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StartseiteHintergrundHilfe wird zum Kampf um Ressourcen26.08.2004

Hilfe wird zum Kampf um Ressourcen

In Afghanistan wird über die humanitären Organisationen diskutiert

<em>Die Regierung denkt, dass man den Wiederaufbauprozess Afghanistans ohne die NGOs nicht voll weiterführen kann. Die NGOs spielen eine sehr entscheidende Rolle. Wir wollen die NGOs nicht vertreiben. Wir wollen, dass die NGOs transparent bleiben und auch alles offen legen. Wir können es uns nicht leisten, dass die NGOs Gelder bekommen und das dann vergeuden. Und deshalb sind wir dabei, ein neues Gesetz zu entwerfen. Das Gesetz ist fertig und wird bald verabschiedet, damit die NGOs ihre Aktivitäten, ihre Kosten, ihre Gelder und alles offen legen und alles transparent bleibt. Aber wir können auf die NGOs nicht verzichten. In den Jahren, in denen keine Regierung in Afghanistan war und das Land von der gesamten Welt völlig vergessen war, haben viele NGOs Großartiges geleistet - auch hier. Sonst wären die Menschen gestorben.</em>

Von Volker Arnold und Ali Sadrzadeh

Ist auf die Hilfe der NGOs angewiesen: Afghanische Familie in Kabul (AP)
Ist auf die Hilfe der NGOs angewiesen: Afghanische Familie in Kabul (AP)
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Dankbar sind die Afghanen schon für die Hilfe der humanitären Organisationen, der Nichtregierungsorganisationen, genannt NGOs. Das gilt auch für Amin Farhang, den Minister für Wiederaufbau in der Regierung von Präsident Hamid Karzai. Er hat lange als Flüchtling in Deutschland gelebt, deshalb spricht er die Sprache so gut. Aber das Verhältnis zu den NGOs hat sich doch merklich abgekühlt.

Dutzende Organisationen aus aller Herren Länder lassen sich im Schatten der ISAF dort nieder, wo die Sicherheitslage es zulässt. Sie fahren mit ihren für afghanische Verhältnisse fürstlich bezahlten Fahrern und Dolmetschern – 50 Dollar am Tag ist Standard – in ihren imposanten Mitsubishi-Geländewagen durch die Straßen, bestimmen mitunter sogar zu einem guten Teil das Straßenbild. Zumeist haben sie sich in den großen Häusern der Stadt eingemietet - mit lauschigem Innenhof und genug Platz, um die Wagen zu parken. Hausangestellte, Wachleute, Gärtner und Koch gehören meist zur Grundausstattung.

Aber was die Bevölkerung dann an Arbeitsergebnissen der Organisationen geboten bekommt, rechtfertigt den Aufwand in den Augen vieler Afghanen nicht. Walter Pausch organisiert seit gut einem Jahr für den Deutschen Entwicklungsdienst die Wiedereingliederung von zurückgekehrten Handwerkern in das Arbeitsleben in Kabul, Kundus und anderswo. Er kann es verstehen, wenn die Afghanen zunehmend genervt auf den NGO-Auftrieb in den Städten des Landes reagieren.

Man muss sich nur mal die Büroausstattungen, die Fuhrparks anschauen bei den verschiedenen Organisationen. Das ist ein Wahnsinn, was da an Geld abfließt, das eben nicht im Land bleibt. Und auch die Art und Weise, wie es ausgegeben wird, sollte man noch mal überdenken.

Die kritische Haltung der Afghanen hat inzwischen sogar einen Namen. "White Car Syndrom" - wegen der allgegenwärtigen weißen Mitsubishi-Landcruiser. Der deutsche Diplomat Axel Weishaupt von der Außenstelle der deutschen Botschaft in Herat kennt das White Car Syndrom auch. Er meint aber, dass die Organisationen damit leben müssen.

Wenn sie von hier nach Badghis fahren, dann fahren die durch. Und wer in den Dörfern am Rande lebt, der fragt sich vielleicht: "Was wollen die hier?" Na ja, die halten nicht in jedem Dorf an. Die fahren eben – manchmal elf Stunden, je nach Witterung, und kämpfen sich da durch bis da oben. Auch mit den Sicherheitsrisiken, die dabei sind. In Badghis wird man das schätzen, was sie tun, normalerweise, während man an der Strecke sich die Frage stellt: Was machen die eigentlich hier? Aber prinzipiell zu sagen: White Car Syndrom – in dieser Form finde ich es nicht berechtigt. Wenn die Leute mit Autos fahren würden, die uralt sind und alle zehn Kilometer stehen bleiben, hilft das niemandem.

