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StartseiteKalenderblattHerr der spitzen Zunge13.12.2009

Herr der spitzen Zunge

Vor 225 Jahren starb der Schriftsteller Samuel Johnson

Samuel Johnson ist eine der zentralen Persönlichkeiten der englischen Literaturgeschichte und in seiner Bedeutung als Dichter, Essayist, Romancier und Kritiker vergleichbar mit der Rolle Gottscheds im deutschsprachigen Raum. Vor 225 Jahren starb Johnson.

Von Ruth Fühner

Das Ehrengrab von Samuel Johnson ist in der Westminster Abtei in London.   (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)
Das Ehrengrab von Samuel Johnson ist in der Westminster Abtei in London. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)

"Freiheit ist die Wahl zwischen Arbeiten und Verhungern."

"Im Unglück lernt man sich selbst am besten kennen, weil man nicht mehr durch Freunde abgelenkt wird."

"Der Mensch kann gegen seinen Willen überzeugt werden, aber nicht erfreut."

"Freundschaften sind wie alte Dächer, man muss sie ständig reparieren, damit sie halten."


Aphorismen wie diesen verdankt Samuel Johnson seine Unsterblichkeit. Kein anderer Engländer lieferte so viele Geflügelte Worte wie er – außer Shakespeare natürlich. Schon die Zeitgenossen wussten, was sie an ihrem "Dr. Johnson" hatten – den Titel verliehen sie ihm ehrenhalber, und später auch eine staatliche Pension; richtig studiert hatte er, aus Geldmangel, nur ein Jahr lang. Bis ihn ein mitleidiger Kommilitone demütigte, indem er ihm ein paar neue Schuhe vor die Tür seiner Oxforder Behausung stellte.

Immerhin – Johnsons Vater war Buchhändler, und die Gelehrsamkeit, die sich der junge Mann so im Selbststudium erarbeiten konnte, frappierte alle, die ihm begegneten. Hässlich und ungepflegt, wie er den Zeitgenossen erschien, von Depressionen geplagt und halb blind, war Johnson doch ein Genie der Freundschaft und der intellektuellen Geselligkeit, geistreich, engagiert bei der Sache und doch um keinen Standpunktwechsel verlegen, solange sich daraus nur ein Funke schlagen ließ. Und immer wieder erstaunte er durch seine druckreifen Formulierungen.

"Es unterliegt keinem Zweifel, dass Johnsons Vorbild die Sprache seines Landes auf eine höhere Ebene gehoben hat; es wird heutzutage kaum etwas geschrieben, das nicht besser ausgedrückt wäre, als die Regel war, ehe er auf den Plan trat, um in Dingen des Geschmacks den Ton anzugeben."

So schreibt Johnsons Freund und Biograf James Boswell. Stilbildend wirkte vor allem Johnsons revolutionäres Hauptwerk, das "Dictionary of the English Language" von 1755, ein Wörterbuch, das nicht nur den gesamten Sprachschatz der Zeit wissenschaftlich erfasste, sondern auch literarische Maßstäbe setzte – unter anderem durch die vielen Zitate, die der Shakespeare-Bewunderer und -Herausgeber Johnson darin aufnahm. Mit eigenen Stücken hatte er weniger Erfolg. Die Uraufführung des Trauerspiels "Irene" durch seinen berühmten Schüler, den Schauspieler David Garrick, verlief leidlich, schreibt Boswell,

" ... bis zu der Stelle am Schluss, wo die Heldin des Stücks auf offener Bühne erdrosselt werden sollte und mit der seidenen Schnur um den Hals noch zwei Zeilen zu sprechen hatte. Die Zuschauer schrien Mordio, Mordio. Mehrmals setzte sie zum Sprechen an, doch umsonst; schließlich musste sie lebend von der Bühne abgehen."

Faszinierend hingegen wirkte Johnsons Talent zur ironischen, sarkastischen Zuspitzung. Erste Hungerhonorare verdiente er sich durch die Wiedergabe von Reden aus dem Parlament; was er dort hörte und auf den Straßen von London, wurde zum Stoff mehrerer Satiren. In ihnen geißelte er, im Dienst einer vernunftgemäßen, christlich fundierten Moral, die Laster und Torheiten der Hauptstadt und eines gewissen "Senats von Liliput".

Das optimistische Gegenstück dazu war der Roman "Restless – Prinz von Abessinien", in dem Johnson nicht nur die Ansicht vertrat, dass das Glück des Menschen durchaus im göttlichen Schöpfungsplan vorgesehen ist. Er wandte sich darin auch scharf gegen die Sklaverei. Kein Wunder, dass "Restless" ein beliebter Name unter Freigelassenen wurde. Boswell gegenüber klagte Johnson stets, wie schwer es ihm falle, seine Trägheit zu überwinden. "Der Müßiggänger" und "Der Bummler" hießen denn auch seine beiden Zeitschriften; die streitbaren Essays darin über Ehe, Erziehung, Geld oder Literatur schrieb er allerdings alle selber, jede Woche, vier Jahre lang, und noch als 70-Jähriger verfasste er seine Biografien der "Most Eminent English Poets", der bedeutendsten englischen Dichter. Dank Boswell können wir erahnen, wie schwer sich Johnson seine Produktivität und seinen Optimismus abringen musste.

"Man hielt ihm vor, es sei doch seltsam, dass er, der so oft durch sein
Gespräch alle in Entzücken versetzt habe, nun behaupte, es sei ein elendes Leben. 'Ach, es ist alles nur äußerlich', entgegnete Johnson. 'Ich mache vielleicht meine Faxen, und innerlich verfluche ich die Sonne. Sonne, du mein Unstern!"


Samuel Johnson starb, 75-jährig, am 13. Dezember 1784. Sein Ehrengrab hat er in der Westminster Abtei in London.

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