Samstag, 15.12.2018
 
Seit 08:30 Uhr Nachrichten
StartseiteHintergrundHeute die Lösung, morgen ein Problem?30.07.2009

Heute die Lösung, morgen ein Problem?

Die Kurzarbeit auf dem Prüfstand

Viel Unternehmen, die mit den Folgen der Wirtschaftskrise kämpfen, haben Kurzarbeit angemeldet. Bundesweit sind nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit zurzeit etwa 1,4 Millionen Kurzarbeiter registriert. Sollte die Wirtschaft nicht bald wieder anspringen, könnten diese schnell arbeitslos werden.

Von Uschi Götz, Wolfram Stahl

Kurzarbeit soll Unternehmen beim Überbrücken der Krise helfen. (AP)
Kurzarbeit soll Unternehmen beim Überbrücken der Krise helfen. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Industriegebiet Stuttgart - Zuffenhausen: Hier steht das mehrgeschossige Firmengebäude der Firma "Otto Natter - Präzisionsmechanik". Hier werden unter anderem Kolben für eine spezielle Hydraulik gefertigt, die später in einen Gabelstapler eingebaut werden können:

"In guten Zeiten waren das bis zu 1000 Teile im Monat, derzeit sind es circa 200 im Monat."

Gefertigt wird ausschließlich nach Kundenwunsch und Kundenzeichnung. Die Firma Otto Natter hat keine eigenen Produkte anzubieten. Individuelle Lösungen für Kunden, das ist die Stärke des kleinen Unternehmens. Zu den Auftraggebern gehören namhafte Kunden. Der Diplomingenieur Thomas Klopf ist seit 1995 angestellter Geschäftsführer der Firma, die in den 30er-Jahren gegründet wurde und bis heute in Familienbesitz ist:

"Wir haben eine Menge sehr, sehr guter Kunden: Firmen aus dem Hydraulikbereich, Flurförderbereich, aber auch aus der Rüstungsindustrie. Das sind Unternehmen mit den Namen Moog, Rexrodt, Bosch, Linde, Caterpillar, Rheinmetall, Renk."

Die meisten der genannten Unternehmen haben zurzeit mit den Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise zu kämpfen. Das trifft auch die Zulieferer, oft kleinere mittelständische Unternehmen. Seit April hat die Firma Otto Natter mit 23 Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet.

Aufgrund der Exportabhängigkeit der baden-württembergischen Wirtschaft macht sich die Wirtschaftskrise im Südwesten Deutschlands besonders stark bemerkbar. Aber auch nicht exportabhängige Wirtschaftszweige sind mittlerweile betroffen. Im ersten Halbjahr haben 19.000 Betriebe in Baden-Württemberg für ihre rund 514.000 Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet. Im Vorjahreszeitraum waren es noch rund 1500 Betriebe mit etwas mehr als 15.000 Mitarbeitern. Im Juli gab es etwa 35.000 Neuanmeldungen; etwa so viele wie auch schon im Juni.

Bundesweit sind nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit zurzeit etwa 1,4 Millionen Kurzarbeiter registriert. Wenn der Chef der Nürnberger Agentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, die derzeitige Situation auf dem Arbeitsmarkt beschreibt, dann benutzt er gerne einen Satz, den er seinerzeit bei den er Fallschirmjägern gelernt hat: "Der freie Fall ist gebremst." Dann fügt Weise diesem Satz meist noch die Erklärung hinzu: "Die Kurzarbeit hat uns bislang vor einer höheren Arbeitslosenquote bewahrt." Deshalb werde Deutschland weltweit um dieses Instrument der Arbeitsmarktpolitik beneidet. Das zeigte sich auch heute bei der Veröffentlichung der neuesten Arbeitsmarktzahlen. Um Juli waren zwar mehr als 3,46 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet - und somit 52.000 mehr, als noch im Juni. Experten hatten aber mit einer doppelt so hohen Zunahme gerechnet.

""Wir werden bewundert wegen dieser Leistung, dass Unternehmer ganz bewusst sagen, ich verzichte auf betriebswirtschaftliche Steuerung und halte Menschen in Beschäftigung. Aber wenn diese Krise sehr lange dauert, und das ist nicht ausgeschlossen, dann gehen wir alle mit Kurzarbeit ein großes Risiko ein, dass danach Arbeitslosigkeit kommt - und dann wird es für alle zur Belastung und richtig teuer."