Zumeist trifft die Kritik nicht zu. In Herat gibt es wie anderswo genug Beispiele von Aufbauhilfe, wie sie sein sollte. Nehmen wir Wasjuddhin Tukhi, ein 37jähriger Bauingenieur, der für eine deutsche Firma in Zusammenarbeit mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau die Trinkwasserversorgung im westafghanischen Herat wieder in Schuss bringt.

Wasjuddin Tukhi fühlt sich sichtbar wohl in seiner Rolle als Macher. Er hat die Aufgabe, sauberes Wasser für etwa 600.000 Menschen bereitzustellen. Das heißt, er muss alte Tiefbrunnen auf Vordermann bringen, neue bohren, Leitungen verlegen, die Verteilung organisieren – das ist etwas, was er kann.

Als ich angefangen habe hier in der Stadt Herat, in der Zeit waren nicht mal zwei Stunden Trinkwasser, sauberes Wasser in der Leitung. Und jetzt haben manche Ortschaften bis 24 Sunden Wasser.

Leute wie Wasjuddin Tukhi hat der Herrscher über Herat, Ismael Khan, bestimmt nicht im Blick, wenn er seinen Eindruck über die Arbeit der NGOs wiedergibt.

Die Arbeit der NGO’S ist sehr schwach. Sie verzetteln sich in Kleinarbeiten, die keine grundsätzliche Bedeutung haben. Es gibt zwei Probleme: Welche Notwendigkeit es für welche Arbeit gibt, das können die hiesigen Behörden und die Bevölkerung besser beurteilen und auch, wie sie zu machen ist. Außerdem sind die Kosten, die diese NGO’S verursachen, sehr hoch. Die Menschen hier könnten es viel billiger machen. Ich bin der Meinung, dass man diese Hilfe direkt der Regierung zukommen lassen sollte und die Projekte mit den regionalen Autoritäten abgesprochen werden sollten. So gehen die NGO’S in irgendein Dorf und beginnen mit einer Arbeit, obwohl wir wissen, dass dies dort nicht so notwendig ist, dass es vielmehr andere Gebiete gibt, die es nötiger haben. Sie kennen eben nicht die Prioritäten.

Das ist teilweise sicher richtig. Eine NGO kann sicher sein – oder vielmehr konnte sie sicher sein –, von den Vereinten Nationen für ein Projekt Geld zu bekommen, wenn sie in ihrem Konzept ein Zauberwort platzierte. Und dieses Wort heißt "Gender streaming", also die Strategie zur Umsetzung der Chancengleichheit von Frauen und Männern. Frauenprojekte schossen wie Pilze aus dem Boden, darunter auch zahlreiche Nähkurse für afghanische Frauen, bei denen die Schneiderei eine lange Tradition hat.

Aber selbst wenn sie nach diesen Nähkursen eine nagelneue Nähmaschine erhielten, hätten sie damit kaum eine Perspektive. Denn Afghanistan wird im Moment wie etliche andere Drittweltländer von einer Flut von Altkleidern aus den Industrienationen überschwemmt, die für wenig Geld zu haben sind.

Mittlerweile aber reicht das Wort Gender Streaming nicht mehr aus, um an die begehrten Gelder zu kommen. Dass sich die NGOs in Kleinarbeiten verzetteln würden, wie Ismael Khan meint, kann Walter Pausch jedoch nicht bestätigen.

Die Sache ist die, dass wenn man die Gelder klein klein verteilt, dass auch Leute außerhalb dieser Society, die sich auskennt, wie man Gelder beantragt bei verschiedenen Vereinen, dass die auch Nutznießer sind.

In Ländern wie Afghanistan, wo viele Menschen als Flüchtlinge in ihren Gastländern, z.B. im Iran oder in Pakistan, eine recht gute Ausbildung genossen haben und jetzt verzweifelt eine Möglichkeit suchen, ihre Kenntnisse anzuwenden, ist der von den Vereinten Nationen finanzierte Wiederaufbau natürlich ein interessanter Markt. Schließlich werden in den nächsten drei Jahren 8,2 Milliarden Dollar zu diesem Zweck ins Land fließen.

