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StartseiteEine WeltKinder - verflucht und gefoltert03.11.2018

Hexenkult im KongoKinder - verflucht und gefoltert

Die Demokratische Republik Kongo ist reich an Rohstoffen. Um die lukrativen Minen toben Kämpfe, Flucht und Vertreibung verschärfen die Situation zusätzlich. Scharlatane und selbst ernannte Pastoren erklären die Armut mit Hexerei und machen nicht selten Kinder zu ihren Opfern.

Von Bettina Rühl

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Arbeiter in einer Goldmine im Kongo. (AFP / Lionel Healing)
Wenn das Schürfen in den Minen des Kongo ohne Erfolg bleibt, bringen Scharlatane Hexerei ins Spiel (AFP / Lionel Healing)
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Zwei jugendliche Mädchen sitzen auf einer Bank und malen. Die beiden müssen sich dafür verrenken, weil es keinen Tisch gibt - sie malen auf der Bank, auf der sie auch sitzen. Das scheint Alliance und Grace nicht zu stören. Sie sind in die Geschichten vertieft, die sie zu Papier bringen. Die beiden warten auf ein Gespräch mit der kongolesischen Therapeutin Thérèse Mema Mapenzi.

Die 16jährige Alliance setzt sich als erste in den Stuhl vor Memas Schreibtisch. Ihr Bild hat sie mitgebracht, es zeigt ihr Elternhaus und ist aufgebaut wie ein Comic. 

"Hier kommt mein Bruder mit einer Machete und sagt zu mir: "Hau ab, ich will dich nicht mehr sehen! Raus!" Mein Vater schreit auch: "Raus!" Und meine Mutter: "Raus! Ich will Dich nicht mehr!" Hier haben meine kleinen Brüder angefangen zu weinen, weil ich von zu Hause weggejagt worden bin. Ich bin zu meiner Oma gelaufen, die im selben Dorf wohnt. Aber meine Oma hat mich auch verjagt, sie hat geschrien: "Hau ab!" Dann bin ich zu meiner Tante gelaufen, die mich ein paar Tage lang aufgenommen hat. Danach habe ich aufgehört zu zeichnen, weil du mich gerufen hast, aber ich wollte noch weiter machen." 

Kindheit als Alptraum

Was hättest Du noch zeichnen wollen, fragt Thérèse Mema das Mädchen. Dass ihr Vater sie schließlich in ein Heim brachte, sagt Alliance, weil sie bei ihrer Tante auch nicht bleiben konnte. Alliance wirkt trotz ihrer 16 Jahre so, als sei sie noch etwas überfordert von der Welt. Zu Thérèse Mema hat sie aber offensichtlich Vertrauen. Die Therapeutin arbeitet regelmäßig mit den Kindern und hört zu, wenn sie von dem Alptraum erzählen, der ihre Kindheit war.

"Früher habe ich mit meinen Geschwistern in Kamituga gelebt, in der Nähe einer Goldmine. Es ging uns gut, und wir haben uns gut verstanden. Dann fing mein großer Bruder an, in der Mine nach Gold zu schürfen. Anfangs hat er sehr viel gefunden, aber plötzlich hörte das auf. Er hat Rat bei einem traditionellen Heiler gesucht und gefragt, woran das liegt. Der Heiler hat ihm gesagt, dass ich eine Hexe bin und ihn verflucht habe, so dass er nichts mehr findet. Mein Bruder kam zu mir und hat gesagt: "Du hast mich verflucht!" Meine Oma hat er auch beschuldigt, eine Hexe zu sein. Er hat behauptet, dass sie mir das beigebracht hat. Er kam mit der Machete auf mich zu und hat geschrien: Ich bringe dich um!"

Bei diesen Worten zieht Alliance ihren rechten Zeigefinger an ihrer Kehle vorbei. Fünf Jahre ist das her, damals war sie elf Jahre alt, ihr Bruder 23. Von da an verfolgte ihr Bruder sie mehrere Jahre lang, bedrohte sie immer wieder.

