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StartseiteBüchermarktDer geknechtete Sohn23.08.2021

Henning Ahrens: „Mitgift“Der geknechtete Sohn

Henning Ahrens erzählt in „Mitgift“ von deutscher Kriegsgewalt, die in einer niedersächsischen Bauernfamilie weitervererbt wird. Zentrale Gestalt ist der Großbauer Wilhelm Leeb, ein Nazi-Karrierist und Kriegsheimkehrer, der seinen ältesten Sohn schikaniert und knechtet, bis es zur Katastrophe kommt.

Von Gisa Funck

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Der Schriftsteller Henning Ahrens und sein Roman "Mitgift" (Foto: Gabrielle Strijewski, Buchcover: Klett-Cotta Verlag)
Der Schriftsteller Henning Ahrens erzählt in seinem neuen Roman von den langen Schatten des 2. Weltkriegs (Foto: Gabrielle Strijewski, Buchcover: Klett-Cotta Verlag)
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Dieser Roman gleicht einer Matroschka. Also einer jener russischen Schachtelpuppen, deren Kern zwiebelartig von anderen Puppenhüllen verdeckt ist. Da mag der Klett-Cotta Verlag "Mitgift" von Henning Ahrens noch so vollmundig als Familiensaga über sieben Generationen anpreisen, in der sich angeblich dreihundert Jahre deutsche Geschichte widerspiegeln. In Wahrheit geht’s in diesem Roman – umkränzt von einigen, letztlich nebensächlichen Vorfahren-Anekdoten – um die traumatischen Folgen der Nazi-Zeit, dargestellt als Drama eines sich fatal zuspitzenden Vater-Sohn-Konflikts.

Im Mittelpunkt: Ein schikanöser Täter-Vater

Im Mittelpunkt dieser geradezu archaisch anmutenden Vater-Sohn-Tragödie steht ein niedersächsischer Großbauer namens Wilhelm Leeb. Als überzeugter Nationalsozialist und SA-Mann ist er während des Zweiten Weltkriegs in der besetzten Ukraine eingesetzt, als sogenannter "Landwirtschaftsführer". Hier kontrolliert Leeb die Zuckerproduktion und genießt seinen Status als Herrenmensch:

"Ob zerbombte Städte, niedergebrannte Dörfer, Panzerwracks oder Tote, nichts konnte seine Stimmung trüben, denn Wilhelm Leeb sah sich als Teil eines gewaltigen historischen Ereignisses – die Wehrmacht bahnte ihm den Weg. Sie trieb den Gegner vor sich her und kesselte ihn ein. (...) Wo gehobelt wird, fallen Späne, und im Krieg sind das Menschen, so ist das nun mal, dachte er."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk  (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Großkotz mit Herrenmensch-Allüren

Die Nazi- und Kriegsschuld des Großbauern Wilhelm Leeb wiegt bei Henning Ahrens besonders schwer, weil dieser völlig ohne Not an die Front zieht. Denn als Landwirt hätte Leeb auch genauso gut zuhause bleiben und seinen Heimatdienst auf dem Hof leisten können. Das aber wäre dem geltungssüchtigen Großkotz zu piefig gewesen. Zumal er seine Frau Käthe einst nur wegen ihres Hoferbes geheiratet hat – und weder mit ihr noch mit seinen drei Kindern, zwei Söhnen und einer Tochter, viel anfangen kann.

Vor allem seinen ältesten Sohn, der wie er ebenfalls Wilhelm heißt, schikaniert der Nazi-Karrierist früh herum, weil der Junge ihm ähnlich verhuscht-duckmäuserisch vorkommt wie seine Ehefrau. Auf Heimaturlaub im April 1944 etwa denkt der Vater beim Anblick des Sohns verdrießlich:

"Der Junge ist groß für sein Alter und schlägt nach dem Großvater mütterlicherseits, Gustav Kruse, blonder Bollerkopp und hohe Stirn. Ja, der Junge ist äußerlich ein Kruse, eine Familie, die Wilhelm Leeb im Stillen verachtet, denn niemand reicht an die Leebs heran." 

Kriegsheimkehrer wird zum Hof-Tyrannen

Der Konflikt zwischen dem patriarchalisch-selbstherrlichen Großbauern und seinem sensiblen Sohn und Hoferben Wilhelm spitzt sich in Ahrens’ Chronik auch deshalb so zerstörerisch zu, weil der Nazitäter-Vater – wie so viele Täter – nicht nur Täter bleibt, sondern auch selbst zum traumatisierten Opfer wird. Kurz vor Kriegsende wird Wilhelm Leeb von polnischen Partisanen gefangen genommen – und muss vier quälend lange Jahre schlimme Erniedrigungen in einem Gefangenenlager erleiden. Danach kommt der Bauer, wie so viele Kriegsheimkehrer, 1949 als innerlich verhärteter Mann in sein Dorf zurück. Und beginnt gleich nach seiner Ankunft, kompensatorisch die eigene Familie zu tyrannisieren, ohne Respekt vor dem Einsatz seiner Frau und seines ältesten Sohns, die während seiner Abwesenheit den Hof fast alleine bewirtschaftet haben:

"Leeb Senior zieht die Leinenserviette vom Schoß und lässt sie auf den Tisch klatschen: (...) 'Schluss mit dem Schlendrian! Ich ziehe hier neue Saiten auf, ihr werdet schon sehen – und mit euch ...', er zeigt der Reihe nach auf seine Kinder,' '...fange ich an.' (...) Der junge Wilhelm drückt den Rücken durch: 'Wir haben gut gewirtschaftet, Vater', widerspricht er, 'gemessen an den schwierigen Bedingungen.' Sein Vater unterbricht ihn. 'Ich bin nach all der Zeit nicht heimgekehrt, um mir Vorträge anzuhören, Wilhelm! (...) Ich kann dir nur raten, nicht frech zu werden. Du bist noch ein halbes Kind.'"

Tatsächlich ist früh klar, wer den Machtkampf gewinnt. Trotzdem liest man diese Bauernfamilien-Tragödie gebannt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Henning Ahrens mit dem Hof-Patriarchen einen durchaus faszinierenden, wenn auch hochmanipulativen und zur Empathie unfähigen Narzissten porträtiert, der erschreckend viel Ähnlichkeit mit so manchem Erfolgsmenschen von heute besitzt – und exakt jenem Typus des sadistisch-überambitionierten Muttersohns entspricht, wie ihn der Psychologe Volker Ellis Pilgrim bereits 1986 beschrieben hat.

Ein Roman in Short-Cuts-Manier

Interessant am Roman ist darüber hinaus, wie Ahrens diese offenbar autobiografisch inspirierte, nachkriegsdeutsche Hybris-Tragödie erzählt. Nämlich nicht einfach chronologisch, sondern in Form einer filmischen Short-Cuts-Collage, in der man die Schlüsselszenen der Leeb’schen Familiengeschichte achronologisch, in hart aneinandergeschnittenen Dialog-Szenen vorgeführt bekommt, bis alles auf das letzte, fatale Kapitel hinausläuft.

Die Dorf-Bestatterin als Gegenstimme der Vernunft

Mit der alleinstehenden Nachbarin und Dorf-Bestatterin Gerda Derking präsentiert der Autor außerdem geschickt eine Chronistin, die das dramatische Geschehen mit Abstand kommentiert und sich immer wieder als Stimme einer versöhnlichen Vernunft einschaltet. Gerda, so heißt es, war einst die wahre Jugendliebe des sich letztlich grausig verspekulierenden Großbauern Leeb. Und sie ist es am Ende, auf deren Hilfe der zur Selbstkritik unfähige Egomane ironischerweise angewiesen ist.

Deutsche Hybris, deutsche Nazi-Schuld und die Bürde weitervererbter Kriegstraumata: Zugegeben, das klingt alles nicht ganz neu. Aber es sind anscheinend Themen, die immer noch nicht auserzählt sind, wie dieser spannende und lange nachwirkende Familienroman beweist.

Henning Ahrens: "Mitgift"
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. 352 Seiten, 22 Euro.  

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