebenso wie den Zweiten Weltkrieg, der entlang der Ostseeküste mit der deutschen Belagerung von Leningrad und der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen und Pommern mit besonderer Härte geführt wurde.

Zurück in die eisigste Zeit des Kalten Krieges führt eine bemerkenswerte Dokumentation, die der Fernsehjournalist Hellmuth Henneberg im Rostocker Hinstorff-Verlag veröffentlicht hat: "Meuterei vor Rügen - was geschah auf der SEEBAD BINZ?"

Fünf Tage nach dem Mauerbau, am 18. August 1961, versuchen 14 jugendliche Fahrgäste auf dem Ausflugsdampfer "Seebad Binz", den Kapitän des Schiffes dazu zu bewegen, die dänische Insel Bornholm anzusteuern. Doch der Fluchtversuch scheitert. Die Besatzung ruft die bewaffnete Volkspolizei zu Hilfe, das Schiff wird gestoppt, die angeblichen Rädelsführer, alle aktive Mitglieder der "Jungen Gemeinde" aus Ostberlin, werden verhaftet.

Bereits vier Tage später, am 22. August, wird ihnen vor dem Bezirksgericht Rostock der Prozess gemacht. Zur Abschreckung werden die beiden Hauptangeklagten zu je acht Jahren Zuchthaus verurteilt, elf weitere am Fluchtversuch Beteiligte zu Gefängnisstrafen. Erst zwei Jahre später kommen die Inhaftierten aufgrund einer Intervention des hessischen Kirchenpräsidenten und Friedensaktivisten Martin Niemöller wieder frei.

Henneberg gelingt es in einer spannenden, aber zugleich sachlichen und an den Fakten und Dokumenten ausgerichteten Reportage, nicht nur die Ereignisse jener Tage zu rekonstruieren, sondern auch die innen- und weltpolitischen Hintergründe aufzuhellen, die dem offenbar spontan entstandenen Wunsch einiger weniger junger Leute, in den Westen zu fliehen, eine dramatische Brisanz verliehen haben.

Für die SED-Führung waren die Vorfälle auf der "Seebad Binz" offenbar ein willkommener Vorwand, um die "Junge Gemeinde" als "Parteigänger der NATO, des Klerikalismus und des Revanchismus" zu kriminalisieren und um jeden Widerstand gegen die Folgen des Mauerbaus als Werk von westlichen "Agenten und Provokateuren" hinzustellen.

Die angebliche Meuterei wurde zum Anlass genommen, um die gesamte DDR-Ostseeküste so weit wie möglich militärisch abzuriegeln. Die Ausflugsdampfer durften die DDR-Hoheitsgewässer nur noch in Ausnahmefällen verlassen und nur dann, wenn genügend "bewaffnete Organe" der Volkspolizei und der Volksmarine mit an Bord waren.

Wie hermetisch die Küste nach dem Mauerbau von Verbindungen zur Bundesrepublik, nach Dänemark und Schweden abgeschnitten wurde, lässt sich auch in einem anderen Buch aus dem Rostocker Hinstorff-Verlag nachlesen: in der vorzüglich gestalteten, mit Fotos von Thomas Grundner illustrierten Monografie der Insel Hiddensee von Herbert Ewe. Der Autor berichtet, wie 1961 der historische Leuchtturm von Hiddensee von doppelten Stacheldrahtzäunen gesichert und mit Bunkern, Radaranlagen und Türmen umgeben wurde, um die gesamte Küstenregion zu überwachen und die DDR-Bürger an der Flucht über die Ostsee zu hindern.

Dennoch wurde die Insel für die innere Emigration der DDR zu einem fast mystisch verklärten, von eingeweihten Kreisen "Südschweden" genannten Fluchtpunkt. Während die begehrten Ferienplätze auf Rügen in erster Linie Mitgliedern des Gewerkschaftsbundes FDGB zur Verfügung standen, blieb die kleine Nachbarinsel ähnlich wie in der Vorkriegszeit der Intelligenz und Einzelreisenden vorbehalten. Das "Capri des Nordens" wurde so im Sommer zu einer Trauminsel für die heimlichen Freigeister aus der Berliner Künstlerszene, die die kleine Freiheit des Nacktbadens als Ersatz für die fehlende große Freiheit nahmen. Schriftsteller wie Hans Cibulka, Richard Christ oder Michael Baade, Maler wie Torsten Schlüter und die weltbekannte Tänzerin Gret Palucca aus Dresden machten die Insel Hiddensee zum imaginären Schauplatz ihrer im DDR-Alltag sonst nicht ausgelebten Robinson-Crusoe-Träume.

Heute, mehr als ein Jahrzehnt nach der Wende, die sich nach Einschätzung von Herbert Ewe auf Hiddensee vollkommen geräuschlos vollzog, sind das alles nur noch Geschichten, die immer mehr nostalgisch verklärt werden.

Eine Hiddensee-Legende eigener Art präsentiert die Berliner Kulturwissenschaftlerin Saskia Thomas in einem fast bibliophil gestalteten, kunstvoll bebilderten und mit zahlreichen Briefen, Dokumenten und anderen Fundstücken angereicherten Buch, das im Rostocker Ingo-Koch-Verlag erschienen ist: "Na fabelhaft! Über Fotolust und Lebenskunst der Fotografenmeisterin von Hiddensee Ilse Ebel".

Die Fotografin, inzwischen über neunzig Jahre alt, lebt seit 1938 auf der Insel. Sie hat das Leben der Fischer und der Einheimischen, aber auch der Urlaubsgäste in vielen Bildern festgehalten, die weit mehr aussagen, als dass es auf der Insel zu allen Zeiten gleich schön war.

Die Mitglieder des Fischereikollektivs, die sie 1962 nach der Enteignung der privaten Fischerboote fotografiert, sehen alles andere als glücklich aus, und die Feriengäste, die am Strand stehen und sehnsüchtig hinüberüberschauen auf das ferne Ufer am Horizont, scheinen von ganz anderem zu träumen als von den Segnungen des Sozialismus. Ilse Ebels immer wieder fotografierten "Blicke aufs Meer" machen Hiddensee zu einem Sehnsuchtsort, der an Caspar David Friedrichs pommersche Küstenlandschaften erinnert.

Besonderes Gewicht erhält das Buch durch die brieflichen, fotografischen und autobiografischen Zeugnisse der Freundschaft mit der Tänzerin Gret Palucca, die seit den Fünfzigerjahren jeden Sommer nach Hiddensee kommt und sich dort von dem alltäglichen Ärger erholt, den sie trotz ihrer internationalen Berühmtheit mit der Kulturbürokratie der SED auszutragen hat. Aufschlussreich ist der Briefwechsel, den die beiden alten Damen in den Wendetagen vom November 1989 führen. Während sich die Palucca aus dem Dresdner Hexenkessel nach der Ruhe der Insel Hiddensee sehnt, wünscht sich Ilse Ebel in ihrer spätherbstlichen Inseleinsamkeit, selber bei den großen Demonstrationen dabei sein zu können.

Im Gespräch mit Saskia Thomas denkt die Inselfotografin und Zeitzeugin über den Wechsel der Zeiten nach. Auf Hiddensee wurden schon im Frühjahr 1990 die Grenzsicherungsanlagen rings um den Leuchtturm demontiert. Die 1953 enteigneten Privathäuser und -pensionen wurden an ihre ehemaligen Besitzer zurückgegeben, die Kriegsschiffe der Volksmarine sind längst verschrottet. Die Ostsee ist, folgt man den "fabelhaften" Lebenserinnerungen von Ilse Ebel, tatsächlich zu einem Meer des Friedens geworden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk