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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Verstecken hinter dem Pressekodex mehr31.08.2019

Herkunftsnennung bei StraftatenKein Verstecken hinter dem Pressekodex mehr

Journalisten hätten gute Gründe, zurückhaltend zu berichten – selbst wenn bekannt sei, woher ein Täter stamme, meint Annika Schneider. Diese Gründe müssten jedoch immer wieder geprüft werden. Sonst klaffe bald ein Spalt zwischen denen, die Nachrichten schreiben, und denjenigen, für die sie gedacht sind.

Von Annika Schneider

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Auf einem Verkaufsstand liegen etliche verschiedene Tageszeitungen in der Auslage. (imago/ Francis Joseph Dean )
"Die meisten Redaktionen gehen mit der Herkunft von Straftätern auch weiterhin sehr reflektiert um. Das ist gut und richtig. Schließlich schreiben Journalistinnen und Journalisten ihre Artikel selbst – und nicht Innenminister Reul", meint Annika Schneider (imago/ Francis Joseph Dean )
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Wenn es etwas gibt, das Journalistinnen und Journalisten besonders gut können, dann ist es kritisieren. Es ist ja auch ihre Aufgabe: Als vierte Gewalt sollen sie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kritisch auf die Finger klopfen. Aber: Wer regelmäßig wertende Kommentare verfasst, muss sich auch selbst auf die Finger schauen lassen. Medienmacher dürfen sich nicht in ihre elfenbeinernen Funkhaustürme zurückziehen, sobald ihre Arbeit hinterfragt wird. Im Gegenteil: Sie sollten vielmehr jede Chance nutzen, sich der Diskussion mit der Öffentlichkeit selbstbewusst zu stellen. Dass sich dafür gerade wieder eine gute Gelegenheit bietet, haben die Medien Herbert Reul zu verdanken.

Der nordrheinwestfälische Innenminister kündigte diese Woche an, dass Polizeiberichte in NRW bald die Nationalität von Straftätern enthalten sollen. Er fachte damit eine Diskussion wieder an, die regelmäßig entflammt. Sie stand nach der Kölner Silvesternacht auf der Tagesordnung, auch als in Freiburg eine Studentin ermordet wurde und als ein psychisch Kranker in Frankfurt zwei Menschen vor einen Zug stieß. Die Kernfrage war immer die gleiche: Wie wichtig ist es, die Herkunft der mutmaßlichen Täter zu nennen?

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die eine Nennung fordern. Sie werfen Medien vor, sonst relevante Tatsachen unter den Teppich zu kehren. Auf der anderen Seite die, die die Nennung verweigern – und mit dem Pressekodex argumentieren. Das war bis 2017 sehr leicht. Jeder Nachwuchsjournalist lernte schon in der Ausbildung: Wenn ein Mensch eine Straftat begeht, spielt seine Herkunft in der Berichterstattung keine Rolle – außer sie ist für die konkrete Tat relevant. Dafür gibt es gute Gründe: Die strenge Handhabung soll davor schützen, dass Minderheiten in Verruf geraten – dass das passieren kann, haben Studien vielfach belegt.

Ein Begriff mit sehr viel Interpretationsspielraum

Vor zwei Jahren allerdings änderte der Presserat den Kodex. Die Neuregelung verschaffte den Redaktionen mehr Freiheiten: Sie können die Herkunft von Straftätern nun nennen, wenn daran ein begründetes öffentliches Interesse besteht. Dafür hagelte es Kritik, weil der Begriff sehr viel Interpretationsspielraum bietet. Das hat aber auch etwas Gutes: Journalisten können sich nicht mehr hinter dem Pressekodex verstecken.

Die meisten Redaktionen gehen mit der Herkunft von Straftätern auch weiterhin sehr reflektiert um. Das ist gut und richtig. Schließlich schreiben Journalistinnen und Journalisten ihre Artikel selbst – und nicht Innenminister Reul. Sie müssen abends in den Spiegel schauen und die Verantwortung für ihr Tagwerk übernehmen können.

Aber es reicht nicht, sich abends mit gutem Gewissen im Spiegel zu betrachten und danach schlafen zu gehen. Genauso wenig reicht es, bei der Frage, warum ein Herkunftsland ungenannt bleibt, reflexhaft mit dem Pressekodex zu wedeln und alle weiteren Nachfragen abzublocken.

Vor allem Lokaljournalisten, die ihren Leserinnen und Lesern täglich auf der Straße begegnen, wissen: Bei vielen Menschen wirft der vorsichtige Umgang mit der Herkunft von Straftätern zumindest Fragen auf – ob Medien Fakten gezielt verheimlichen zum Beispiel. Aufgabe von Journalisten ist es, darauf immer wieder geduldig zu antworten. Sie müssen ihre Haltung erklären und sich der öffentlichen Diskussion stellen. Das gilt einmal mehr, wenn ihre Arbeit von den Rundfunkbeiträgen aller bezahlt wird. Viele Journalisten tun das bereits sehr gewissenhaft. Redaktionen veranstalten Leserdiskussionen und reagieren auch auf den hundertsten Facebook-Kommentar mit erklärenden Worten. 

Das Schlüsselwort heißt Transparenz. Als Journalisten haben wir gute Gründe, zurückhaltend zu berichten – auch dann noch, wenn im Polizeibericht längst steht, woher ein Täter stammt. Diese Gründe müssen wir aber immer wieder erklären und prüfen. Sonst klafft bald ein Spalt zwischen denen, die Nachrichten schreiben, und denjenigen, für die sie gedacht sind.

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