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StartseiteBüchermarktHerr Buch25.03.2008

Herr Buch

Reflexionen des argentinischen Schriftstellers Alberto Manguel über Bücher und Bibliotheken

In der zeitgenössischen Literatur gibt es meines Wissens keinen Autor, der so kenntnisreich, reflektiert und unterhaltsam über Bibliotheken, Bücher und Lektüren schreibt wie Alberto Manguel. In Frankreich nannte ihn vor Kurzem ein Kritiker gar "Monsieur Livre" - "Herr Buch," obwohl Alberto Manguel Erzählungen wie "Stevenson unter Palmen" schrieb, in "Le retour" eine Reise nach Argentinien geschildert und in "Chez Borges" seine Erfahrungen als Vorleser des blinden Jorge Luis Borges verarbeitet hat.

Von Margit Klingler-Clavijo

Blick in ein Bücherregal einer Bücherei (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Blick in ein Bücherregal einer Bücherei (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

1998 wurde Alberto Manguel für seine in viele Sprachen übersetzte "Geschichte des Lesens" mit dem Prix Médicis du livre étranger ausgezeichnet und 2006 in Italien für das "Tagebuch eines Lesers" mit dem Grinzane Cavour beehrt. Der 1948 in Buenos Aires geborene Alberto Manguel hat jahrzehntelang ein Nomadendasein geführt und als Übersetzer, Verlagslektor und Lehrer in Israel, Frankreich, Tahiti, Italien und Kanada gelebt, ehe er sich mit zirka 35.000 Bücher in einem winzigen französischen Dorf niederließ, um seine Bücher, die bis dahin an verschiedenen Orten aufbewahrt wurden, in einer Bibliothek zusammenzuführen.

"Mit dem Alter schwindet die Energie, meines Erachtens erfordert ein Nomadendasein ein hohes Maß an Energie, um immer wieder aufs neue anzufangen und immer wieder die gleichen grundsätzlichen Fragen zu stellen. Ich war es leid, nicht all meine Bücher an einem Ort zu haben. Ich habe in nunmehr fast sechzig Jahren viele Bücher gesammelt, habe viele Bibliotheken zurückgelassen, konnte manchmal nur ein paar Bücher mitnehmen und schließlich landeten sie in einem Aufbewahrungslager in Kanada, wo ich in einen kleinen Haus lebte. Im Jahr 2000 machte ich mich auf die Suche nach einem Ort, der groß genug sein würde, um alle meine Bücher zu beherbergen. Ich fand ihn in Frankreich: ein kleines Dorf zwischen Tours und Poitiers mit sechs Häusern. Eins dieser Häuser hatte eine Scheune aus Stein und die konnte ich restaurieren und darin meine Bibliothek unterbringen. Ich lebe nun schon fast sieben Jahre dort und gehe davon aus, dass ich dort auch sterben werde."

So beschreibt Alberto Manguel wie er begann, den jahrzehntelang gehegten Traum von der eigenen Bibliothek zu verwirklichen. Vorausgegangen war ein Sommer im Chaos inmitten unausgepackter Bücherkisten und leerer Regale. Würde sich das Chaos je zu einer Bibliothek formieren, die unverkennbar seine Handschrift trüge? fragte sich Alberto Manguel beim Auspacken seiner Bücher, was über drei Monate in Anspruch nahm und wobei jede Menge Erinnerungen aufkamen an Buchhändler und Bibliotheken, an alte Freunde und wunderbare Leseerlebnisse.

All dies inspirierte ihn noch während der Einrichtung seiner Bibliothek zu einem neuen Werk, in dem er ausgehend von seinen Erfahrungen bei der Einrichtung seiner Bibliothek die Bibliotheken mehrerer Kontinente durchstreift. Ursprünglich sollte es "Reise durch mein Zimmer" heißen, da jedoch Xavier de Maistre diesen Titel bereits in Beschlag genommen hatte, wählte Alberto Manguel "Die Bibliothek bei Nacht".

