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StartseiteHintergrundHilflos gegen die Gewalt04.04.2006

Hilflos gegen die Gewalt

Das Aggressionspotenzial an Schulen wächst

Der spektakuläre Hilferuf der Lehrer an der Rütli-Hauptschule in Berlin treibt Politiker bundesweit zu Stellungnahmen. Eilig werden Vorschläge gemacht, wie der zunehmenden Gewalt an Schulen begegnet werden kann. Dabei ist das Problem keineswegs auf Berlin-Neukölln beschränkt, Und es ist nicht neu.

Von Jens Rosbach und Volker Wagener

Schüler auf einem Schulhof. (AP)
Schüler auf einem Schulhof. (AP)
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"Wir sind hier aus Neukölln, wir ficken jeden, im Gegensatz zu Dir, keiner legt sich an mit uns!"

Berlin-Neukölln, vor der Rütli-Schule, nach der sechsten Stunde: Dutzende Türkisch- und arabischstämmige Teenager mit Basecaps, schwarzen Kapuzen, gegelten Haaren, Turnschuhen und Schlabberhosen. Sie schubsen sich gegenseitig, verteilen Fußtritte - und schimpfen über die Lokalzeitung, die die Hauptschule in die Schlagzeilen gebracht hat.

"Ja die Zeitung hat Scheiße erzählt über unsere Schule. Ist doch immer so."

"Ist alles Lüge, die Rütli-Schüler sind alle sehr nett und bauen keine Scheiße."

"Wenn die Lehrer in unsere Klasse kommen, sind sie fröhlich und arbeiten mit uns, sehr nett hier, alles korrekt."

Die Schüler stürzen sich auf die Journalisten, die seit einer Woche täglich bei ihnen auftauchen. Sie reißen Mikrofone weg und traktieren die Reporter mit Kopfnüssen. Gelegentlich werfen die Jugendlichen auch Steine, wenn sie damit einen Kameramann auf sich aufmerksam machen können. Erst wenn die Anführer außer Sichtweite sind, trauen sich auch die stilleren Schüler, etwas zu sagen - etwa über die Lehrer, die hilflos die Hände heben.

"Okay, manche Lehrer kommen mit den Händen, manche, weil die Angst vor uns haben, weil manche schmeißen mit den Stiften. Und manche haben Angst davon."

"Ja, manche haben auch Angst, dass sie nicht abgezockt werden, weil diese Schüler, die werfen Stühle durch Gegend und so."

"Die schlagen sich dann, wer halt der stärkere ist, der ist dann der beste Junge. Um ehrlich zu sein, das interessiert mich gar nicht, was die Schüler hier machen. Weil ich gehe ja selber nicht mehr so oft in die Schule. Hat kein Sinn mehr."

Nachdem der Fall der Berliner Hauptschule bekannt geworden ist, reagiert die Politik prompt. Auf dem Landesparteitag der Berliner CDU schimpft Friedbert Pflüger, der Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhaus-Wahl im September, über die Vorgänge an der Rütli-Schule:

"Die bundesweiten Schlagzeilen heute lauten: Polizeischutz für Berliner Schule! Gewalt eskaliert! Berliner Schule unter Polizeischutz! Eine Zeitung nach der anderen im ganzen Bundesgebiet macht damit auf. Ich finde, das ist eine ganz schreckliche Sache für Berlin, denn das prägt das Image nicht nur von Neukölln, sondern von ganz Berlin. Ich glaube, dass dieser Skandal der Höhepunkt verfehlter rot-roter Integrations- und Schulpolitik ist."

Doch das Problem beschränkt sich nicht nur auf Berliner Schulen. Und so meldeten sich aus dem gesamten Bundesgebiet Unionspolitiker zu Wort: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kündigt an, dass im Freistaat künftig keine Kinder mehr eingeschult werden, die nicht ausreichend Deutsch sprechen. Integrationsunwilligen Migranten-Familien droht der CSU-Politiker mit der Kürzung sozialer Leistungen - sowie mit Abschiebung. Und der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) will eine Art Kurzzeit- beziehungsweise "Schnupperknast" für kriminelle Schüler. Moderater gibt sich die Unionsfraktion im Bundestag: Sie schlägt einen Integrationsgipfel bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Merkel selbst hatte sich auf dem Berliner CDU-Parteitag nachdenklich gezeigt:

"Vielleicht kann man ja auch ganz ehrlich sagen: Nicht immer hat bei der Einwohnerstruktur, wie Berlin sie hat, auch die CDU immer den Schwerpunkt auf Integration so gelegt, wie es notwendig gewesen wäre. Aber meine Damen und Herren, liebe Freunde: Immerhin kann die CDU für sich in Anspruch nehmen, dass sie diese Diskussion immer wieder begonnen hat."