Pausch: Es werden NGOs gegründet, um an diese Gelder zu kommen, gerade einheimische NGOs. Das darf man nie vergessen, dass da auch Gelder abfließen. Aber trotzdem ist es immer Kosten-Nutzen-Rechnung. Brauche ich einen Experten dafür, einen ausländischen Experten, der wahnsinniges Geld verschlingt, was abfließt, aus dem Land heraus, oder unterstütze ich NGO, die eben fast die gleiche Arbeit liefern kann, aber das Geld bleibt im Land.

Eine einheimische NGO hat auf jeden Fall den Vorteil, dass ihr die Leute ein realistischeres Kalkulieren zutrauen würden. Auch auf dem Land kennen die Menschen die Preise recht gut und schütteln über die Praktiken der NGOs nur die Köpfe. Wie der Polizeichef des Dorfes Karukh in der Provinz Herat. Meinungen wie seine sind – bei aller Sympathie für den guten Willen der Helfer – in Afghanistan die Regel und nicht die Ausnahme.

Ich muss sagen, die Ausländer tun hier merkwürdige Sachen. In diesem Dorf Karukh bauen sie eine Schule, die normalerweise drei oder 4.000 Dollar kosten würde. Ich weiß nicht, warum sie dafür 20.000 Dollar ausgeben. Manchmal geben sie für so eine Schule sogar 100.000 aus.

Warum? Weil sie teure Autos mieten. Ein Auto, das man für 3.000 oder 4.000 Dollar kaufen kann, das mieten sie für monatlich 1.000 bis 1.500 Dollar. Mit zwei oder drei Monatsmieten könnte man das Auto also kaufen. Das ist eine ungeheure Verschwendung. So gehen sie mit anderen Sachen auch um, bis sie eine Schule gebaut haben.

Die Ausländer, die uns helfen wollen, sollten hier lieber Firmen eröffnen, damit die Leute beschäftigt werden, um auch das Notwendige einführen zu können. Wenn sie vernünftiger vorgingen, könnte man dreimal so viel bauen. Die NGOS können z. B. Autos kaufen statt sie zu mieten. Manchmal mieten sie sogar zehn Autos und zahlen dafür 15.000 Dollar im Monat. Und das nennt sich Wiederaufbau Afghanistans. Wenn dieses Geld die Menschen wirklich erreichte, wäre die Lage nicht so wie jetzt.


Die afghanische Regierung sieht dieses Problem auch und versucht, die Verwendung der Hilfsgelder weittestmöglich zu kontrollieren. Dem sind aber enge Grenzen gesetzt, wie der Minister für Wiederaufbau, Amin Farhang, beklagt.

Die NGOs, die von den afghanischen Ministerien und Behörden die Aufträge bekommen, die können wir kontrollieren, weil der Geldgeber die afghanische Regierung ist. Es gibt irgendwo ein Projekt – Brückenbau – das zuständige Ministerium schließt einen Vertrag mit einer NGO, und dann kann es auch diesen Vertrag überwachen.

Schwierig wird die Sache, wenn die NGOs die Gelder direkt von den Geberländern bekommen und die afghanische Regierung überhaupt nicht weiß, wie viel die gekriegt haben. Da können wir das nicht kontrollieren. Ich habe mit einigen Verantwortlichen in den Geberländern darüber gesprochen, dass die uns mal sagen sollen, wieviel Geld welche NGO bekommen hat.

Aber in verschiedenen Ländern gibt es verschiedene Ordnungen und verschiedene Gesetze. Manche Länder wollen überhaupt nicht preisgeben, wieviel Geld die NGOs bekommen haben. Deshalb können wir das auch nicht kontrollieren.


Dass genau das aber bisher nicht geschieht, hat wiederum Gründe, die in der Mentalität afghanischer Behörden zu suchen sind – und das ist Amin Farhang durchaus bewusst.

Also ich muss Ihnen sagen, dass unsere Bürokratie eine sehr korrupte Bürokratie ist. Das gebe ich öffentlich zu. Ich habe neulich von einer Dame aus Griechenland erfahren, dass man bei der Registrierung der NGO von ihr 2.000 Dollar verlangt hat. Ich bin der Sache nachgegangen und habe das erledigt. Aber solche Fälle gibt es sehr viel. Das gebe ich zu. Unsere Kapazitäten sind noch nicht so groß, dass wir alles kontrollieren können.