Gemäß den Prognosen wird die Gesamtzahl der Kurzarbeiter ebenso weiter zunehmen, wie auch die Masse der Arbeitslosen. Der Ausgabenposten für Kurzarbeit wurde für dieses Jahr bereits auf mehr als fünf Milliarden erhöht. Drei Milliarden mehr, als im Nachtragshaushalt vom Februar veranschlagt worden waren. Hinzu kommen die wohl bald explodierenden Kosten einer rapide steigenden Arbeitslosigkeit. Und die gehen auch der Bundesagentur für Arbeit an die Substanz, sagt Frank-Jürgen Weise:

"Wir sind die einzige Sozialversicherung, die in guten Zeiten Vorsorge gemacht hat. Die Reduzierung im Beitragssatz entlastet Bürger und Unternehmen um 30 Milliarden Euro pro Jahr, und trotzdem konnte ich 17 Milliarden Rücklage bilden. Und ich glaube, bei allem Widerstand und Kritik, es war gut, in guten Zeiten Vorsorge zu machen, bedauere es etwas, dass wir jetzt in so einer dramatischen Krise sind - und diese Vorsorge nicht ausreichen wird."

Zumindest dieses Jahr wird die Bundesagentur wohl noch alle Leistungen finanzieren können. Für die kommenden Jahre aber sieht die Situation wesentlich schlechter aus: Bereits für das Jahr 2010 ist ein beträchtliches Minus zu erwarten, zu dem das Kurzarbeitergeld erheblich beitragen wird. Die Beiträge werden dennoch nicht verändert, erklärt Arbeitsminister Olaf Scholz kategorisch. Der Beitragssatz ist gesetzlich festgelegt, er beträgt 2,8 Prozent für 2009 und 2010, ab 2011 steigt er dann auf drei Prozent.

" Es wäre ein Fehler, mitten in der Krise die Beitragssätze zur Arbeitslosenversicherung anzuheben. Und darum ist es eine der wichtigen Entscheidungen gewesen, die wir im Rahmen des Konjunkturpaketes getroffen haben, dass der Bundeshaushalt für den Fall, dass im Jahre 2010 Rücklagen und aktuelle Einnahmen der Arbeitslosenversicherung nicht ausreichen, mit einem Darlehen für die Aufgaben zu Verfügung steht, sodass weder die Beiträge angehoben werden müssen, noch die Leistung gekürzt. Beides wäre falsch - und ich glaube, das ist der richtige Weg, den wir da eingeschlagen haben.""

Als Reaktion auf die schärfste Rezession in der Geschichte der deutschen Wirtschaft verlängerte Arbeitsminister Olaf Scholz bereits im Dezember 2008 die Dauer für Kurzarbeit auf anderthalb Jahre. Im Juli dieses Jahres wurde der Schutzschirm für Arbeitnehmer noch einmal ausgeweitet, zudem auch noch die Arbeitgeber deutlich entlastet.

"Mit den Beschlüssen wird das Kurzarbeitergeld jetzt insgesamt 24 Monate gefördert und darüber hinaus eine Möglichkeit dafür geschaffen, dass Unternehmen, die schon sechs Monate Kurzarbeit haben, ab dem siebten Monat die Sozialversicherungsbeiträge voll erstattet bekommen für die ausgefallene Arbeitszeit."

Die Arbeitnehmer erhalten für die Ausfallzeit ein Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 Prozent ihres sonstigen Nettoverdienstes. Den Arbeitnehmern mit Kindern gewährt der Staat einen 67-prozentigen Lohn- oder Gehaltsausgleich für ihre gekürzten Arbeitsstunden. Bundesarbeitsminister Scholz:

"Meistens ist es so, dass die Kurzarbeit gar nicht so genommen wird, dass man gar nicht mehr arbeitet und für Wochen nicht mehr zur Firma kommt. Sondern die meisten Beschäftigten gehen in der Woche, gehen im Monat noch, wenn auch reduziert, ihrer Arbeit nach. Und auch das ist ein ganz großer Gewinn - in finanzieller Hinsicht für alle, aber natürlich auch vor allem für den Arbeitsmarkt. Denn, wer in der Beschäftigung bleibt, hat bessere Chancen, wenn die Konjunktur wieder anläuft, auch dann noch an seinem Arbeitsplatz tätig zu sein."

