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StartseiteEuropa heuteEine App gegen gewalttätige Männer17.04.2020

Hilfe für Albaniens FrauenEine App gegen gewalttätige Männer

Vorschriften, Handykontrolle, Gewalt durch den Partner sind für viele Frauen in Albanien Alltag. Um Frauen in Bedrängnis zu unterstützen, haben drei Mädchen eine App namens "Entdecke deine Stimme" programmiert, die Strategien und Anlaufstellen aufzeigt.

Von Leila Knüppel

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Die App "Entdecke deine Stimme", die Hilfestellungen gegen häusliche Gewalt für Frauen in Albanien bündelt (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
Die App "Entdecke deine Stimme" soll Frauen Hilfen gegen häusliche Gewalt an die Hand geben (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
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"Hier haben wir das SOS-Menü. Polizei, Krankenwagen. Das ist eine spezielle Nummer für Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind."

Dea Rrozhani und Jonada Shukarasi beugen sich über das Smartphone – und erklären im perfekten Englisch die App, die sie entwickelt haben. GjejZâ – "Entdecke deine Stimme" – heißt sie und soll Frauen helfen, häuslicher Gewalt zu entkommen.

Programmiert von Teenagerinnen

"Wir sind alle sehr leidenschaftlich bei dem Thema Geschlechtergerechtigkeit. Und es war klar, dass wir etwas in diesem Bereich machen möchten."

Zwei junge Teenager, erst 16 Jahre alt. Die eine mit langen braunen Locken, die andere mit einer blauen Schleife im Haar.

Beide im orangenem Kapuzenpulli, auf dem in fetter schwarzer Schrift "Decoders" steht: So haben sie ihr Programmierteam genannt. Gemeinsam mit einer weiteren Freundin haben sie GjejZâ entwickelt; sind beim internationalen Wettbewerb "Technovation" angetreten.

"Hier haben wir ein paar Gesetze und Infografiken: Wie kann man eine einstweilige Verfügung erlangen, in drei einfachen Schritten, und was das bedeutet."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Mädchen unerwünscht - Geschlechterrollen in Albanien".

Was haben Teenager mit dem Thema häusliche Gewalt am Hut und was können sie mit ihrer App wirklich zu einer Lösung des Problems beitragen?

"Wir sehen frühe Anzeichen auch bei Gleichaltrigen"

Nach wenigen Minuten wischen beide jeden Zweifel mit ihrer Begeisterung, ihrer Intelligenz und ihrem Engagement weg.

"Wir sehen es jeden Tag, wir Mädchen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen als normal hingenommen wird. Und dazu gehört auch Gewalt gegen Frauen. Das haben wir jeden Tag gesehen, in den Nachrichten. Und wir sehen frühe Anzeichen von Missbrauch auch bei Gleichaltrigen: Sie denken, es sei normal in ihren Beziehungen, dass ihr Partner in ihre Privatsphäre eindringt. Sie denken, die Jungen können entscheiden, mit wem sich ihre Freundin trifft."

Sie selbst hätten noch keinen Freund, erzählen sie.

"Wir sind Feministinnen", sagt Jonada Shukarasi. "Sie sind von uns eingeschüchtert."

Dea Rrozhani und Jonada Shukarasi, beide 16, Entwicklerinnen der App "Entdecke deine Stimme" gegen häusliche Gewalt (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Dea und Jonada führen ihre App vor (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Dea ergänzt: "Das Programmieren ist da sicher auch nicht hilfreich. Ein Mädchen, das programmiert."

Jonada sagt: "Manche denken, sie machen einem ein Kompliment, sind aber eigentlich nur sexistisch, wenn sie sagen: Wow, du bist großartig darin, für ein Mädchen. Ja, das habe ich oft gehört, oft. Nicht nur beim Programmieren, auch in anderen Bereichen."

"Ich so: Was mit Technik?"

Zum Programmieren seien sie eher zufällig gekommen: Über die Tutorials und Programmiertreffen, die im Rahmen des "Technovation"-Wettbewerbs angeboten werden.

Dea Rrozhani sagt: "Meine Mutter hat diese Wettbewerbsausschreibung gesehen, bei Facebook – und gesagt: Du solltest daran teilnehmen. Und ich so: Was mit Technik? – Auf keinen Fall. Aber ich habe es dann ausprobiert. Und es war sehr interessant und ansprechend. In der Schule habe ich mehr und mehr davon erzählt.

"Ich war erst sehr skeptisch", erzählt Jonada Shukarasi. "Aber sie hat es geliebt, wirklich geliebt. Sie hat nur noch davon gesprochen. Und sie war sehr glücklich beim Programmieren. Und dann habe ich entschieden, ich versuche es auch. Und war positiv überrascht."

Dea wischt weiter durch die von ihnen entwickelte App.

"Und hier haben wir diese einfachen Achtsamkeitsübungen, die wir mit Hilfe eines Psychologen entwickelt haben. Alles hier haben wir mit Hilfe von Psychologen entwickelt. Es ist nicht irgendetwas, was wir im Internet gefunden, oder uns ausgedacht haben."

"Und die letzte Option... - das ist unser Amtsinhaber-Feature. Was passiert, wenn dein Partner deine Privatsphäre verletzt, wie es in Albanien normalerweise passiert, und auf deinem Handy sieht: Du hast Geza. Oh, du hast diese App."

Tarnung für die App, falls der Freund das Handy checkt

Damit der gewalttätige Freund die App nicht entdecken kann, haben die beiden sich eine Tarnung ausgedacht: Tippt man einen Code ein, verwandelt sich GjejZâ in eine simple Taschenrechner-App.

"Kannst du dir vorstellen, wie aufgeregt wir waren, als wir das alles im Silicon Valley erzählen durften, beim Finale?! Wir waren sehr, sehr aufgeregt…"

Beim "Technovation"-Wettbewerb sind sie mit ihrer App in die Endrunde gekommen und in die USA gereist. Dort haben sie GjejZâ präsentiert – und gewonnen.

"Als wir es gehört haben, war erst einmal einige Sekunden Stille und dann sind wir in Tränen ausgebrochen", erzählt Jonada.

Dea sagt: "Es war das erste Mal, dass ein Team aus Albanien sich qualifiziert und dann auch gleich gewonnen hat. Albanien wurde nie als ein Land gesehen, das in IT führend ist. Das hat man Ländern wie Indien oder China überlassen – anderen Ländern. Aber nicht Albanien. Und es war eine große Anerkennung für uns, unsere Arbeit, aber auch für die hart arbeitende Jugend hier in Albanien."

Einige hundert Downloads bislang

Am Ende des Gesprächs schenken mir die beiden noch GjejZâ-Sticker. Die hätten sie schon bei allen möglichen Treffen mit hochrangigen Politikern verteilt. Schließlich soll GjejZâ jetzt möglichst bekannt werden. Denn bislang wurde die App erst 700 Mal abgerufen.

"Das hat so viel Spaß gemacht, die Sticker überall aufzukleben, bei Politikern und Influencern", sagt Dea. "Der Präsident des EU-Parlaments hat auch einen getragen, als er Tirana besucht hat. Und der Premierminister. Der Bürgermeister von Tirana."

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