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StartseiteSprechstundeHerzoperationen im hohen Alter28.09.2010

Herzoperationen im hohen Alter

Risiken und Chancen

Unsere Lebenserwartung steigt. Diese erfreuliche Entwicklung stellt die Medizin jedoch vor neue Herausforderungen: Beispiel Herz. Bei 60-Jährigen ist ein Bypass oder eine Herztransplantation inzwischen fast Routine. Doch bei 90-Jährigen, die an einer Herzschwäche leiden, hieß es bisher meist: eine Operation wäre zu gefährlich. Was inzwischen möglich ist, hat das Deutsche Herzzentrum Berlin aus Anlass des Weltherztages vorgestellt.

Von Volkart Wildermuth

Eine Herztransplantation ist inzwischen fast Routine. (DHM)
Eine Herztransplantation ist inzwischen fast Routine. (DHM)

99 Jahre ist Annemarie Musswick alt und freut sich des Lebens. Aber vor einem Jahr stand es Spitz auf Knopf, ihre Herzklappen waren verkalkt, bewegten sich kaum noch:

"Vorher ist es mir nicht so gut gegangen, da bin ich alle ein bis anderthalb Wochen musste ich mit der Feuerwehr ins Krankenhaus, weil ich einfach keine Luft mehr bekam."

Die einzige Chance: eine neue Herzklappe. Früher wäre es undenkbar gewesen, einen so alten Menschen zu operieren. Heute lehnt Prof. Roland Hetzer, ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin, niemanden nur wegen seines Alters ab. Dafür sind aber spezielle Operationstechniken nötig, bei denen Chirurgen und Herzspezialisten Hand in Hand arbeiten. Unter Röntgenkontrolle schieben sie einen Katheter entweder von der Leiste durch die Schlagader oder von den Rippen aus durch eine Öffnung in der Herzspitze. Das Ziel ist die defekte Herzklappe:

"Auf diesen Katheter ist eine biologische Klappe aufgewickelt und wenn diese aufgewickelte Klappe an der richtigen Stelle ist, dann wird sie mit einem Ballon entfaltet und mit diesem Ballon in die Wand gedrückt wobei auch der Kalk der alten Klappe mit in die Wand gedrückt wird."

Die Schweineherzklappe wird dann von einem Stent, einem Drahtgeflecht in Position gehalten.

"Die Ergebnisse sind eigentlich sehr, sehr gut. Wir haben eine Sterblichkeit auch angesichts der Tatsache, dass wir sehr, sehr viel alte und sehr viel schwer kranke Patienten eingeschlossen haben, die liegt unter vier Prozent Sterblichkeit. Das ist eigentlich ein hervorragendes Ergebnis."

Die schonende Methode wird erst seit wenigen Jahren angewandt. Noch ist nicht klar, wie lange die Klappen halten. Deshalb wird bei jüngeren Patienten eine Herzklappe nach wie vor über eine große Operation ausgetauscht. Aber für 80-, 90-Jährige ist eine möglicherweise begrenzte Haltbarkeit kein Hinderungsgrund. Sie erhalten eine neue Herzklappe inzwischen nicht nur, wenn ihr Leben auf dem Spiel steht. Oft behindert eine verkalkte Herzklappe andere Eingriffe, weil sie ein hohes Risiko bei einer Vollnarkose darstellt.

"Aus diesem Grund kann es durchaus sein, dass quasi als Vorbereitung für einen anderen Eingriff, sagen wir eine Hüftgelenks- oder Kniegelenksoperation, die ja bei älteren Menschen auch für die Mobilität sehr wichtig ist, dass man zunächst erst einmal die Aortenklappe mit einem Katheterverfahren in Ordnung bringt, damit überhaupt die andere Operation durchgeführt werden kann."

Defekte Herzklappen sind nicht das einzige Problem von Hochbetagten. Viele haben schon einen Infarkt überstanden, der dann aber über die Jahre zu einer schweren Herzschwäche führt. Hier ist eigentlich eine Herztransplantation die einzige Chance, aber diese Operation ist für Menschen über 65 Jahren kaum zu verkraften. Deshalb implantiert Roland Hetzer in solchen Fälle Unterstützungspumpen, die das Blut mechanisch durch den Kreislauf drücken. Ursprünglich sollten sie nur die Zeit bis zu einer Transplantation überbrücken helfen. Es hat sich aber gezeigt, dass sie mehr sind als eine kurzfristige Hilfestellung, dass sie gerade älteren Menschen sieben, acht zusätzliche Jahre mit akzeptabler Lebensqualität verschaffen können.

Das Lebensalter allein ist kein Grund mehr, auf eine Herzoperation zu verzichten, die Ärzte müssen nur die passenden Methoden wählen, Und die werden mit der alternden Bevölkerung an Bedeutung gewinnen. Das kostet, aber es lohnt sich, wie das Beispiel der 90-jährigen Annemarie Musswick zeigt.:

"Ich wohne im Altbau, ohne Lift im dritten Stock oben. Und runter laufen, also das geht ganz gut. Aber rauf, da brauche ich Zeit. Aber ich schaffe es!"

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