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StartseiteInterviewHilgers: Rolle von Walter Bärsch neu bewerten10.09.2013

Hilgers: Rolle von Walter Bärsch neu bewerten

Leiter des Kinderschutzbundes "entsetzt" über Vorwürfe gegen ehemaligen Präsidenten

Der Kinderschutzbund werde Vorwürfen über Einfluss pädophiler Gruppen nachgehen, sagt Präsident Heinz Hilgers. Auf den Gedanken, dass Pädophile sich als Funktionäre in den Verband einschleichen könnten, sei man bislang nicht gekommen, das "war bislang nicht Bestandteil unserer Abwehrstrategie".

Heinz Hilgers im Gespräch mit Christine Heuer

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (AP)
Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (AP)

Christine Heuer: "Es ist wichtiger, Kinder glücklich zu machen, als durch Kinder glücklich zu werden." Dieses Zitat stammt von Walter Bärsch, dem 1996 verstorbenen ehemaligen Präsidenten beim Deutschen Kinderschutzbund. Und es wächst dem Zitat dieser Tage ein unheimlicher Sinn zu, denn Walter Bärsch war auch Gründungsmitglied beim pädophilenfreundlichen Arbeitskreis Humane Sexualität, kurz AHS. Diese Meldung ist ein Nebenprodukt der Arbeit von Franz Walter und seinen Kollegen, die in Göttingen gerade die Pädophilie-Nähe der Grünen erforschen. Nun also der Deutsche Kinderschutzbund ausgerechnet. Heinz Hilgers ist sein amtierender Präsident. Guten Morgen, Herr Hilgers.

Heinz Hilgers: Ja guten Morgen.

Heuer: Pädophile haben offenbar erfolgreich beim Deutschen Kinderschutzbund angedockt. Was löst das im Vorsitzenden eines Vereins aus, der Kinder schützen will und soll?

Hilgers: Ja, zunächst einmal will ich bezweifeln, dass sie erfolgreich angedockt haben.

Heuer: Aber der Vorsitzende war immerhin im AHS. Das ist ja schon mal ein deutliches Zeichen.

Hilgers: Das wird jetzt so festgestellt und wir wollen das auch weiter aufklären lassen. Deswegen wird es in Kürze ein Gespräch geben zwischen unserem Vorstand und Herrn Professor Walter, auch mit dem Ziel, dass wir eine weitere Aufarbeitung und Aufklärung dieser Angelegenheit fördern und unterstützen werden.

Heuer: Also Sie beantragen bei Walter eine Erforschung Ihrer eigenen Geschichte?

Hilgers: Genau. Das werden wir tun und wir werden mit ihm in Kürze darüber ausführlich sprechen. Das ist selbstverständlich, dass wir das aufklären wollen. Aber der Maßstab für mich, ob Pädophile beim Kinderschutzbund mit Erfolg versucht haben oder ihn mit Erfolg unterwandert haben, ist, ob der Kinderschutzbund jemals in seiner Geschichte wie die Grünen beispielsweise gefordert hat, dass jetzt das Strafrecht für sexuelle Aktivitäten liberalisiert werden soll, und das hat er nie getan. Das ist nie beschlossen worden und das ist auch nie diskutiert worden in der Geschichte des Kinderschutzbundes. Das haben wir durch Durchsicht aller Beschlussprotokolle schon feststellen können.

Heuer: Herr Hilgers, das überrascht mich jetzt. Da muss ich mal einhaken. Der Kinderschutzbund hat 1987 das Buch "Sexuelle Gewalt gegen Kinder" veröffentlicht. Daraus gebe ich Ihnen jetzt ein Zitat. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung durch die Kinder werde eingeschränkt - jetzt kommt das Zitat -, "indem sexuelle Kontakte zwischen einem Kind und einem Erwachsenen generell ohne Ausnahme unter Strafandrohung gestellt werden." Ist das kein Plädoyer für die Straffreiheit von Pädophilen?

Hilgers: Würden Sie mir bitte die Quelle dieses Buches zugänglich machen? Das kenne ich nicht so.

Heuer: Sie kennen das Buch nicht, obwohl das der Kinderschutzbund selber herausgegeben hat?