Die Sozialdemokraten sind zurückhaltender. Der innenpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Dieter Wiefelspütz, warnt vor einer "hysterischen Debatte" und billigen Schuldzuweisungen. Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD, Jörg Tauss, mahnt die Union zu mehr Sachlichkeit. Tauss plädiert für eine bessere Bezahlung der Hauptschullehrer, für mehr Freizeitangebote an den Schulen und für mehr Präventionsexperten vor Ort.

"Und da kann man viel von Finnland lernen. Da haben die Lehrer eine Produkthaftung für die Kinder. Das sieht eben so aus, dass ein finnischer Lehrer ein Kind nicht abschieben, nicht in die Sonderschule, er kann es auch nicht sitzen lassen, sondern er ist verpflichtet, das Kind so zu fördern, dass es seinen Abschluss erreicht, dass es seine Chancen im leben bekommt. Aber damit wird die Lehrerin oder der Lehrer nicht allein gelassen, sondern man gibt ihnen jede Unterstützung, die sie brauchen, durch Schulpsychologen, durch Sozialarbeiter – und genau das ist das, was hier in Deutschland massiv fehlt. Und dafür haben die Länder eindeutig die Verantwortung."

Reformvorschläge kommen auch von den Grünen. Priska Hinz, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, fordert eine bessere Lehreraus- und fortbildung. Die Universitäten würden die Nachwuchspädagogen nur ungenügend auf den Umgang mit schwierigen Schülern vorbereiten, so die Abgeordnete.

"Bei der Lehrerfort- und ausbildung muss man vor allem daran ansetzen, dass Lehrer und Lehrerinnen lernen, pädagogische und psychologische Probleme ernst zu nehmen, die an den Schulen vorhanden sind, dass sie sich nicht so sehr begreifen als Fachleute für das Fach, sondern als Vermittler von Wissen, und dass sie vor allen Dingen immer wieder darauf ausgebildet werden, dass jedes Kind Stärken und Schwächen hat. Und daran krankt unser Schulsystem."

Mehr Freizeitangebote, mehr Präventionsexperten und eine verbesserte Lehrerausbildung: Projekte, für die die Länder zuständig sind - und nicht der Bund. SPD-Bildungspolitiker Tauss wünscht sich mehr Kompetenzen für den Bund. Er klagt, dass die Bundesregierung auch keine Sonderprogramme mehr auflegen könne, da die Länder inzwischen jegliche Bundeshilfe ablehnten.

"Im Moment haben wir eine Situation im Zusammenhang mit der Föderalismusdebatte, dass die Länder auch die Kooperation mit dem Bund im bildungspolitischen Bereich nicht mehr haben wollen. Ich halte das für grotesk und absurd. Dieses würde bedeuten, dass der Bund – und das ist eine Forderung der Länder – von Berlin bis Bayern und Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein und wo auch immer, dass der Bund nicht mehr mitfinanzieren darf, selbst dann nicht, wenn man sich mit den Ländern darauf einigt. Und das halte ich für eine völlig fehlgeleitete Diskussion. Und wenn diese Rütli-Diskussion dazu führt, an dieser Stelle eine völlig fehlgeleitete Bildungsdebatte im Föderalismusbereich wieder auf eine gerade Ebene zu bringen, wäre da natürlich auch viel gewonnen."

Auch die Berliner Schulstruktur-Debatte findet Resonanz auf Bundesebene. Die Grünen treten – ähnlich wie die Gewerkschaft - für die Auflösung der Hauptschulen ein, weil diese de facto nur "Restschulen" seien für "Problemfälle". In den Reihen der SPD findet dieser Vorschlag ein geteiltes Echo. CDU- und FDP-Politiker versprechen sich dagegen zumeist nichts von einer Verschmelzung von Haupt- und Realschulen. So setzt etwa Wolfgang Gerhardt, der Fraktionschef der Liberalen im Bundestag, eher auf eine Modernisierung der Hauptschule.