Die Bundesregierung verknüpft mit der Kurzarbeitsregelung große Hoffnungen: Den Unternehmen sollen die Ausgleichszahlungen und die Übernahme der prozentualen Sozialbeiträge helfen, möglichst ohne oder mit deutlich weniger Entlassungen durch die Krise kommen. Qualifizierte Fachkräfte könnten auf diese Weise in den Betrieben gehalten werden, um sie dann beim nächsten Aufschwung nicht wieder mühsam oder womöglich sogar vergeblich auf dem Arbeitsmarkt suchen zu müssen. Außerdem kostet Kurzarbeit den Staat beträchtlich weniger und sie wirkt wie die Abwrackprämie, weil sie die Arbeitslosigkeit dämpft. Bundesarbeitsminister Scholz:

"Wenn man zum Beispiel davon ausginge, dass etwa die Hälfte der Arbeitnehmer sonst entlassen worden wäre, wenn man unterstellt, die Hälfte der Arbeitszeit fällt typischerweise aus, dann kommt man auf sehr hohe, in die Hunderttausende gehende Zahlen von Arbeitnehmern, die heute wegen der Kurzarbeit ihren Arbeitsplatz behalten haben. Das bedeutet für die Kassen der Bundesagentur für Arbeit, dass sie die Ausgaben für die Finanzierung der Arbeitslosigkeit spart, und die sind im Zweifel immer höher als das, was für die Kurzarbeit anstatt dessen stattfindet."

Auch Oliver Grupp, 40 Jahre alt, Industriemechaniker bei der Firma Natter bekommt die Folgen der Kurzarbeit zu spüren. Der große, schlanke Mann gehört nicht zu den Menschen, die viel reden, er schafft lieber. Grupp hat 1988 seine Ausbildung in der Firma gemacht und gehört zur Kernmannschaft.

"Wir arbeiten nur noch 50 Prozent, die Hälfte halt."

Rund ein Viertel weniger seines sonst üblichen Monatslohns bekommt Grupp zurzeit: Geld, das fehlt - noch nicht im Alltag, aber bei allem, was man sich sonst so gönnte, zum Beispiel Reisen:

"Ja, also ich verzichte da drauf, auf den Urlaub in diesem Jahr. Ich werde schon etwas machen, aber nicht fortfliegen oder sonst etwas."

Der 40-Jährige glaubt fest daran, dass die Krise absehbar ist:

"Es muss ja weitergehen irgendwie, ja! Aber wann das ist? Ich schätze ja Ende vom Jahr oder Mitte nächsten Jahres. Aber ich denke, wenn es weiter geht, dann wird es richtig knallen."

Ganz so optimistisch sieht es sein Chef Thomas Klopf nicht.

"Wir rechnen nicht damit, dass in kürzerer Zeit diese Situation sich so bereinigt, dass wir den Zustand von Mitte 2008 bekommen. Insofern gehen wir davon aus, dass die derzeitige Situation uns noch eine ganze Zeit beschäftigen wird."

Die Firma "Otto Natter - Präzisionsmechanik" gilt als ein kleines und feines Vorzeigeunternehmen in Baden-Württemberg. Der 50-jährige Geschäftsführer engagierte sich jahrelang im Bereich Ausbildung, ebenso beschäftigt das Unternehmen bis heute ältere Mitarbeiter jenseits des 60. Lebensjahrs. Wie viele andere Firmen in Baden-Württemberg musste auch das kleine Unternehmen auf die andauernde Krise reagieren.

"Kurzarbeit haben wir angemeldet bis 31.12.2009, also bis zum Ende des Jahres. Wir denken aber heute schon darüber nach, wie wir diese neue Situation als Realität aufnehmen und darauf reagieren."

Seit Monaten kämpft Klopf. Er versucht, Aufträge zu bekommen und gleichzeitig neue innovative Techniken zu entwickeln. Dazwischen muss er die kleinen Firma am Laufen halten. Trotz Kurzarbeit kann jede Maschine immer bedient werden. Kommen kurzfristig Aufträge herein, können diese sofort umgesetzt werden. Aus diesem Grunde gibt es bei der Firma Natter auch keine Sommerpause:

"Also wir haben grundsätzlich die Situation, dass wir die Firma an jedem Tag arbeitsfähig halten. Das heißt, wir sind an jedem Tag da und unsere Systeme sind so redundant, dass wir alle Prozesse täglich auch abdecken können. Das fängt beim Büro an und ist genauso in Fertigungsbereichen. Das heißt, dort wo wir nicht genügend Kapazität durch Aufträge abdecken können, sind jeweils der zweite oder dritte Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber ein Mitarbeiter, der den Prozess darstellen kann, ist immer im Hause."

Mit dieser Personalpolitik hat Klopf bislang die Firma über Wasser gehalten. Immer wieder kommt unverhofft ein neuer Auftrag.

