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StartseiteRock et ceteraZeitreise under cover 30.09.2018

Herner Band Devo-tionZeitreise under cover

Die Herner Band Devo-tion widmet sich seit drei Jahren voller Hingabe ihren Vorbildern, der 1972 gegründeten US-Band Devo. Diese Liebe reicht soweit, dass die Ruhrpottler sich Ende Juli 2018 zum internationalen Fanclub-Treffen nach Cleveland aufmachten. Völlig bekloppt? Oh ja! Unser Reporter war dabei.

Von Marcel Anders

Drei Männer stehen im roten T-Shirt, mit halbem Globus auf dem Kopf vor einem weißen Hintergrund. Vor ihnen kniet ein Mann im blauen T-Shirt. (Sebastian Kirch)
Die Herner Band Devo-tion tritt beim Devo-Tribute-Festival „Devotional“ in Clevland auf (Sebastian Kirch)

Musik: "Jocko Homo"

Die Idee

Coverbands gibt es wie Sand am Meer. Für jeden Künstler, der Spuren in der Popkultur hinterlassen hat – und unabhängig davon, ob das Original noch aktiv ist oder nicht.

Wie Devo-tion aus Herne. Ein Trio um die Zwillinge Bernd und Dirk Faust an Schlagzeug und Keyboards - und Lars Kauter an der Gitarre. Seit drei Jahren bilden die Endvierziger eine Hobbyband, die sich ganz dem Schaffen der amerikanischen Band Devo widmet.

Dirk: "Herne ist Rockland. Und Bernd und ich wir haben schon immer eher am Synthesizer rumgeklimpert. Von daher haben wir uns umgeschaut, wer denn mindestens genauso bekloppt ist, wie wir. Und da sind wir natürlich bei Devo hängengeblieben. Denn die haben das gemacht, was man vielleicht gerade bei uns ins Herne nicht macht, nämlich ne Gitarre mit nem Synthesizer. Und das haben wir eigentlich ganz gut hingekriegt."

Musik: "Whip It"

Musik: "Uncontrollable Urge"

Das US-Vorbild Devo wurde Anfang der 70er an der Kent State Universität in Ohio gegründet - und steht für minimalistischen Synthi-Pop mit Avantgarde- und Punk-Ästhetik. Für ausgefallene Outfits, witzige Videos, provokante Auftritte sowie geballte Gesellschafts- und Sozialkritik.

Gerald Casale: "Unsere Idee der De-Evolution, der Rückwärtsentwicklung, ist heute relevanter denn je. Und wir haben lange davor gewarnt. Wir haben den Leuten klarzumachen versucht, dass man ihnen systematisch die Freiheit nimmt. Dass multinationale Großkonzerne nur darauf aus sind, demokratische Grundrechte zu unterwandern. Und genau das ist eingetroffen. In den USA haben wir jetzt ein rechtes Regime mit einem schlechten Schauspieler als Präsidenten. Sein Kabinett und er zerstören konstitutionelle Rechte, Frauenrechte und das Bildungssystem. Es ist der Wahnsinn – und es passiert alles extrem schnell."

Gerald Casale und seine Mitstreiter hatten nie großen kommerziellen Erfolg - und lediglich einen Hit: "Whip It" im Jahr 1980. Trotzdem gelten sie als Pioniere des New Wave und Alternative-Rock. In den USA genießen sie Kultstatus und haben illustre Bewunderer: Iggy Pop, Dave Grohl, Pearl Jam, Nine Inch Nails und Queens Of The Stone Age.

Doch in Deutschland, wo die Band um die Brüderpaare Casale und Mothersbaugh seit 1991 nicht mehr live aufgetreten ist, ist sie in Vergessenheit geraten.

Devo-tion interpretieren das Material ihrer Helden eher frei und mit Kostümen der Marke Eigenbau - und mangels Publikum wagen sie die Flucht nach vorne: Ende Juli reisen sie nach Cleveland, Ohio. Zum "Devotional 2018", dem einzigen Devo-Fanclub-Treffen der Welt.

Musik:"The Day My Baby Gave Me A Surprize"

Cleveland für Anfänger

Schon im Herbst 2017 melden sich Devo-tion bei den Machern des dreitägigen Events an. Doch die Kommunikation verläuft schleppend. Fragen nach vorhandenem Musik-Equipment, Anfahrt, geeigneten Hotels und Kontakt-Telefonnummern bleiben lange unbeantwortet. Irgendwann bucht das Trio einfach Flüge, Hotel und Leihwagen. Nur: Je näher der Termin rückt, desto größer werden die Zweifel. Letztlich steigt man auf gut Glück ins Flugzeug. Von London über New York nach Cleveland.