"Der Titel rührte von der Idee, dass die Ordnung einer Bibliothek tagsüber viel zu offensichtlich ist und ich mir des nachts freiere Assoziationen erlaube, ich sehe nicht in einem physischen Sinn, die Anordnung ist weniger sichtbar und ich vermag daher frei zu assoziieren und meinen Geist über die Bücherstapel schweifen zu lassen. Wir wissen einerseits, dass das Universum zutiefst bedeutungslos ist und nicht dazu da, uns irgendetwas zu erklären, wir sammeln andererseits voller Optimismus Bücher - unser Wissen über das Universum - und versuchen, sie in eine alphabetische Reihenfolge zu bringen. Ich staunte über diese großzügige Geste der Hoffnung, die den Aufbau einer Bibliothek verkörpert. Unsere Erinnerung an vergangene Zeiten, unsere zu Worten gewordene Erfahrung, das alles auf den Regalen einer Bibliothek, die dann, so hoffen wir jedenfalls, zu einem Spiegel des Universums wird."

Alberto Manguels Bibliothek ist entstanden nach realen und imaginären Streifzügen durch die Bibliotheken der Welt. Dass er dabei etliche Kuriosa entdeckte, versteht sich von selbst. Beispielsweise die "burrobiblioteca" im ländlichen Kolumbien. Da werden in Satteltaschen aus Sisal, die rechts und links von einem Esel herunterhängen, Bücher in weit abgelegene Dörfer transportiert. Selbstverständlich hat er sich in den gigantischen und renommierten Bibliotheken der Welt umgetan wie der Library of Congress in den USA, der Bibliothèque Nationale in Frankreich oder der Bibliothek von Alexandrien.

Letztere wurde 1988 wiederaufgebaut und verfügt heute über einen Bestand von zirka acht Millionen, weitgehend elektronisch gespeicherten Büchern. Dabei hat sich Alberto Manguel seine eigenen Gedanken über das Vordringen elektronischer Medien gemacht und sich gefragt, ob sie die traditionelle Buch- und Lesekultur gefährden können.

"Die Bibliothek von Alexandrien ist einer der zentralen Mythen unserer Buchgesellschaften. Sie verkörpert den Ehrgeiz, das gesamte Wissen unter einem Dach zu haben. The world wide Web scheint einen ähnlichen Ehrgeiz zu haben, ist jedoch tatsächlich etwas ganz Anderes: In Alexandrien gab es eine Ansammlung von Büchern sowie Bibliothekare, die die Benutzung der Kataloge erklärten und kommentierten. The world wide web ist einfach nur eine Anhäufung von Wissen, ein Mülleimer mit Fakten, durch den man uns führt, was nicht sonderlich effizient ist. Man kann die ein oder andere Information finden, die man sucht, allerdings nie so, dass man sie auf die gleiche Art benutzen könnte wie die Bibliothek von Alexandrien. Es mag von Vorteil sein, dass es keine Hierarchie gibt, keine Klassifizierung von dem, was du suchst, allerdings ist dieses Viel zu viel von Nachteil. Im ersten Jahrhundert sagte Seneca, eine Anhäufung von Wissen sei kein Wissen. Wir brauchen den Muskel der Erinnerung, wir brauchen den Vorgang des Nachdenkens über unsere Lektüre. Im weiten Cyberspace sind die Dinge zwar vorhanden, jedoch in einem ganz realistischen Sinn unauffindbar, nicht ausfindig zu machen, wie das Universum an sich."

Hier spricht nicht der sinnliche Liebhaber von Büchern, der sich an der Aufmachung von Büchern erfreut, am Papier oder der graphischen Gestaltung, auch keiner mit unüberwindlichen Vorbehalten gegenüber den elektronischen Medien, vielmehr der Schriftsteller, der weiß, wie wichtig eigenständiges Denken ist, schließlich hat er im letzten Jahrhundert in Argentinien die Repression der Militärjunta miterlebt und vor ein paar Jahren die Zerstörung jahrhundertealter Bibliotheken wie in Sarajewo, Bagdad und Kabul. Seiner Ansicht nach ist die beste Art des Gedenkens an diese Akte barbarischer Zerstörung der Bau neuer Bibliotheken.

