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Hilfswerk "Open Doors"Zweifel an Seriosität von Studie über Gewalt an Christen

Open-Doors-Chef Markus Rode (3.v.r.) und Vertreter anderer Organisationen bei der Vorstellung des Berichts (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)
Open-Doors-Chef Markus Rode (3.v.r.) und Vertreter anderer Organisationen bei der Vorstellung des Berichts (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)

Christen werden in deutschen Flüchtlingsheimen von Muslimen systematisch drangsaliert: Das Ergebnis dieser Studie von Open Doors machte jüngst Schlagzeilen, auch wir berichteten darüber. Nun werden Zweifel an den Untersuchungsmethoden des Hilfswerks laut. Nicht zum ersten Mal.

Am 9. Mai veröffentlichte Open Doors Deutschland seine Erhebung unter der Überschrift "Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland". In dem 36-seitigen Papier erläutert das evangelikale Hilfswerk, wie es die Daten erhoben und ausgewertet hat und welche Schlussfolgerungen und Forderungen sich daraus ergeben. Von flächendeckenden Fällen von Gewalt und Drangsalierung gegenüber Christen in deutschen Flüchtlingsunterkünften ist dort die Rede.

"An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich wirklich nicht wusste, dass ich, wenn ich nach Deutschland kommen würde, nur wegen meines Glaubens und hier genauso wie im Iran belästigt werden würde", wird ein Flüchtling zitiert.

Der Studie zufolge nahmen 231 Flüchtlinge, überwiegend männlich und überwiegend Konvertiten, an der Befragung teil. Open Doors notiert zwar, "die regional sehr unterschiedlichen Rücklaufzahlen der Fragebögen lassen keine Rückschlüsse über das Ausmaß der Übergriffe pro Bundesland zu", doch der Eindruck einer repräsentativen Umfrage bleibt. So heißt es an anderer Stelle, die Erhebung habe deutschlandweit stattgefunden.

Zweifel an der Darstellung der Opfer

Nun räumte das Hilfswerk gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein, dass fast zwei Drittel der in der Erhebung aufgeführten mutmaßlichen Opfer aus einer einzigen Gemeinde in Berlin stammten - wobei ein einziger Pastor die Glaubwürdigkeit aller Fälle bezeugte. Zudem habe die Prüfung eines dieser Fälle Zweifel an der Darstellung der Opfer ergeben: So erhob der Heimbetreiber seinerseits den Vorwurf, die mutmaßlichen Opfer hätten den Konflikt bewusst herbeigeführt, um eine Umsiedlung in eine bessere Unterkunft zu erreichen.

War der christliche Glaube tatsächlich die Ursache eines Konflikts? In einem anderen Fall wollen der Betreiber der Unterkunft sowie ein Pfarrer das nicht glauben und sprechen von Vorwürfen, die zu "hundert Prozent aus der Luft gegriffen" seien.

Darüber hinaus konnte Open Doors dem F.A.S.-Bericht zufolge innerhalb von einer Woche nicht einen einzigen Fall aus einer kirchlich betriebenen Unterkunft einer Nachprüfung zugänglich machen, obwohl Geschäftsführer Markus Rode erklärt hatte, er kenne 500 solcher Fälle.

"Züge der Pegida-Argumentationsweise"

Rode warf Politik und Kirchen in der Studie vor, die Lage insgesamt zu verharmlosen. Evangelische und katholische Kirche wiesen das zurück und verwiesen auf die unzureichende Datenlage zu dem Thema. "Als Kirche haben wir nun das gleiche Problem wie die staatlichen Organisationen: Die Islamfeinde in der Kirche versuchen, uns vor sich herzutreiben", heißt es der F.A.S. zufolge in einer internen Stellungnahme der Westfälischen Landeskirche. Die Erhebung sei "als unseriös abzulehnen" und weise "Züge der Pegida-Argumentationsweise".

Der Rechtsanwalt und Autor Mehmet G. Daimagüler, Mitglied im Kuratorium des Deutschen Institut für Menschenrechte, dankte im Kurznachrichtendienst Twitter der F.A.S. für die "Korrektur" einer "Lügenstudie":

Open Doors wurde 1955 gegründet, seit 1993 veröffentlicht das Hilfswerk jedes Jahr einen "Weltverfolgungsindex" über das Ausmaß der Benachteiligung von Christen, der medial viel Beachtung erfährt. 2010 war Open Doors wegen seiner Verdienste für den Sacharow-Menschenrechtspreis des EU-Parlaments nominiert.

Doch die Hilfsorganisation steht auch immer wieder in der Kritik, vor allem wegen seiner Methodik: So sagte 2012 Heiner Bielefeldt, UNO-Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit, mit Blick auf den Weltverfolgungsindex, er habe "große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind". Bielefeldt kritisierte, die Organisation lege keine klaren Kriterien für den Begriff der Verfolgung zugrunde und verwende den Terminus "Christenverfolgung" deswegen zu weitläufig. Ähnlich äußerten sich in der Vergangenheit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch.

(bor/jcs)

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