Bis auf eine Nachzahlung für überhöhtes Gepäck, verläuft die Reise reibungslos. Und: In der Lobby ihres Hotels treffen Lars, Dirk und Bernd zufällig Michael Pilmer, einen der Organisatoren. Ein schlacksiger Nerd, der gerade eine neunstündige Anreise im PKW hinter sich hat, kaum Fragen zum Event beantworten kann, aber zumindest eine Einladung auf sein Hotelzimmer ausspricht. Dort gebe es am Abend ein lockeres Zusammenkommen des "harten Kerns" – der Leute, die seit mittlerweile 18 Jahren dabei sind.

Drei Männer in roten T-Shirt stehen auf einer Treppe. Das Gebäude ist die Kent State University (Sebastian Kirch)Devo-tion auf der Treppe Kent State University (Sebastian Kirch)

Das Ganze erweist sich als Mini-Party wie aus einer Hollywood-Komödie. 40 Leute in einem 30-Quadratmeter-Zimmer, die sich bei lauter Musik und alkoholischen Getränken auf das Devotional 2018 einstimmen - und für die Bernd, Dirk und Lars einfach "the Germans" sind, die Deutschen. Nur: Richtig warm werden sie nicht. Die Drei aus Herne sind "die Neuen", "die mit den vielen Fragen", die "Eindringlinge" in diesen eingeschworenen Kreis.

Dieser Zirkel ist - aus Sicht der drei Herner - zwar ganz nett, aber auch unverbindlich. Und ziemlich verrückt: Ein Texaner namens Jason ist mit 22 handgeschneiderten Replikaten von Devo-Kostümen angereist, die er im Rahmen des Devotional schauzulaufen gedenkt.

Jason aus Texas: "Ich liebe es, Anzüge zu schneidern, die nirgends erhältlich sind – und sie mit Armschonern, Hockey-Helmen oder silbernen Sonnenbrillen zu kombinieren. So, wie sie Devo zur Zeit von "Duty Now For The Future" getragen haben."

Das zweite Studio-Album vom Juli 1979, das unter Fans als Klassiker gilt.

Jason: "Auch die Brille, mit der Mark Mothersbaugh auf dem Cover von "Total Devo" posiert, habe ich nachgebaut – mit einem Modell in der Manier von Thomas Dolby, das ich so lange mit einem Sandstrahler bearbeitet habe, bis ich dem Original nahekam. Ich bastle einfach gerne Kram. Ich kaufe auch viel, aber etwas selbst zu machen, ist ein Riesenspaß."

Das wird noch übertroffen von einem Kanadier namens Jeep Jones. Der hat sein eigenes, neues Devo-Album aufgenommen – und bemüht sich um finanzielle Unterstützung seitens der Fangemeinde.

Jeep Jones: "Ich halte mich für Kanadas führenden Devologen. Was bedeutet, dass ich die Band mein ganzes Leben studiert habe und einen Doktor in Devo-logie besitze. Deshalb dachte ich: Mache ich ihr verschollenes Album von 1983 doch einfach selbst. Dafür habe ich Songs von "Total Devo" und "Smooth Noodle Maps" genommen - aus der Spätphase der Band, die ich als "digital Devo" bezeichne. Ich bin sie so angegangen, wie es die Band auf ihren ersten Alben getan hat – und mit der damaligen Instrumentierung. Ich nehme also späte Songs und interpretiere sie im Stil der frühen."

Michael Pilmer wiederum, ist der Devo-Sammler schlechthin. Seine Kollektion füllt inzwischen mehrere Lagerhäuser – und er gilt als der verrückteste aller Fans. Als "Devo-Obsesso" Nummer 1. 

Kurzum: In diesem Zimmer feiert ein Haufen ziemlich schräger Vögel. Devo-tion verlassen die Party müde und enttäuscht.

"(I Can´t Get No) Satisfaction"

Der Freitag

Am nächsten Abend geht es zur Eröffnung des Devotional - in den Beachland Ballroom im Vorort Colinwood, 30 Autominuten östlich von Downtown. Ein ehemaliges kroatisches Kulturzentrum mit altmodischem Ballsaal, in den knapp 500 Zuschauer passen. Nebenan ist die Taverne, die als Bar, Restaurant und kleinerer Konzertsaal fungiert.