"Kurzarbeit ist insofern ein gutes Mittel, um so eine Rückzugsposition zu haben, die einem mindestens eine gewisse Kostenentlastung bringt. Aber auf Dauer ist sie einfach zu teuer, denn irgendwann einmal sind die Möglichkeiten des Unternehmens aufgebraucht. Insgesamt ist die erste Priorität, dass wir zusätzliche Kunden, andere Kunden, andere Märkte bedienen können. Da haben wir Erfolge, in ganz anderen Bereichen, an die wir uns früher gar nicht drangewagt haben, die wir heute aber erfolgreich durchführen."

Arbeitsminister Scholz und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt haben gerade noch in einem gemeinsamen Brief an Unternehmen dafür geworben, auch weiterhin die Kurzarbeit zu nutzen und die gesamte 24-Monatsfrist auszuschöpfen. Noch funktioniert das Instrument der Kurzarbeit als Stoßdämpfer zur Abfederung der Arbeitslosigkeit. Doch je länger die Krise dauert, desto geringer wird der Dämpfungseffekt ausfallen.

In Betrieben, wo bisher noch keine Kurzarbeit eingeführt worden ist, werden gegenwärtig die Auftragsbestände abgearbeitet, Überstunden abgebummelt und Zeitarbeitskonten abgebaut. Unter der geringen Kapazitätsauslastung leiden auch die Leiharbeiter, von denen nur noch wenige in den Betrieben beschäftigt sind.

Das Kurzarbeitszeitmodell verlangt ein Höchstmaß an Flexibilität von den Mitarbeitern - auch bei der Firma Natter. Einen positiven Effekt hat es jedoch bisher gehabt. Bislang mussten noch keine Mitarbeiter entlassen werden. Geschäftsführer Klopf ist zuversichtlich, dennoch sei die kritische Phase noch nicht überwunden:

"Das schließt auch nicht aus, dass wir entsprechende Personalanpassungsmaßnahmen vornehmen müssen. Wir haben sicherlich die Situation, dass der eine oder andere aus altersbedingten Gründen hier das Unternehmen verlassen wird. Da gibt es noch einen gewissen Spielraum, um dort zu reduzieren. Aber es gibt auch die Situation, dass wir heute Auszubildende, die wir beschäftigen, morgen wahrscheinlich nicht so ohne Weiteres übernehmen können."

Das Wort Entlassungen nimmt Klopf nicht in den Mund, noch besteht Hoffnung. Allein im ersten Quartal des Jahres konnten mithilfe von Kurzarbeit nach Angaben der baden- württembergischen Agentur für Arbeit rund 70.000 Arbeitsplätze erhalten werden. Doch die Gewerkschaft IG Metall rechnet für das vierte Quartal mit einem sprunghaften Anstieg der Zahl von Entlassungen in der Metall- und Elektroindustrie. Es nerve, wie momentan gutes Wetter künstlich herbeigeschrieben werde, sagte jüngst der baden-württembergische IG Metall Bezirksleiter Jörg Hofmann. Den Menschen werde absichtlich Sand in die Augen gestreut, so Hofmann, und nach der Bundestagswahl am 27. September werde die Welt dann plötzlich wieder ganz anders aussehen.

Gemäß dem Ifo-Geschäftsklimaindex hellt sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft zwar langsam wieder auf. Der Index war im Juli genauso zum vierten Mal in Folge gestiegen, wie das Konsumklimabarometer des Marktforschungsinstituts GfK. Gegenwärtig ist die Stimmung im Land jedoch besser, als die gesamtwirtschaftliche Lage. Die Inlandsnachfrage ist nach wie vor ungebrochen, zudem konnten die Automobilverkäufe durch die kostspielige Maßnahme der Abwrackprämie enorm gesteigert werden. Weil jedoch die Exporte extrem eingebrochen sind, besitzt das Frühjahrsgutachten aus dem Hause von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach wie vor Gültigkeit.

"Wir rechnen, in Übereinstimmung mit den Instituten, mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen in diesem Jahr um rund 450.000 auf etwa 3,7 Millionen im Jahresdurchschnitt. Im nächsten Jahr wird der jahresdurchschnittliche Zuwachs um etwa 900.000 zwar noch etwas höher liegen, im Verlauf des kommenden Jahres erwarten wir allerdings, im Zuge der weltwirtschaftlichen Beruhigung, dass dieser dramatische Rückgang dann auch deutlich an Schärfe verlieren wird."