"Es wäre besser, wenn man sich an eine pädagogische Renovierung der Hauptschule begeben, dass der Abschluss der Hauptschule attraktiver wird. Dass er eine bestimmte Qualität hat, die auch in den Arbeitsmarkt hinein ein Mindestsignal an einen späteren Arbeitgeber ausstrahlt. Die Hauptschule zu beseitigen, würde da eigentlich nur eine Tabuisierung des Problems bedeuten, wäre eine reine Verteilungsmaßnahme für vorhandene Problemfelder."

Eines dieser Problemfelder ist die deutsche Sprache. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, spricht nur ein Drittel der türkischstämmigen Jugendlichen auch außerhalb der Schule vorwiegend Deutsch, lehrt uns die PISA-Studie. Scheitert die Integration der Zuwanderer daran, dass sie die deutsche Sprache nicht beherrschen? Rolf-Jürgen Bräer, Rektor der Adolf-Reichwein-Hauptschule in Düsseldorf-Oberbilk, meint: Ja.

"Sprache ist das A und O. Ich glaube, da hat man in Deutschland jahrelang einer Illusion nachgehangen: Wenn die hier leben, werden die auch Deutsch lernen. Das ist nicht der Fall. Wir sagen den Eltern immer, nur Deutsch sprechen in der Schule, das ist zu wenig. Wenn sie aber nachmittags – das können Sie ja hier in der Kölner Straße sehen, der türkische Sender dudelt, da hängt an jedem Fenster die Satellitenschüssel."

Rektor Bräer leitet seit zwölf Jahren eine Schule mit 380 Fünft- bis Zehntklässlern. Er spricht selbst von einer "Restschule". 70 Prozent seiner 10- bis 16-Jährigen haben einen Migrationshintergrund. Doch mit den Verhältnissen an der Berliner Rütli-Schule will er seine Schule nicht vergleichen.

"Also in der Dimension ist uns das fremd. Und da kann ich auch für alle Düsseldorfer Hauptschulen sprechen."

Mehr als ein oder zwei Schulverweise pro Jahr muss Rektor Bräer nicht aussprechen, sagt er. Das Thema Gewalt sei vorhanden, aber nicht so, dass es den Schulalltag gefährde. Was er aus Berlin-Neukölln zu hören bekommt, wundert ihn nicht.

"Wenn ich also alle - ich will jetzt nicht das Wort Problemgruppen nehmen – da gibt es Deutsche und Ausländer – wenn ich alles in einem Stadtteil konzentriere, dann hab ich die Schulen auch mit der entsprechenden Population. Also ich muss auch da entzerren, schon bei der Ansiedlungspolitik."

Deshalb plädiert er für eine bessere soziale Mischung an den Schulen. Die Migrationskinder der Adolf-Reichwein-Schule sind türkischer Abstammung, aber nicht nur. Die Jugendlichen haben vor allem einen arabischen Hintergrund. Ein Umstand, der Blockbildung erschwert. Die besten Erfahrungen hat Rolf-Jürgen Bräer mit den Kindern gemacht, die schon seit der 5. Klasse zur Schule gehören.

"Wir haben kaum Probleme mit Schülerinnen und Schülern, die von Klasse 5 an bei uns sind, weil wir in Klasse 5 auch mit Präventionsarbeit anfangen. Wir haben hier an der Schule zwei Sozialpädagogen, unsere Schulpsychologin macht zweimal im Monat eine Sprechstunde, ist auch eine Frage für unsere Eltern die Hemmschwelle."

Noch vor drei Jahren hatte Rolf-Jürgen Bräer in Interviews gesagt, eine gute Unterrichtsstunde an seiner Schule sei schon eine, in der es nicht zu nennenswerten Auseinandersetzungen zwischen Schülern oder zu größeren Sachbeschädigungen komme. Das habe sich eindeutig verbessert, gibt er jetzt zu Protokoll. Was auch dem regelmäßigen Einsatz von Sozialarbeitern an der Schule zu danken sei. Dennoch muss das Kollegium der Adolf-Reichwein-Schule tagtäglich hart kämpfen, um Inhalte im Unterricht überhaupt vermitteln zu können. Meistens ein hoffnungsloses Unterfangen, berichtet Tania Ebeling, Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Mathematik:

"Aber ein Großteil unserer Arbeit ist Erziehungsarbeit, ist, das zu vermitteln, was wir früher Anstand und Respekt nannten."

