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StartseiteInterview"Hilfe ins Land zu bringen", ist extrem schwierig28.03.2013

"Hilfe ins Land zu bringen", ist extrem schwierig

Ärzte ohne Grenzen zur Situation in der Zentralafrikanischen Republik nach dem Putsch

Bei dem Putsch von Rebellengruppen in der Zentralafrikanischen Republik wurde am Sonntag auch ein Büro von Ärzte ohne Grenzen ausgeraubt. Die Lage habe sich zwar entspannt, der Flüchtlingsstrom erschwere es aber, Notfallteams ins Land zu bringen, so Christian Katzer von der Hilfsorganisation.

Christian Katzer im Gespräch mit Friedbert Meurer

Am Wochenende trafen französische Soldaten  zur Verstärkung in der Zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui ein.  (picture alliance / dpa / Elise Foucaud)
Am Wochenende trafen französische Soldaten zur Verstärkung in der Zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui ein. (picture alliance / dpa / Elise Foucaud)

Friedbert Meurer: Am letzten Wochenende hat eine Rebellengruppe den Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik gestürzt. Tausende Kämpfer nahmen die Hauptstadt Bangui ein. Noch ist unklar, ob und wie viele Zivilisten bei diesem Putsch ums Leben gekommen sind. Viele Menschen trauen sich jedenfalls aus Angst vor der Gewalt nicht mehr auf die Straße. Den Krankenhäusern fehlt es an Personal und Material.

Auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen warnen vor der schwierigen Situation in dem Krisenland. Am Sonntag wurde das Büro der Organisation ausgeraubt. – Christian Katzer ist bei Ärzte ohne Grenzen in Berlin verantwortlich für die Zentralafrikanische Republik. Guten Morgen nach Berlin, Herr Katzer.

Christian Katzer: Guten Morgen!

Meurer: Was genau ist da am Sonntag Ihren Mitarbeitern in Bangui passiert?

Katzer: Durch die Übernahme Banguis durch die Oppositionsgruppe Seleka wurde unsere Arbeit extrem eingeschränkt und letztendlich kam sie zum Erliegen. Unsere Teams wurden angegriffen, und alle unsere Fahrzeuge wurden gestohlen. Fast alle unsere Fahrzeuge wurden gestohlen und die Büros und Häuser geplündert und ausgeraubt.

Meurer: Sie haben mit den Mitarbeitern telefoniert. Wie ist denn der Angriff abgelaufen?

Katzer: Letztendlich gab es viele Kämpfe in der Stadt, und unsere Teams haben sich in den Häusern zurückgezogen, wo sie direkt überfallen wurden. Oder die Büros, die wurden direkt angegriffen.

Meurer: Irgendjemand verletzt worden von Ihren Leuten?

Katzer: Unseren Teams geht es zum Glück gut. Wir konnten dann im Laufe des Montags und Dienstag nicht benötigtes Personal in benachbarte Länder ausfliegen, und gleichzeitig hat sich die Lage seit Dienstag wieder etwas entspannt, sodass wir vereinzelt in der Lage waren, Krankenhäuser, aber auch unsere Büros und Lagerhäuser zu besuchen.

Meurer: Das war ein Büro von Ärzte ohne Grenzen in der Hauptstadt, in das die Männer eingedrungen sind. Oder waren das Räume in einem Krankenhaus?

Katzer: Sowohl unser Büro wurde direkt angegriffen, als auch durch erste Erkundungen in der Stadt haben wir gesehen, dass auch Krankenhäuser direkt geplündert wurden.

Meurer: Wer hat das getan?

Katzer: Das ist im Moment für uns nicht klar zu sagen. Wir sind vor allen Dingen darauf bedacht, jetzt unsere Arbeit wieder aufzunehmen, um halt medizinische Versorgung für die Bevölkerung in Bangui zu ermöglichen.

Meurer: Wie können Sie, Herr Katzer, wie kann Ärzte ohne Grenzen in dieser Situation im Moment in der Zentralafrikanischen Republik arbeiten?

Katzer: Wir appellieren an alle am Konflikt beteiligten Parteien, die Arbeit von medizinischem Personal zu respektieren, Krankenhäuser und Ambulanzen nicht anzugreifen. Wenn dies geschieht, sind wir in der Lage, wichtiges und vorhandenes Material in der Stadt zu verteilen. Wir sind im Moment dabei, ein chirurgisches Team nach Bangui zu verlegen, um die Kapazitäten der Krankenhäuser wieder zu verstärken und vor allem der Zivilbevölkerung einen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Meurer: Wie war denn vor dem Putsch die Situation gewesen?

Katzer: Letztendlich ist im ganzen Land die Gesundheitslage extrem schwierig. Ärzte ohne Grenzen arbeitet insgesamt in fünf Provinzen in sieben Krankenhäusern im Land. Eine unserer größten Herausforderungen im Moment ist auch, diese fünf Krankenhäuser außerhalb Banguis weiter zu versorgen. Viele unserer medizinischen Güter, die wir zum Nachschub benutzen, sind in Bangui gelagert, und im Moment sind wir nicht in der Lage, die Projekte mit neuen Medikamenten zu versorgen.

Meurer: Es gibt ja, Herr Katzer, französische Soldaten in der Stadt. Können die Ihnen helfen?

Katzer: Im Moment sehen wir, dass sowohl die afrikanische Friedenstruppe, als auch die französische Armee damit beschäftigt ist, den Flughafen zu sichern und noch in Bangui lebende Ausländer zu evakuieren.

Meurer: Wann kommt der Zeitpunkt, an dem Sie sagen, ihr müsst, die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen müssen raus aus dem Land?

Katzer: Wie ich schon gesagt habe: Wir haben bis jetzt Personal, das wir nicht unbedingt jetzt im Moment vor Ort brauchen, evakuiert. Aber gleichzeitig haben wir es geschafft, erste Krankenhäuser zu besuchen, und sind gerade im Moment dabei, dieses internationale Notfallteam einzufliegen. Das ist extrem schwierig, weil der Strom der Ausländer, die Bangui verlassen wollen, immer noch sehr groß ist und auch administrative Schwierigkeiten, wer ist am Flughafen jetzt für Visa zuständig, es extrem schwierig macht, gegen diesen Strom Hilfe ins Land zu bringen.

Meurer: Christian Katzer von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Berlin zur Situation in der Zentralafrikanischen Republik nach dem Putsch. Herr Katzer, danke Ihren Leuten und auf Wiederhören!

Katzer: Vielen Dank.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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