Pompös auftretende NGOs und korrupte Behörden sind die eine Seite, die andere Seite ist aber teilweise auch überhöhtes Anspruchsdenken mancher Afghanen. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt in der Nähe von Kundus. Wir fahren mit dem Ingenieur Aref in ein Trockengebiet am Rand der Oase, da, wo die Viehhirten leben, die immer außerhalb der Oasen hausen.

Außer Adlern und Heuschrecken gibt es hier nicht viel. Aref hat in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Magdeburg in der damaligen DDR Ingenieurwesen studiert. 1991 ging er zurück, arbeitete im Bauamt von Jalalabad und verschwand nach der Machtübernahme der Taliban für eine Weile im Gefängnis - wie er sagt, einfach, weil er ein Akademiker war, dem die Taliban pauschal mangelnde Leidenschaft für den Islam unterstellten.

Aref führt uns an ein trübes Wasserloch, das von einer rissigen Lehmmauer umgeben ist, mit vielen Insektenleichen auf der Wasseroberfläche. Diese Brühe müssen die Tiere trinken und auch die Menschen, die kein Geld für einen Tank haben. Und das sind viele unter den 700 Bewohnern des Gebietes. Aref und seine NGO mauern gerade eine Zisterne, der äußere Bereich für die Ziegen und Schafe, der innere Ring für die Menschen.

Außerdem lässt er noch nach zusätzlichem Wasser bohren. Nun ist er 60 Meter tief und hat noch nichts gefunden. 60 Meter sind die kritische Marke. Will er weiter bohren, braucht er anderes Bohrgestänge, was hohe Kosten verursacht. Er bricht wahrscheinlich die Bohrung ab.

Da kommt etwa ein Dutzend Männer auf uns zu. Sie sind Delegationen zweier Dörfer in der Nähe, die bereits jetzt darüber in Streit geraten sind, wer den noch gar nicht gebauten Brunnen besitzen soll.

Beide Parteien leben seit hundert Jahren und beanspruchen deswegen ein alleiniges Recht auf das Wasser zu haben. In diesen hundert Jahren haben beide Parteien aber offenbar recht wenig unternommen, um das Gebiet zu erschließen. Aref soll nun den Richter spielen. Sein Spruch lautet:

Ich hab zu den Leuten gesagt, das ist nicht privat, das machen wir für alle. Wenn er sagt, der Boden gehört mir, das ist Quatsch. Das gehört allen Leuten, die hier wohnen, die können alle dieses Wasser benutzen.

So richtig glücklich scheinen beide Dorfdelegationen über diesen Bescheid aber nicht zu sein. Vielleicht würde die Grundlage für einen langdauernden Streit gelegt, wenn der Brunnen doch einmal gebaut werden sollte. Wasser ist kostbar, und wer einen Brunnen in der Einöde hat, hat für sich und den ganzen Clan erheblich an Macht gewonnen. Dieses Denken ist uralt, und die NGOs werden das in den paar Jahren ihrer Anwesenheit nicht ändern können.

Den Afghanen ist wohl bewusst: Viele von ihnen haben in den 90er Jahren im Bürgerkrieg kräftig zur Zerstörung ihres Landes beigetragen. Jetzt, beim Wiederaufbau des Landes würden viele von ihnen deshalb gern auch eine größere Rolle spielen.

Einer von ihnen ist Ata Mohammad, einer der sogenannten Warlords, ein lokaler Machthaber mit Sitz in Mazar-i-Sharif im Norden des Landes. Ata Mohammad kämpfte an der Seite des legendären Ahmad Shah Massud zunächst gegen die Sowjets, dann gegen verschiedene afghanische Gegner und zuletzt gegen die Taliban.

Ata Mohammad sagt zu der Arbeit der NGOs wieder das, was wir schon von vielen Afghanen gehört haben. Die NGOs schaden mehr, als sie nutzen, sie verschwenden Geld, helfen nie da, wo sie wirklich gebraucht werden, heizen mit ihren hohen Löhnen und ihrer Verschwendungssucht die Inflation an. Zudem kommt nach Meinung Ata Mohammads noch ein gewisser Autismus hinzu, eine Beratungsresistenz der Helferorganisationen.

In unserer Nachbarschaft im Gebiet Scholgarah gab es z.B. eine Brücke, die seit Jahrzehnten massiv dastand, bis sie im letzten Krieg der Amerikaner gegen die Taliban durch ein US-Bombardement zerstört wurde. Die Stelle, an der damals die Brücke stand, war eine stabile und geeignete Stelle. Nach dem Sieg über die Taliban fingen die NGOS an, die Brücke an einer ungeeigneten und instabilen Stelle zu bauen - ohne das Planungsamt dieser Region, die einheimischen Ingenieure und Experten zu befragen.

