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StartseiteKultur heuteHieron und Demetrius im Doppelpack31.08.2013

Hieron und Demetrius im Doppelpack

Deutsches Theater Berlin inszeniert ein Werk von Mario Salazar und Friedrich Schiller

Das Deutsche Theater Berlin hat zum Spielzeitauftakt von dem jungen Mario Salazars das Stück "Hieron. Vollkommene Welt" zur Uraufführung gebracht. Salazars Werk ist letztlich ein Appell zum Aufstand gegen angemaßte Macht. Dem Abend wurde Friedrich Schillers "Demetrius"-Fragment hinzugefügt.

Von Michael Laages

Mit dem Stück von Salazar wird an der Bühne des Deutsches Theaters in Berlin die Zukunft finster dargestellt. (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
Mit dem Stück von Salazar wird an der Bühne des Deutsches Theaters in Berlin die Zukunft finster dargestellt. (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
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Deutsches Theater Berlin

Finsterer ist Zukunft nicht zu haben. Die Macht des Herrschers Hieron ist perfekt – jeder und jede im Volk gehorcht den Regeln von Ökonomie und Produktivität, arbeitet praktisch ohne Pause, mit nur einem freien Tag pro Jahr, an Weihnachten; nimmt klaglos alle Verbote durch den Herrscher hin (Möglichst nicht reden! Einander nicht berühren! Das Haus nur auf dem Weg zum Arbeitsplatz verlassen!), und wenn die Arbeitskraft von diesem oder jener nicht mehr benötigt wird, freut sich er oder sie sich schon auf die eigene Hinrichtung – das wird ein Fest für alle; und die Familie muss dabei sein und jubeln.

Über diese Arbeitsopfergesellschaft herrscht, unsichtbar wie ein Gott und orientiert einzig an der Verwertung von Humankapital, als Allmächtiger ein Monstrum auf Krücken: Hieron eben. So hieß ein Tyrann von Syrakus im fünften vorchristlichen Jahrhundert – der Autor Mario Salazar, präsent bei quasi allen Jungdramatikerwettbewerben des vorigen Jahres, lässt diesen Herrscher immerhin wissen, dass die Macht nicht wirklich ihm gehört, sondern ausschließlich auf der Dulderkraft des Volkes basiert; dass Hieron selber überflüssig ist für das abstrakte Prinzip, weshalb der Allmächtige am Ende erst den klugen Adlatus und dann sich selbst erschießt. Die Tyrannei wird auch funktionieren ohne den Tyrannen, das Stück ist letztlich ein Appell zum Aufstand gegen angemaßte Macht.

So gedanklich klar das Stück auch wirken mag beim ersten Hinhören, so verblüffend hilflos kommt es dramatisch daher: im braven, perspektivarmen Wechsel zwischen hie Szenen bei Arbeiters zu Hause (wo gerade Weihnachten gefeiert wird, lust- und freudlos wie immer, und die Tochter die eigene Exekution ankündigt) und da Dialogen zwischen Herrscher und Helfer. Aber weder schwingt sich Salazars Sprache zu irgendeiner Art von Bedeutung oder auch nur Kraft auf, noch gibt die Figurenzeichnung wirklich viel her: Pappkameraden, soweit das Auge reicht! Die Konstruktion taugt, das ist unüberseh- und –hörbar, für nicht viel mehr als eine Miniatur. Im Programmheft allerdings füllt der Stückabdruck 70 Seiten; immerhin gut die Hälfte davon hat Stephan Kimmig inszeniert. Das dauert gut eine Stunde. Und Eindruck macht nur die Masken-Arbeit von Andreas Müller – denn der junge Felix Goeser als Hieron ist als vielfach aufgeblähtes und ausgestopftes Tyrannen-Monster praktisch nicht wieder zu erkennen.

So schmalbrüstig wie bei Salazar darf der Spielzeitauftakt am Deutschen Theater dann aber doch nicht aussehen, wie demonstrativ unspektakulär und unaufgeregt sich die weithin hoch geschätzte Berliner Bühne auch geben mag. Wie dünn Salazars Text bleiben würde, hat Stephan Kimmigs Regie-Team ja vielleicht wirklich erst mit der Zeit bemerkt – und darum Schillers "Demetrius"-Fragment hinzugefügt. Das ist natürlich blanke Spekulation und stimmt wahrscheinlich nicht, aber genauso sieht die Doppelpack-Inszenierung nun aus.

Dieser "Demetrius" hat ja nichts von Griechen und Römern (wie der Name vermuten lassen könnte); Schillers letzter Text handelt von einem russischen Usurpator der Macht, der "Dmitri" heißt und sich für den verschollenen Sohn des vorigen Zaren, des vierten Iwan hält, der angeblich zu Tode kam bei der Palast-Revolte des aktuellen Herrschers Boris Godunow. Ein polnischer Fürst, so scheint es, hat Dmitri gerettet – und baut ihn nun von Polen aus als Anti-Godunow auf. Fast geht die Intrige auch auf; Godunow verabschiedet sich per Schierlingsbecher vom Thron. Nun benötigt der neue Dmitri nurmehr die Anerkennung durch die biologische Mutter – aber die ist nicht zu haben. Da der falsche Zar zudem längst weiß, dass er ein Polit-Fake ist, bricht der Machtanspruch in sich zusammen.

Das wäre ein starkes Stück; und bräuchte gar keine obskure Macht-Vision von Salazar als Intro. Für diese Schiller-Beschwörung aber scheint Regisseur Kimmig (das ist jetzt wieder Spekulation!) nach der Arbeit am Salazar derart wenig Zeit gehabt zu haben, dass Aufstieg und Untergang des falschen Zaren wie eine zweistündige Stellprobe wirken: Kaum eine Szene wirkt zu Ende gearbeitet, auf ganz abstruse Weise haben sich alle Beteiligten, vom Kostüm bis zum Video, nicht entscheiden können, welches Maß an Abstraktion oder Zeitgenossenschaft sie denn nun bedienen wollen.

Das Ensemble um den nunmehr unaufgeplusterten Felix Goeser agiert obendrein uninspiriert wie kaum je eines am Deutschen Theater – hatte sich der Autor Salazar bei der Fantasie über "Hieron" und die "Vollkommene Welt" eindeutig viel zu viel vorgenommen und war daran gescheitert, so scheitert Kimmig mit Schiller, weil überhaupt nicht auszumachen ist, was sich die Inszenierung womöglich vorgenommen hatte; oder ob es ihr überhaupt um irgendetwas ging – außer um noch ein Stück, weil Salazar nicht abendfüllend war.

Was für ein unausgewogener, unausgegorener Abend; und was für ein Desaster zum Auftakt der Saison.

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