Hier treten am Freitag The 3 O´Clock Rock Showcase auf – eine Schülerband aus Kalifornien, deren Mitglieder zwischen 10 und 13 Jahre alt sind. Sie spielen Devo-Songs im rudimentären Punk-Gewand: Brachial, rau, krachig.

Musik: The 3 O´Clock Rock Showcase – "Mongoloid"

Etwas anspruchsvoller ist das New Yorker Synthie-Pop-Duo Fantastic Plastics, das Devo-Klassiker mit eigenen Kompositionen mischt und schon zum zweiten Mal dabei ist.

Musik: Fantastic Plastics – "Big Mess"

Die Fantastic Plastics am 27. Juli in der Taverne des Beachland Ballroom. Darauf folgt ein Karaoke-Wettbewerb, bei dem die Anwesenden ihre Textsicherheit in Sachen Devo unter Beweis stellen können – und tun. Nur: Auf so simple Fragen wie "Wann ist Soundcheck?", "Wann müssen wir auf die Bühne?" und "Sind alle Kabel und Stecker vorhanden?", bekommen die deutschen Devo-isten keine Antwort. Man solle einfach frühzeitig erscheinen und Geduld mitbringen. Der Rest ergebe sich von selbst. Bei The Germans geht die Stimmung in den Keller – erst recht als durchsickert, die Veranstalter wären von ihren ständigen Fragen derart genervt, dass sie schon erwägt hätten, sie zu streichen.

Bernd: "Wir sind hier angekommen. Niemand hat uns empfangen. Wir haben vorher schon eine Kommunikation gehabt, die seltsam war: "Kommt, wenn ihr wollt. Ihr seid willkommen". Aber: Es war jetzt nicht so, dass man uns herzlich willkommen hat. (…) Und insofern trat schon ein bisschen Ernüchterung ein. Wir sind immerhin 6000 Meilen geflogen, um eine Veranstaltung – auf die wir uns freuen – aber die Surroundings sind jetzt noch nicht das, was… Es fühlt sich einfach noch nicht groß an. (…) Ansonsten ist es so ein bisschen wie im Kreis der Nerdis. Und das ist ja jetzt nicht böse gemeint. Damit müssen wir jetzt klarkommen."

Der Samstag

Am Samstag, dem Tag des Auftritts, wird die Stimmung noch schlechter – und fast sind es The Germans, die frühzeitig abreisen. Zwar sind sie um 11 Uhr vormittags an der Halle – drei Stunden vor Öffnung der Türen und vier vor der ersten Band -, doch einen Soundcheck bekommen sie nicht. Den beanspruchen die Spudboys, die Band von Organisator Nick Ciasullo, für sich. Es heißt nur, Devo-tion seien um 20.30 Uhr eingeplant, als vorletzte Band, und müssten halt improvisieren.

Ein Schlag in die Magengrube – so viel Aufwand und nicht einmal faire Bedingungen.

Die Devo-Gemeinde, die sich mit bunten Plastik-Hüten, Eishockey-Helmen, Fantasie-Kostümen und futuristischen Sonnenbrillen gerne schrill und progressiv gibt, ist ziemlich steif und eingerostet.

Das zeigt sich auch am Musikprogramm: Ein halbes Dutzend semi-professioneller Cover-Bands, die allesamt Devo-Songs interpretieren. Mal punkig, mal elektronisch, mal im Country/Western- oder Hillbilly-Gewand. Technisch alles andere als perfekt, aber mit Gusto und Leidenschaft. Wie Devomatix aus Georgia, die zumindest gesanglich überzeugen:

Musik: Devomatix – "Freedom Of Choice"

Musik: Spudboys – "Later Is Now"

Devomatix gefolgt von den Spudboys. Letztere mit einem Gastauftritt von Devo-Gründungsmitglied Gerald Casale, der es sich nehmen lässt, die eine oder andere Band höchstpersönlich zu unterstützen. Oder im Rahmen einer Autogrammstunde alles zu signieren, was ihm vorgelegt wird.