Kinder unter Hexerei-Verdacht

Thérèse Mema hört viele ähnliche Geschichten. In diesem Jahr habe das katholische Kommission für Frieden und Gerechtigkeit allein in der Provinz Süd-Kivu 10.000 Kinder registriert, die der Hexerei beschuldigt würden.

"Es gibt viele Schwierigkeiten, vor allem in den Gebieten, in denen Mineralien gefunden werden. Eins der Probleme: Die Leute glauben, sie müssen nur in eine Mine gehen und würden sofort Gold finden. Aber so einfach ist das nicht. Und wenn sie nichts finden sind sie davon überzeugt, dass jemand sie verhext hat."

Mit solchen Anklagen lässt sich Geld verdienen. Die Zahl derer, die aus solchen Beschuldigungen ein Geschäft machen, nimmt laut Thérèse Mema zu.

"Das sind vor allem die Pastoren von evangelikalen Kirchen, traditionelle Heiler und Fetischpriester. Sie beschuldigen die Kinder der Hexerei. Weil die Zahl der Erweckungskirchen zunimmt, nimmt auch die Zahl solcher Anklagen zu."

Religiöse Einnahmequellen

Die so genannten Erweckungskirchen berufen sich zwar auf die Bibel, verkünden aber häufig ihre eigene religiöse Lehre. Viele ihrer Pastoren leben ausschließlich von den Abgaben ihrer Gemeindemitglieder. Religiöse Dienstleistungen wie das Erkennen und Austreiben von Flüchen lassen sie sich extra bezahlen – auf Kosten ihrer Opfer. 

"Zu Hause mochte mich niemand mehr, und auf der Straße zeigten alle mit dem Finger auf mich: "Sie ist eine Hexe! Sie ist eine Hexe!" Das hat mich sehr traurig gemacht, und eines Tages habe ich beschlossen, mich umzubringen. Ich habe eine Flüssigkeit getrunken, von der mich mal jemand gewarnt hatte, weil sie giftig ist und man davon sterben kann. Danach bin ich ins Krankenhaus gekommen, aber ich erinnere mich nicht an alles. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr leben wollte. Als ich entlassen wurde und nach Hause kam, hat mein Bruder gesagt: "Ihr hättet sie sterben lassen sollen. Es wäre gut, wenn sie endlich tot wäre."

Aus Sicht der Therapeutin ist es ein Erfolg, dass sich das Mädchen endlich öffnet – nur so wird sie das Erlebte irgendwann überwinden können.

Missbrauch durch Pastor und Eltern

Im Fall der 16-jährigen Grace haben sich sogar sechs selbst ernannte Pastoren an der so genannten Hexenaustreibung beteiligt und das Mädchen über Monate gemeinsam gequält. Der Grund: angeblich sei Grace für den Tod ihrer Mutter verantwortlich, die 2012 an einer Krankheit gestorben ist.

"Sie haben mich immer wieder geschlagen und mir tagelang nichts zu essen gegeben. Manchmal haben sie mich eingeschlossen, oder sie haben mich ausgepeitscht. Das konnte über Stunden gehen. Schließlich haben sie gesagt, ich müsste noch in eine andere Kirche gehen, damit die Pastoren dort auch für mich beten. Da musste ich zwei Monate lang bleiben, sie haben mich auch wieder hungern lassen, mich eingeschlossen und für mich gebetet."

Auch für Grace zog sich die Folter über Monate – bis ihr Vater sie für unheilbar erklärte und ins Kinderheim Ek’Abana in Bukavu brachte. Für beide Kinder war die Ankunft im Heim geradezu eine Erlösung.

"Ich darf dort bleiben. Es geht mir gut. Ich darf da schlafen und kriege genug zu essen. Das ist jetzt mein zu Hause."

"Ich lebe, als wäre ich ganz alleine. Das ist manchmal schwer, dann muss man mutig sein. Wenn man groß ist, kann man vielleicht alleine sein. Aber wenn man noch ein Kind ist, muss man viel Mut haben, um das zu schaffen. Ich werde mutig sein."

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