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StartseiteKommentare und Themen der Woche1.500 Flüchtlinge aufzunehmen, ist wenigstens ein Anfang15.09.2020

Hilfe nach Brand in Moria1.500 Flüchtlinge aufzunehmen, ist wenigstens ein Anfang

Wie bei COVID-19 sei auch nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria schnelle Hilfe geboten und möglich, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Die Aufnahme von 1.500 Menschen in Deutschland sei richtig. Auf längere Sicht müsse aber endlich auch der schon lange in der Schublade schlummernde EU-Migrationspakt her.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Demonstration für eine Aufnahme geflüchteter Menschen in Berlin (picture alliance / Photoshot)
Demonstration für eine Aufnahme geflüchteter Menschen in Berlin (picture alliance / Photoshot)
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Auch wenn niemand dies hören will und der Gedanke unerträglich ist: Die Brandstifter auf Moria haben etwas in Bewegung gebracht. Zwischen Brüssel, Berlin, Paris und Athen laufen seit einer Woche die Drähte heiß – endlich also bekommt das Leid der geflüchteten Menschen auf den griechischen Inseln die Aufmerksamkeit, die angemessen ist.

Selbst SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz stellt nun die rhetorische Frage, ob sich diese Entwicklung jemand hätte träumen lassen vor nur einer Woche. Aus den bis zu 150 Minderjährigen, die Deutschland zunächst aufnehmen wollte, werden nun über 1.500 Geflüchtete, die bei uns erst einmal zur Ruhe kommen dürfen.

Andreas Geisel (SPD), Senator für Inneres und Sport in Berlin (dpa) (dpa)Geisel (SPD): "Deutschland muss jetzt handeln"
Angesichts der humanitären Katastrophe auf Lesbos müsse man jetzt Hilfe leisten, sagte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) im Dlf. Seit 2015 habe man schließlich etwa 100.000 Menschen in Berlin aufgenommen und integriert.

Ein Bruchteil der 27.000 in Griechenland Gestrandeten

Das ist immer noch nur ein Bruchteil der 27.000 Menschen, die auf den griechischen Inseln gestrandet sind. Aber es ist wenigstens ein Anfang. Die Opposition mag die Aufstockung als "Alibi-Vorschlag" kritisieren, dabei hat sie seit Tagen gefordert, dass Union und SPD sich bewegen. Schwerer wiegt, dass die heutige Entscheidung, mehr Menschen nach Deutschland zu holen, den traumatisierten Insassen aus dem abgebrannten Lager Moria ausgerechnet wohl nicht hilft. Denn die 408 Familien, die die Bundesrepublik nun zusätzlich aufnehmen will, sind bereits allesamt als asylberechtigt anerkannt und dürften damit kaum aus Moria stammen.

Korrespondenten berichten zudem aus Athen über bereits schutzberechtigte Migranten, die auf der Straße leben, weil der griechische Staat sich nicht um sie kümmert. Überhaupt, die Griechen: Mit ihrer unerbittlichen Linie, niemanden aus Lesbos rauszulassen, machen sie sich angreifbar. Humanität besteht für die konservative Regierung von Ministerpräsident Mitsotakis offenbar allein aus Decken, Zelten und Geld aus Brüssel. Das Argument, man wolle keine Nachahmer motivieren, ist ein Totschlagargument, es greift zu kurz. Gerade einmal 600 Hilfesuchende sind nach Berechnungen des Migrationsforschers Gerald Knaus in den letzten sechs Monaten auf den griechischen Inseln angekommen.

Die AfD schürt dennoch weiter das Feuer: Von "hunderttausenden Flüchtlingen, die sich jetzt" angeblich "wieder auf den Weg machen würden", redete der Parlamentarische Geschäftsführer im Bundestag heute. Das ist Panikmache und laut Pro Asyl reine Spekulation. Die Hilfsorganisation verweist darauf, dass viele Geflüchtete in der Nähe ihrer Heimatländer bleiben müssen oder auch wollen, weil sie oft genug auf eine Rückkehr in ihre Heimat hoffen.

EU-Migrationspakt muss her

Blicken wir also auf die, die schon in Europa sind. Die Kanzlerin hat am Montag mit EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen den Weg vorgezeichnet: Vor Ort auf Lesbos muss schnell ein Aufnahmezentrum her, das den Menschen ein warmes Bett und ein schnelles Asylverfahren garantiert. Als Nächstes müssen die deutsche Ratspräsidentschaft und die EU-Kommission den lange in der Schublade schlummernden europäischen Migrationspakt beschließen, und eine Koalition der Willigen muss ihn dann auch umsetzen.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Politik schnell handeln kann. Jetzt geht es wieder um Menschenleben. Und wer von uns, der in Dreck und Verzweiflung lebt, hätte eigentlich nicht sein Zelt angezündet?

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