Bitte und danke, Entschuldigung und andere Formen respektvollen Umgangs miteinander, blieben den meisten Jugendlichen während ihrer Hauptschulzeit fremd. Und auch die schulischen Leistungen seien nach zehn Jahren nur selten kompatibel mit den Bedingungen der Arbeitswelt.

"Und ein ganz, ganz geringer Teil findet dann auch tatsächlich eine Lehrstelle und ist auch wirklich nur ausbildungsfähig. Man muss wirklich sagen, es gibt nur einen ganz kleinen Teil, den man als ausbildungsfähig bezeichnen kann. In der letzten Klasse 10 haben von 22 Schülerinnen und Schülern 2 Mädchen eine Ausbildungsstelle gefunden, die machen die Ausbildung auch heute noch, als Arzthelferin einmal, und die andere als Pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke."

Zwei Drittel aller nordrhein-westfälischen Hauptschüler gelten als "Risikoschüler", denen Bildungswissenschaftler einen erheblich problematischen Berufsweg prophezeien - eine alarmierende Anzahl, denn im Bundesschnitt gilt nur ein Viertel als gefährdet. Die Schüler scheinen um ihre schlechten Chancen auch zu wissen, denn, so Hauptschullehrerin Tania Ebeling, viele seien so grundsätzlich demotiviert, das jede Eigeninitiative gelähmt werde. Hinzu komme außerdem eine Orientierungslosigkeit bei denen, die in zwei Kulturen aufwachsen. Rektor Bräer:

"Wir haben dann hier eine Welt, in der ein bestimmtes Verhalten erwartet wird, und zuhause wird ein ganz anderes Verhalten erwartet und auch vorgelebt. Dass es also auch heute bei Familien, die zehn, zwölf Jahre hier leben, vorkommt, und das wissen wir von den Grundschulen, wenn der Sohn nicht auf das Gymnasium darf, darf die Tochter auch nicht."

Eine Studie aus dem Jahr 2004 belegt, dass 15-Jährige aus türkischen Familien dreimal so oft von ihren Eltern geschlagen werden wie Schüler deutscher Eltern. Und mehr als viermal so häufig erleben sie Gewalt zwischen den Eltern: die kulturelle Heterogenität als besondere Belastung für die unterste Schiene des deutschen Bildungssystems.

Rolf-Jürgen Bräer ist Realist. Selbst mit größter Kraftanstrengung und einem engagierten Lehrerkollegium, das sogar "Selbstbehauptungskurse" anbietet, in denen die Fünftklässler lernen sollen, wie sie ohne aufreizende Körpersprache und gewagtes Outfit etwas darstellen können, bleiben die Chancen für eine Entwicklung, die den Namen Bildung oder Ausbildung verdient, gering. Sein Urteil über die Institution Hauptschule ist deshalb ernüchternd.

"Das System funktioniert nicht. Aber da es die Schüler weiter gibt, wird es die Schule auch weitergeben. Einmal im Jahr gibt es dann so ein pflichtgemäßes Bedauern, wie schlecht es den Hauptschülern und den Hauptschullehrern geht."

Auch Georg Simonis erlebt die Perspektivlosigkeit der Hauptschüler. Der Kriminaloberkommissar der Polizeiinspektion Düsseldorf Mitte kümmert sich ausschließlich um Delikte Jugendlicher. Die "Einsatztruppe Jugend" umfasst neun Beamte, die ohne Uniform ihren Dienst verrichten. Im Blick haben die Polizisten vor allem Mehrfachstraftäter. Die 20 Schulen in der Innenstadt und im linksrheinischen Düsseldorf fallen allerdings kaum auf, meint Simonis.

"Also Gewalt an Schulen im Schulgebäude selber, haben wir hier fast überhaupt keine Vorkommnisse. Was natürlich vorkommt, sind Verabredungen zu Schlägereien, die aber nicht innerhalb der Schule stattfinden, sondern in nahe gelegenen Parkanlagen oder Bushaltestellen, wo die Schüler halt aufeinandertreffen. Gewalt in Schulen haben wir hier extrem wenig, ich würde sagen, unter einem Prozent."

Rund 50 Prozent aller Jugenddelikte gehen in der Landeshauptstadt auf das Konto von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund. Grobe Gewalt in Klassenzimmern und auf dem Schulhof ist eher selten, bilanziert Simonis, gibt aber zu bedenken, dass nicht jede Brutalität auch zur Anzeige kommt. Viele Rektoren fürchteten um den Ruf ihrer Schule und versuchten deshalb, auch bei groben Disziplinverstößen, die Polizei außen vor zu halten.

Eine hohe Dunkelziffer vermutet der Jugendpolizist auch bei Delikten wie Diebstahl, Erpressung und Bedrohung. Handys, neuerdings I-pods, aber auch wertvolle Turnschuhe oder Jacken werden von vorwiegend 13- bis 16-jährigen, jüngeren, schwächeren Schülern abgepresst. Und diese Delikte kommen meistens erst dann ans Tageslicht, wenn Eltern per Zufall dahinter kommen.

"Die Jugendlichen oder die Kinder sind dermaßen eingeschüchtert, dass sie sich auch nicht trauen, den Eltern das mitzuteilen. Die werden ja von den Tätern unter Druck gesetzt."

Die Täter gingen intelligent und mit System vor, berichtet Simonis. Sie würden ihrem Opfer unter Androhung von Schlägen nicht 10 oder 20 Euro auf einmal abpressen, sondern eher 1 oder 2 Euro jeden Tag. Das fällt weniger auf und ist kaum zu beweisen. Es sei allerdings erkennbar, so Simonis, dass die Schulen immer häufiger und früher auf die Polizei zukämen - und zahlreicher als noch vor wenigen Jahren. Schon seit vier Jahren hat die Polizei ihrerseits Kontakt zu Rektoren und Lehrerkollegien geknüpft. Vor allem die Hauptschulen haben Beratungsbedarf. Die Beamten der "Einsatztruppe Jugend" in Düsseldorf sind für diese spezielle Arbeit von Erziehungswissenschaftlern und Sozialarbeitern geschult worden.

Ein guter Anfang, sagt Professor Heinz Werner Poelchau, Referent für Politische Bildung, Werteerziehung, Religionsunterricht und Gewaltprävention an Schulen im nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung. Der Austausch zwischen Polizei, Jugendämtern und Schulen in Sachen Gewaltprävention habe in NRW zu messbaren Erfolgen geführt. Konkret: Die so genannten Raufunfälle, also Schlägereien in Klassenzimmern oder auf Schulhöfen, werden weniger. Trotzdem bleiben Hauptschüler negativ auffällig.

"Die werden bei der Gemeinde-Unfallversicherung registriert, die müssen dort gemeldet werden. Da haben wir eher in den letzten zehn Jahren einen Rückgang. Aber auch dort ist zu sagen, dass die Hauptschulen trotz zurückgehender Zahlen diejenigen sind, die am ehesten belastet sind."

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung will sich der Hauptschulen besonders annehmen, behauptet sie. Bis 2012 sollen 50.000 Ganztagesplätze für die unterste Bildungsliga im größten Bundesland geschaffen werden. Zusätzlich werden 500 Pädagogen zur Förderung leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler an so genannten Brennpunktschulen eingestellt werden. Die 250 Sozialarbeiter für die insgesamt 730 Hauptschulen im Lande – bislang mit Zeitverträgen ausgestattet - haben Verlängerungen erhalten. Gute Rahmenvoraussetzungen, doch entscheidend beim Kampf gegen Gewalt in Schulen sind die Maßnahmen vor Ort, sagt Poelchau.

"Ich war letzte Woche in Viersen und habe dort drei Hauptschulleiter kennen gelernt, die sich ganz intensiv für Streitschlichtung einsetzen, die sich ganz intensiv für ein so genanntes Anti-Bulling-Programm einsetzen und dort von sehr guten Erfolgen berichten."

Über einen Großteil der Vorschläge, wie in Zukunft Berliner Verhältnisse an Hauptschulen zu begegnen sei, kann Heinz Werner Poelchau nur den Kopf schütteln. Vor allem über den, die Hauptschulen abzuschaffen. Hierfür hat auch Hauptschul-Rektor Rolf-Jürgen Bräer von der Düsseldorfer Adolf-Reichwein-Schule nur milden Zynismus übrig.

"Ja, wenn es ein Rezept gäbe, die Hauptschüler auch noch abzuschaffen... Dann könnte man ja nur die Hauptschulen abschaffen, und die Schüler, die bleiben. Von daher sind wir ja auch das Sammelbecken für alle Frustrierten."

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