"In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin, hätte ich nur den Vorschlag zum Bau einer Bibliothek begrüßt. Eine Bibliothek ist zwar auch ein Mahnmal, doch ein lebendiges, eins, das man benutzt. Erinnerung wird da nicht nur repräsentiert, sondern bewahrt und jedes Mal aktiviert, wenn jemand ein Buch aufschlägt. Die Vorstellung, man könne Nicht-Sein erzwingen, man könne töten, verbrennen, vernichten, scheitert letztendlich immer. Sogar als Rom Karthago zerstörte und nichts mehr von Karthago übrig blieb und Salz auf den Boden gestreut wurde, hielt sich die Vorstellung, dass Karthago sich Rom widersetzt hatte. Unsere Erinnerung kann einfach nicht alles auslöschen. Nichts geht verloren, alles wird transformiert, in der physischen Welt und in der Welt der Erinnerung. Wenngleich Diktatoren überall versucht haben, Bücher zu zerstören, Bibliotheken zu verbrennen, Schriftsteller zu töten, überlebt das Wort und wird meines Erachtens auch überleben, solang wir auf dieser Erde sind."

Eine der Stärken von Alberto Manguels "Bibliotheken bei Nacht" liegt darin, dass er aufzeigt, wie sich in einer Bibliothek der Geist des jeweiligen Besitzers in der Architektur, der Anordnung der Bücher und ihrer Katalogisierung widerspiegelt. Eine seiner Lieblingsbibliotheken ist die runde Bibliothek des Aby Warburger, die sich dieser jüdische Kaufmannssohn im ausgehenden 19. Jahrhundert in Hamburg eingerichtet hatte. Da erkennt man schon beim ersten Besuch, dass Aby Warburger großen Wert auf die körperliche Darstellung von Ideen und Symbolen gelegt und die Erinnerung an Bilder kultiviert hat. Alberto Manguel selbst kommt ohne Katalog aus; er hat ein intuitives Verhältnis zu seinen Büchern, ohne die er nicht leben kann. Bücher sind für ihn Anregung, Lebenselixier und Trost. Nach ihrer Zusammenführung in einer Bibliothek hat er das Gefühl, sich weniger zu verzetteln, konzentrierter und produktiver zu sein und wie aus einem Guss zu schreiben.

"Ich selbst erfuhr aus Büchern etwas über die Welt. Erfahrung kam zuerst zu mir über Bücher. Ich las Bücher über wie man sich verliebt, wie man stirbt oder wie man auf Abenteuer geht. Als all dies dann tatsächlich in meinem Leben eintrat, hatte ich Worte, um es zu benennen. (...) Ich bin mir ganz sicher, dass es für jeden Leser ein Buch gibt, das irgendwo auf einem Regal auf ihn wartet, eins das eigens für ihn geschrieben wurde, dass seine geheimen Wünsche kennt und die tiefverborgenen Ängste. Vielleicht schrieb es irgendwer vor ein paar Jahrhunderten und brachte es zu Papier und es wartet nur darauf, dass du es entdeckst. Wie das geschieht, weiß ich nicht, es ist so, als erzählte man jemand, du wirst jemand treffen und dich verlieben. Doch wer das ist, wo es geschehen wird, ist nicht vorhersehbar (...) Ich hatte Bücher, die mir halfen zu leben, die mir halfen, weiterzuleben und ich kann nur hoffen, dass auch Sie bald Ihr Buch finden."

ALBERTO MANGUEL: DIE BIBLIOTHEK BEI NACHT
AUS DEM ENGLISCHEN VON MANFRED ALLIE UND GABRIELE KEMPF-ALLIE
S. FISCHER VERLAG, FRANKFURT AM MAIN, 2007

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