Die Prognose der Bundesagentur für Arbeit fällt im Vergleich zur Vorhersage des Bundeswirtschaftsministeriums nicht ganz so pessimistisch aus. Insgesamt deutet jedoch keines der vielen Wirtschaftsgutachten auf deutlich bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen oder auf eine schnelle Erholung hin.

"Es wird im laufenden Jahr kaum möglich sein, den scharfen Einbruch der letzten Monate, selbst bei der Stabilisierung einzelner Wirtschaftsdaten und auch Indikatoren, die wir in Einzelbereichen auch haben, wieder aufzuholen. Und es wäre deshalb auch verwegen, hier mit anderen Zahlen zu spielen."

Die Wirtschaftskrise wird den deutschen Arbeitsmarkt mit einiger Verzögerung treffen. Besonders im Herbst könne es vermehrt zu Entlassungen kommen, wenn Firmen nach Ende der Kurzarbeit keine neuen Aufträge verbuchten, sagte Weise.

Deswegen lassen sich weder die Regierung noch der BA-Chef von den heute veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen täuschen, die weniger schlimm sind, als erwartet. Denn die tatsächlichen Fakten, wozu auch die versteckte Arbeitslosigkeit gehört, werden durch diese äußerst freundlichen statistischen Zahlen keinesfalls abgebildet.

"Man muss aber sagen, es ist nun mal Gesetz, wie man zählt, und wir wollen ja auch in der EU und international vergleichen, deshalb sind wir an diese gesetzliche Definition gebunden. Mein Auftrag geht viel weiter. Es sind die Menschen, die in Maßnahmen sind - Qualifizierungen, Bewerbungstrainings, Umschulung - das sind 1,6 Millionen Menschen, zum Teil nur wenige Tage, zum Teil länger. Und insofern ist eigentlich mein Betreuungsbereich, wenn Sie so wollen, wesentlich mehr als die Arbeitslosen."

Anstatt die Statistik nach den gesetzlichen Möglichkeiten zu schönen, sollten auch die Kurzarbeiter dazu angehalten werden, sich in ihrer freien Zeit weiterzubilden, fordern zahlreiche Fachleute. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes(DGB) haben im ersten Halbjahr 2009 aber nur etwa 10.000 Kurzarbeiter von der Weiterqualifizierung Gebrauch gemacht. Dies geht aus einem entsprechenden Bericht der "Financial Times Deutschland" hervor. Die unerwartet niedrigen Zahlen zeigen, dass viele Arbeitgeber und Beschäftigte trotz hoher Zuschüsse die Möglichkeit einer Qualifizierungsoffensive verstreichen lassen.

Bei der Firma Natter hat man diese Möglichkeit genutzt. Eine Mitarbeiterin hat erfolgreich an einer Weiterqualifizierungsmaßnahme teilgenommen.

"Schönen guten Tag Frau Ozvanic! Schön, dass Sie wieder da sind. Ganz herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung, die sie jetzt während dieser Weiterqualifizierung, während der Kurzarbeit absolviert haben. Das finde ich ganz toll, sie sind die Erste bei uns im Unternehmen, die so erfolgreich eine Qualifizierung bestanden hat und in diesem Fall, ganz konkret, zur Qualitätshelferin. Das finde ich ganz toll."

"Ich war in der Schule, ich habe mitgemacht, ich habe gelernt Sachen, die ich früher nicht gewusst habe. Ich habe so Vieles mitbekommen, dass ich mitmache, jetzt."

Seit über 15 Jahren arbeitet die knapp 60 Jahre alte Italienerin bei der Firma Natter. Bewusst habe er Katharina Ozvanic zur Weiterqualifizierung geschickt, sagt Geschäftsführer Klopf. Ihr Alter habe dabei keine Rolle gespielt:

"Wir sind uns sicher, dass es eine Investition ist, die sich lohnt. Sie, Frau Ozvanic, ist seit vielen Jahren im Unternehmen alleinverantwortlich für einen bestimmten Produktbereich, wo wir jedes Jahr eine Auszeichnung bekommen über Qualität, hinsichtlich Produkt und Termin. Die Produkte können andere auch nicht in der Qualität herstellen. Deshalb halten wir das auch für wichtig, sie dort weiterzuqualifizieren, ihr auch zu signalisieren, dass sie für uns viel wert ist."

Bislang scheint Thomas Klopf alles richtig gemacht zu haben. Und so hat er große Hoffnung, im nächsten Jahr tatsächlich gestärkt mit einem weiterqualifizierten Team in die Zukunft blicken zu können.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk