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StartseiteSprechstundeHilfe gegen den natürlichen Verschleiß22.07.2003

Hilfe gegen den natürlichen Verschleiß

Mit Training kann der Tastsinn im Alter verbessert werden

<strong>Selbst wenn immer mehr Menschen im Alter erstaunlich gesund sind kann bislang keine Pille den natürlichen Verschleiß aufhalten. Und deswegen lässt im Alter vieles nach: Die Beweglichkeit, das Sehvermögen, das Gehör und das Gedächtnis. Einige Wissenschaftler glauben, dass sich manche Fähigkeiten durch gezieltes Training auch im Alter noch verbessern lassen. Das ist in Bochum einem Forscher mit dem Tastsinn bereits gelungen.</strong>

Kristin Raabe

Wie von Zauberhand fliegen die Hände des Virtuosen über die Tastatur des Klaviers. Von soviel Fingerfertigkeit können viele Senioren nur träumen. Denn mit dem Alter fallen selbst einfache Handgriffe immer schwerer: Das Schmieren eines Butterbrotes oder das Zuknöpfen eines Hemdes. Und das liegt nicht immer an Gicht oder Arthritis. Oft hat auch bei ansonsten gesunden Senioren einfach nur der Tastsinn nachgelassen. Wie sich das Fehlen dieses Sinns anfühlt weiß jeder, der schon einmal mit einer betäubten Backe vom Zahnarzt kam:

Dann hat man eine dicke Backe und man kann kaum noch richtig sprechen. Und der Grund ist nicht, dass die Muskulatur beeinträchtig ist, sondern die Sensorik und damit die Rückmeldung. Das gleiche gilt für die Finger. Wenn man die Finger örtlich betäubt, dann ist man auch nicht in der Lage die Knöpfe zuzumachen, auch wenn die Muskulatur in Ordnung ist. Deswegen ist es erst mal eine logische Überlegung zu sagen, eine Verbesserung der Sensorik kann durchaus Rückwirkungen auf komplexe Feinmotorische Bewegungen haben.

Hubert Dinse ist Neurobiologe an der Universität Bochum. Sein Ziel ist es den Tastsinn zu verbessern, damit es alten Menschen leichter fällt einfache Handgriffe im Alltag selbst durchzuführen. Der Forscher ist fest davon überzeugt, dass auch unsere Sinne lernfähig sind – auch noch im hohen Alter.

Was wir da gemacht haben, war dass wir das Unterscheidungsvermögen des Fingers bei alten Leuten untersucht haben. Es war vorher schon bekannt, dass wie vieles andere auch, das Tastvermögen im Alter schlechter wird. Die Frage ist allerdings: ist das ein irreversibler Prozess oder kann man den durch Lernen, Training, Stimulation beeinflussen. Das ist eine sehr offene Frage, das wird viel diskutiert.

Um den Tastsinn zu trainieren, waren keine anstrengenden Übungen nötig. Die Senioren mussten das Trainingsgerät lediglich ein paar Stunden mit sich herumtragen:

Realisiert wird das so, dass wir eine kleine Lautsprechermembran von etwa einem Zentimeter Durchmesser den Versuchspersonen mit so einer Art Tesaband um den Finger kleben und diese Membran stimuliert jetzt zeitgleich die Hautpunkte, die darunter liegen. Und wenn man das jetzt für ein paar Stunden appliziert – das ist ein sehr milder Reiz, der etwa einmal pro Sekunde appliziert wird, dann verbessert sich die Fähigkeit zwei getrennte Punkte wahrzunehmen.

Ein umgebauter Walkmann brachte die Lautsprechermembran zum vibrieren. Diese kleinen Vibrationen sind letztlich nur Berührungsreize, die für die Versuchspersonen kaum spürbar waren. Trotzdem hat das harmlose Experiment beeindruckende Folgen:

Was wir zeigen konnten ist, dass selbst bei 90jährigen Versuchspersonen, wir in der Lage waren durch diese Coaktivierung, wiederum drei Stunden, das Tastvermögen zu verbessern. Konkret gesagt: wir konnten dadurch das Tastvermögen von 80jährigen auf den Stand von 50jährigen bringen.

Ob es den alten Menschen durch den verbesserten Tastsinn tatsächlich leichter fällt ein Hemd oder eine Bluse zuzuknöpfen, muss Hubert Dinse noch untersuchen.

Wir sind dabei jetzt zu sehen, inwieweit dieses Verfahren trägt, was man damit alles machen kann. Wobei jetzt ein Schwerpunkt wäre, die genannten Effekte mit oder ohne Medikamente dauerhafter zu machen. Das wäre ein ganz großer Problemkreis und der andere wäre zu sehen, inwieweit man das jetzt noch optimieren kann, indem man zum Beispiel jetzt die Stimulation nicht nur auf einem Finger macht sondern über die ganze Hand oder ausgewählte Finger. Ich bin ganz sicher, dass dahinter ein riesiges Potential steckt. Grundsätzlich kann man sagen, dass diese ganzen Ansätze eins gemeinsam haben, nämlich dass was wir heutzutage über Gehirnplastizität wissen in praktikable Trainings und Stimulationsansätze umzubauen, um wirklich gezielt auf die Gehirnorganisation und damit auf Verhalten und Wahrnehmung einzuwirken.

Die Berührungsreize am Zeigefinger bewirken nämlich Veränderungen im Gehirn. Natürlich in dem Hirnareal, das für den Zeigefinger zuständig ist. Es wird größer und aktiver. Diese Lernprozesse lassen sich durch eine geringe Dosis Amphetamine sogar noch verstärken. Allerdings würde Hubert Dinse niemandem empfehlen, zum lernen oder üben Amphetamine zu schlucken. Schließlich gelingt dem Menschen auch ohne diese chemische Unterstützung beindruckendes. Übrigens lässt sich auch der exzellente Tastsinn von professionellen Pianisten durch das Trainingsprogramm des Bochumer Neurobiologen verbessern.

Beitrag als Real-Audio

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