Weitere Programmpunkte des Events sind eine Verlosung, eine Diskussionsrunde zur neuen Devo-Autobiographie, der Vortrag eines Regisseur, der früher Videos inszeniert hat, und jede Menge Verkaufsstände - für Fanartikel wie LPs, CDs, T-Shirts, Poster, Fußmatten, Sonnenbrillen, Echthaarperücken und sogar Zauberwürfel.

Die drei Deutschen befinden sich in einem Absurditätenkabinett, das ein zudem ein bisschen provinziell wirkt. Hinzu kommt, dass sich alle Bands an denselben Songs abarbeiten und dem Musik-Programm klar die Vielfalt fehlt. Das löst bei den Deutschen eine Trotzreaktion aus. Motto: Denen zeigen wir es - trotz Jetlag.

Bernd: "Heiß, wie Frittenfett"

Und sie halten Wort: Ein schnelles Aufbauen, ein Mikrotest und los geht´s. Mit einer minimalistischen Interpretation von Devo-Songs, die lediglich aus Gitarre, Keyboards und elektronischen Drums besteht. Die ebenso sphärisch wie direkt anmutet. Und eine gesunde Portion Wut aufweist. Kein Wunder.

Musik: "Girl U Want"

Der Auftritt von Devo-tion sorgt für Begeisterung. Auch bei Gerald Casale, der das Geschehen vom Bühnenrand verfolgt. Dabei wirken Nervosität und Jetlag der Band Wunder: Sie kommuniziert untereinander auf Deutsch, macht zunächst versehentlich die eine oder andere Ansage in ihrer Muttersprache und sammelt damit ungeahnte Sympathiepunkte. Denn: Etliche Zuschauer haben deutsche Wurzeln oder waren in ihrer Armeezeit in Deutschland stationiert.

Hinzu kommt, dass sich Bernd, Dirk und Lars nicht nur auf Devo-Material beschränken, sondern auch Songs von Gary Numan, A Flock Of Seaguls oder den Editors spielen – und für überfällige Abwechslung sorgen. 60 Minuten lang – mit zwei Zugaben und bei stehenden Ovationen. Amerika ist begeistert – und erobert. The Germans dürfen, ja müssen 2019 wiederkommen.

Devo-tion sind auf einmal Teil der Devo-Community. Sie erhalten anerkennendes Schulterklopfen, müssen Hände schütteln, werden mit Freibier versorgt, werden zum Verkauf ihrer selbstgebastelten Hüte, Tourpässe und Bühnenshirts gedrängt und verlassen die Halle mit einem breiten Grinsen. Der Frust ist verflogen. Alle Strapazen des Trips haben sie plötzlich gelohnt.

Musik: "Gates Of Steel"

Der Charity-Lauf

Die Nacht ist kurz. Am Sonntag-Morgen geht es in aller Frühe nach Akron, knapp 40 Meilen südlich von Cleveland. Hier wurden die Mitglieder von Devo geboren, hier gingen sie zur Universität, hier haben sie erste musikalische Gehversuche unternommen. 45 Jahre später findet an selber Stelle der "5 K-Devo-Walk/Run" statt – ein Benefiz-Lauf, der mehr Publikum anlockt als das Devotional der letzten beiden Tage.

Einfach, weil ihn ein anderer Veranstalter in Kooperation mit der Stadt Akron ausrichtet, weil dafür Werbung und Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird und er für einen guten lokalen Zweck ist.

Rund 1000 Teilnehmer machen mit, fast alle tragen rote Devo-T-Shirts und Energy Domes, die legendären Plastik-Hüte, die als Markenzeichen der Band gelten. Eine beeindruckende Kulisse. Gerald Casale gibt den Startschuss.

Für Devo-tion nimmt Gitarrist Lars teil - und belegt einen respektablen fünften Platz. Ein versöhnlicher Abschluss - und der nötige Energieschub für die fast 24-stündige Heimreise.

Lars: "Ich glaube, wir müssen jetzt erst einmal eine Woche sacken lassen und das ein bisschen reflektieren. Die letzten sechs Tage waren schon ein bisschen Banane, was wir da auf uns genommen haben, um eine Dreiviertelstunde Musik zu machen. Unterm Strich fand ich es super – ich würd´s auf jeden Fall noch mal machen."

Dieser Gedanke wird Wirklichkeit: Am 22. Juni 2019 steigt das erste deutsche Devotional. Austragungsort: Die Flottmannhallen in Herne.

Musik: "Change Is Gonna Cum"

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