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StartseiteBüchermarkt"Wenn Parzival und ich ein Kind hätten, wäre es Lou"29.10.2020

Hexenroman aus Los Angeles"Wenn Parzival und ich ein Kind hätten, wäre es Lou"

In Zaia Alexanders Debütroman trifft Hauptfigur Lou auf mysteriöse Hexer. Bald verwandeln sie Lous Leben, allerdings ausschließlich zum Guten. Dass die kultischen und magischen Elemente in ihrem Buch suspekt erscheinen können, müsse man aushalten, sagt die Autorin im Dlf. Sie vermisse Mysterien.

Zaia Alexander im Gespräch mit Miriam Zeh

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Zaia Alexander und ihr "Erdbebenwetter" (Buchcover Verlag Klett-Cotta, Autorenprotrait (c) Tobias Bohm)
Zaia Alexander wuchs in Los Angeles auf. Sie promovierte an der UCLA und lebt heute in Potsdam. (Buchcover Verlag Klett-Cotta, Autorenprotrait (c) Tobias Bohm)
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Vom titelgebenden "Erdbebenwetter" spricht man in Los Angeles eigentlich, wenn trotz kühler Jahreszeit ungewöhnlich hohe Temperaturen vorherrschen. Sie kündigen Veränderung an, oft Unheimliches. Menschen und Tiere verharren in erwartungsvoller Stille. "Ich habe immer behauptet, dass nur Leute aus Kalifornien den Unterschied kennen zwischen einer normalen Hitze und einem Erdbebenwetter. Aber ich glaube, die ganze Welt kennt sich jetzt aus mit Erdbebenwetter", sagte Zaia Alexander. Ihr Debütroman spielt in Los Angeles. Dort ist Alexander aufgewachsen. Aus einer tiefen Sehnsucht nach ihrer Stadt schrieb sie "Erdbebenwetter". Denn seit zwölf Jahren lebt die Autorin in Potsdam. 

Die Witterung ist nicht das einzige, was über Alexanders fiktives Los Angeles hereinbricht. "Als ich am nächsten Morgen durch den windigen Canyon fuhr, die Luft roch nach Salbei und Meer, stand vor mir auf der Straße ein Kojote", heißt es im Roman. Die Mittdreißigerin und Icherzählerin Lou versucht sich in der Stadt der Engel und der Filmindustrie als Regisseurin - allerdings eher erfolglos. Erst mithilfe eines alten Freundes bekommt ihr Leben eine Wendung. Der erfolgreiche Josh oder Edouard, wie er sich mittlerweile nennt, stellt Lou den "Hexern" vor. 

"Es gibt Menschen, die man kennenlernen und die etwas in einem auslösen, einen an Sehnsüchten, Hoffnungen und Ahnungen erinnern, die längst vergessen worden sind, irgendwelche Versprechungen, die man sich gemacht hat und dann längst vergessen", so Zaia Alexander. "Diese Menschen kitzeln das raus. Das ist kein Fantasy-Roman. Das spielt schon im Alltag. Aber was machen Hexer? Sie verwandeln Menschen, verwandeln Dinge. Und auch Lou durchläuft eine Metamorphose, eine Verwandlung durch diese Begegnung mit den Hexern."

Sportliche Hexen und blaue Kätzchen

Jene mysteriösen Hexer, die Lou zunächst zu Tai-Chi-ähnlichen Körperübungen trifft, nehmen bald maßgeblichen Einfluss auf Lous Leben. Sie ändert ihren Namen, zieht in einen Wohnkomplex der Gemeinschaft und bekommt dank ihnen ihr Leben in den Griff. Lou beginnt zu studieren, schließlich zu promovieren, und die Hexer besorgen ihr sogar eine Familie: Adoptivtochter Lola, die Lou eher an einen 84-jährigen Chinesen erinnert, und das blau schimmernde Kätzchen Sophie.

Über sie heißt es im Roman: "Das Kätzchen hatte die gleichen grünen Augen wie meine Tochter, was mir in der Klinik nicht aufgefallen war. Sogar die Form ihrer Augen ähnelte sich. 'Die Tierärztin hat gesagt, ihr doppeltes Fell lässt sie manchmal blau aussehen. Sie ist ein 'Russisches Blau' und kann Sachen, die keine andere Katze kann, Türen öffnen zum Beispiel', sagte meine Tochter nach einer Weile."

In ihrer kleinen Familie lernt Lou, Verantwortung zu übernehmen. Jene Metamorphose, die die Hexer in ihr anregen, passiert also ohne großes Getöse. "Ich denke immer, wenn ich ein Kind mit Parzival hätte, dann wäre sie Lou", erklärt die promovierte Germanistin Zaia Alexander. "Das ist wirklich eine, die orientierungslose herumirrt, so wie er auch. Aber am Ende gibt es eine Wendung in ihrem Leben. Das ist wirklich dramatisch, aber nicht mit Blitz und Donner, sondern dieser Zauber ist extrem subtil. Sie lernt einfach, die Dinge anders zu sehen." 

Magische Gegenstände

Eine besondere Faszination übt die Rätselhaftigkeit von Alexanders Roman aus. In "Erdbebenwetter" tauchen einige magische, mitunter kultische Elemente auf, alte Schmuckstücke und viel Blaues, das sich in der literaturgeschichtlichen Tradition schon immer der Logik entzog. "Ich habe gemerkt in diesem Leben oder vor allem in dieser schwierigen Zeit, dass wir Mysterien und Geheimnisse gar nicht mehr aushalten. Wir sind nicht mehr in der Lage, damit umzugehen. Ich finde es sehr traurig. Unser Leben ist ärmer ohne Mysterien.", sagt Alexander.

Ihr Debütroman "Erdbebenwetter" sollte einen Kontrapunkt setzen zu den vielen Gegenwartsromanen, die auf politische Diskurse Bezug nehmen. "Viele Bücher in Deutschland handeln von brisanten, heißen Themen. Mein Buch tut das auch, aber auf eine andere Art und Weise. Meine Ansicht nach kann man nicht direkt in die Sonne gucken, sonst wird man blind. Am besten guckt man an der Peripherie. Da finde ich Geschichten, die mich sehr faszinierend und die nicht ganz so gängig sind", so die Autorin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Zaia Alexander: "Erdbebenwetter"
Tropen Verlag, Stuttgart, 320 Seiten, 22 Euro

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