Nach ein paar Tagen stürzte diese Brücke in sich zusammen und riss ein Auto mit zwölf Insassen in den Tod. Das ist ein Beispiel für die Arbeit der NGOs. Wir kennen NGOs, die oberflächlich manche Schulen verputzen, ein bisschen Farbe an die Wände pinseln und das ganze dann als Sanierung von Schulen verkaufen. Solche Arbeiten lösen nicht die Probleme unserer Bevölkerung, und solche Beispiele kann Ihnen jeder in diesem Land bringen.

Jede Organisation, jede Institution hat für sich hier ein Büro eröffnet. Ein anderes Beispiel: Eine NGO in dieser Region hat 170 bis 180.000 Dollar ausgegeben, um Schulen zu bauen. Mit diesem Geld lassen sich im heutigen Afghanistan 17 Schulen bauen, aber das meiste Geld gaben sie für ihre Organisation und für Organisatorisches aus. Ob sie irgendeine Schule gebaut haben, weiß ich nicht.


Der Minister für Wiederaufbau, Amin Farhang, wiederum hält diese Art von Kritik für taktische Manöver von Männern, die vor allem versuchen, sich im komplizierten Machtgefüge Afghanistans zu behaupten.

Die Warlords sehen in den NGOs ihre eigenen Interessen. Wer mit ihnen zusammenarbeitet und sie stärkt, die sind willkommen. Die anderen nicht. Deshalb versuchen die Warlords, die vielen NGOs für ihre eigenen Interessen auszunutzen. Und da bin ich mit den meisten Warlords in diesem Bezug nicht einverstanden.

Hinzu kommt der Kampf um Köpfe. Eine starke Zentralregierung braucht nicht nur Autorität im ganzen Land, braucht nicht nur weitreichende Kompetenzen, vielleicht sogar die Finanzhoheit über die Hilfsgelder, sie braucht auch die Köpfe, um all die Pläne für ein neues Afghanistan umsetzen zu können. Da steht sie in direkter Konkurrenz zu den wohlhabenden NGOs damit zur Zeit noch oft auf verlorenem Posten.

Amin Farhang: Das Problem ist aber, wenn die NGOs unsere Fachkräfte wegnehmen. Weil die NGOs höhere Gehälter zahlen und unsere Fachkräfte es bevorzugen, zu den NGOs zu gehen. Dann werden unsere Behörden, unsere Ministerien noch schwächer.

Das ist ein sehr schwieriger Kampf, aber irgendwie müssen wir das stoppen. Wir sind jetzt dabei, für unsere Beamten höhere Gehälter zu zahlen, und da sind wir sicher, dass sie nicht mehr zu den NGOs gehen, und wir werden weiter so gehen, dass diejenigen, die bei den NGOs arbeiten, ermutigt werden, zurückzukommen.


Walter Pausch, der die zurückkehrenden Flüchtlinge ins Arbeitsleben integriert, weiß aus Erfahrung: Aufbauhilfe, bei der das Scheckbuch im Vordergrund steht, ist vielleicht kurzfristig erfolgreich, langfristig aber zum Scheitern verurteilt.

Afghanistan bittet uns, hier zu helfen, das Land wiederaufzubauen, wieder Strukturen zu schaffen, damit das Land auf eigenen Beinen stehen kann. Und dieser Verantwortung werden wir nicht gerecht, dadurch dass das Geld zu schnell läuft. Man nimmt sich nicht die Zeit zu sehen, wie ist der Markt beschaffen, wie sind die Strukturen – ich kann immer nur vom Handwerk reden.

Die Handwerksbetriebe haben meistens familiäre Strukturen. Es sind immer Familienangehörige, die in den Betrieben arbeiten. Und jetzt versuchen wir, fremde Leute in diesen Betrieben zu integrieren. Und man nimmt sich eben nicht die Zeit, die Leute durch Überzeugung dazu zu bringen, wie wertvoll es ist, auch fremdes Wissen, dass ja diese Flüchtlinge aus dem Ausland mitbringen, in ihren Produktionsprozess mit einzugliedern. Sondern wir zahlen Kopfgelder.

Wir machen es also über die finanzielle Schiene, und die – denk ich – die wird nicht nachhaltig sein. Das ganze ist aufgeblasen und wird irgendwann mit einem großen Knall enden.

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