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StartseiteKalenderblattHilfe für Zuckerkranke11.01.2007

Hilfe für Zuckerkranke

1922 wurde erstmals ein Diabetiker mit Insulin behandelt

Weltweit leiden schätzungsweise 250 Millionen Menschen an Diabetes. Ihre Lebenserwartung wäre äußerst gering, gäbe es nicht ein wirksames Medikament: Insulin. Das den Blutzucker regulierende Hormon wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Kanada entdeckt.

Von Anne Preger

Eine Insulinpumpe versorgt einen Diabetes-Patienten mit Insulin. (AP Archiv)
Eine Insulinpumpe versorgt einen Diabetes-Patienten mit Insulin. (AP Archiv)

Als Leonard Thompson im Dezember 1921 in das Toronto General Hospital eingeliefert wurde, schien sein Schicksal besiegelt zu sein. Der Junge litt seit zwei Jahren an Diabetes, ein sicheres Todesurteil.

"Alter: 14 Jahre. Unterernährt, bleich, Haarausfall. Atem riecht nach Aceton. Gewicht: 30 Kilogramm. Spricht nur langsam, macht einen stumpfsinnigen Eindruck."

So beschrieb der Arzt Frederick Banting den sterbenskranken Jungen. Banting hatte ein halbes Jahr zuvor in Toronto das geschafft, woran vor ihm etliche Mediziner mit weitaus mehr Erfahrung gescheitert waren. Er hatte das Sekret der Bauchspeicheldrüse entdeckt, das den Blutzuckerspiegel reguliert: Insulin.

Zusammen mit dem jungen Physiologen Charles Best hatte Banting einen Sommer lang im Labor mit Hunden experimentiert und erstaunliche Erfolge erzielt. Mit Bauchspeicheldrüsen-Extrakten konnten Banting und Best zuckerkranke Hunde wochenlang am Leben erhalten. Jetzt, im Winter, wollten die Mediziner Insulin von Rindern am Menschen testen. Der erste Patient am 11. Januar 1922 war Leonard Thompson:

"Wir gingen ins Krankenhaus und blieben auf dem Flur, während ein Klinikarzt dem Patienten den Extrakt spritzte. Wir hatten den Zeitpunkt für Blutproben empfohlen, damit der Blutzucker bestimmt werden konnte, und Hinweise für die Urinproben gegeben. Wir standen dort herum, warteten auf die ersten Proben und konnten unsere unterdrückte Aufregung kaum im Zaum halten. Dies hier war der erste menschliche Diabetiker, der behandelt wurde."

Doch das Ergebnis war enttäuschend. Es fand sich zwar etwas weniger Zucker in Blut und Urin als zuvor, aber es ging dem Jungen nicht besser. Währenddessen arbeitete der Biochemiker James Collip an einem wirkungsvolleren und reineren Insulinextrakt. Collip war ein Gastwissenschaftler in Toronto, der von Bantings Vorgesetztem, Professor John Macleod, hinzugezogen worden war. Zwölf Tage später, am 23. Januar, erhielt der junge Patient Thompson erneut eine Spritze. Diesmal mit Collips Extrakt, und diesmal zeigte sich ein deutlicher Erfolg: Das Insulin bewirkte, dass Zucker aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen und dort verwertet wurde. Der Blutzuckerspiegel sank deshalb auf normale Werte, und der Junge hatte auch kaum noch Zucker im Urin. Die Behandlung wurde fortgesetzt.

"Dies führte zu einer unmittelbaren Verbesserung. Der Junge wurde aufgeweckter und aktiver. Er sah besser aus und sagte, dass er sich stärker fühlt."

So äußerten sich Banting und seine Kollegen in ihrer ersten Studie über Insulin als Medikament für den Menschen. Eine nüchterne Beschreibung dafür, wie drastisch sich der Gesundheitszustand des zuvor sterbenden Jungen gebessert hatte. Die Presse reagierte weitaus euphorischer.

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Selbst wenn Insulin keine Heilung, sondern nur eine Behandlung für Diabetiker war, auch die Fachwelt zeigte sich beeindruckt. Schon 1923 gab es selbst im entfernten Deutschland die erste Insulin-Studie, und die verantwortlichen Mediziner schrieben in der "Klinischen Wochenschrift":

"Nach allem, was bis jetzt über das Insulin bekannt ist und was wir selbst beobachtet haben, kann man seine Herstellung durch Banting in Toronto als eine epochemachende Leistung bezeichnen, die für die Therapie des Diabetes schon jetzt einen unschätzbaren Gewinn bedeutet."

Im gleichen Jahr erhielten Frederick Banting und John Macleod den Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckung. Banting teilte sein Preisgeld mit Charles Best, Macleod seines mit James Collip. Streng genommen wussten Banting und die anderen damals über Insulin kaum etwas, nur wo es herkam und dass es Diabeteskranken half. Erst Jahre später wurde die chemische Formel von Insulin aufgeklärt und erst Jahrzehnte später seine räumliche Struktur. Dafür brachte das Insulin einen weiteren Nobelpreis. Millionen von Diabetikern schenkt Insulin viele Lebensjahre. Für den ersten Patienten Leonard Thompson waren es allerdings nur 13. Er starb mit 27 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Literaturempfehlungen:

M. Bliss (1982): The discovery of insulin. University of Chicago Press. Chicago.
P. Dilg (2001): Zur Frühgeschichte der industriellen Insulin-Herstellung in Deutschland. Pharmazie unserer Zeit.

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