Hilgers: Ja. Ich würde dieses Buch gerne von Ihnen bekommen. Das ist ja genau das, was wir jetzt alles erforschen wollen und erforschen lassen wollen. Ich beziehe mich auf die Beschlusslage der Mitgliederversammlungen des Deutschen Kinderschutzbundes, also unseres höchsten Gremiums der Kinderschutztage, und da hat es weder einen solchen Beschluss noch einen Antrag gegeben, solche Beschlüsse zu fassen. Und das ist ja der Unterschied jetzt zu den Grünen, bei denen das zum Parteiprogramm geworden ist. Diesen Unterschied wollte ich Ihnen darlegen. Aber dass es einst eine Äußerung gegeben hat, das bedrückt uns sehr und das müssen wir in der Tat im Detail genau nachforschen, und ich fürchte, dass es noch mehr solcher Äußerungen geben wird, wenn wir das jetzt genau nachforschen.

Heuer: Genau. Eine gibt es ja schon in der Verbandszeitschrift "Kinderschutz aktuell" von 1985. Darüber haben Sie schon gesprochen und haben gesagt, diese Zeitschrift haben Sie bei sich im Archiv gefunden.

Hilgers: Ja. Aber verstehen Sie den Unterschied zwischen einem beschlossenen Programm, dem die Mehrheit der Delegierten zugestimmt hätte, oder auch einem Antrag, der da gestellt worden wäre, oder einer einzelnen Äußerung in einem Buch, einer Zeitschrift. Das ist alles sehr bedrückend und deswegen müssen wir das auch genau nachforschen.

Heuer: Herr Hilgers, Ihr Punkt ist angekommen. - Sie kannten Walter Bärsch. Haben Sie nichts gemerkt von seiner Gesinnung?

Hilgers: Ich habe ihn spät kennengelernt, also sozusagen in der absoluten Schlussphase seiner Präsidentschaft, und ich habe da nichts von gemerkt und ich habe mich in den letzten zwei, drei Tagen mit vielen Zeitzeugen unterhalten, die ihn viel, viel besser kannten als ich, und für die ist das auch unvorstellbar.

Heuer: Wann haben Sie denn von Bärschs AHS-Mitgliedschaft erfahren?

Hilgers: Es ist so, dass ich natürlich kurz bevor die Journalisten, der Journalist von der "Welt" bei mir anrief, die Gelegenheit hatte, noch einmal mit Zeitzeugen zu sprechen, und da ist mir gesagt worden, dass er nicht Mitglied in der AHS gewesen sein soll, sondern in einem Beirat oder einem Kuratorium, und als er dann feststellte, an wen er da geraten war, wieder ausgetreten ist. Das ist natürlich ein großer Widerspruch zu dem, was jetzt das Institut für Demokratieforschung in Göttingen festgestellt hat, und deswegen müssen wir das aufklären, diesen Widerspruch zwischen dem, was mir Zeitzeugen sagen, und zwischen dem, was jetzt da dargelegt wird. Das muss aufgeklärt werden, und wenn das stimmt, was das Institut für Demokratieforschung feststellt, und das sicher belegt werden kann, dann muss die Rolle von Walter Bärsch völlig neu bewertet werden.

Heuer: Herr Hilgers, Walter Bärsch war Anfang der 90er-Jahre – das war schon zu Ihrer Amtszeit – für den AHS aktiv und er war gleichzeitig Ehrenmitglied des Deutschen Kinderschutzbundes. Wie kann es sein, dass Sie das nicht mitbekommen haben?

Hilgers: Mir ist nichts davon bekannt geworden. Sie sagen das jetzt, dass er aktiv war; genau das müssen wir erforschen. Ich bin völlig entsetzt, dass er bis 1994 nach Aussage dieses Institutes da Mitglied gewesen sein soll.

Heuer: Angeblich ist er ja auch erst auf Druck des Kinderschutzbundes aus der AHS ausgetreten. Stimmt das auch nicht?

Hilgers: Nein, das stimmt sicher nicht. Einen solchen Druck der Basis hat es nicht gegeben und genau das müssen wir aufklären, denn die Basis hat dies so nicht gewusst. Es muss aufgeklärt werden, was da los ist, und ich habe mit dem früheren Geschäftsführer, der ja jetzt schon lange pensioniert ist, der auch Geschäftsführer bei Walter Bärsch war, da ausführlich drüber gesprochen, und der ist überrascht darüber, dass er da erstens Mitglied gewesen sein soll und nicht nur für ganz kurze Zeit in einem Beirat oder in einem Kuratorium, und nachdem er, der Geschäftsführer, ihn damit konfrontiert hat, an wen er da geraten sei, gleich wieder ausgetreten sein soll. Das ist die Version, die ich bisher von Zeitzeugen aus dem Verband habe. Dafür möchte ich aber meine Hand nicht ins Feuer legen und deswegen muss das aufgeklärt werden.

Heuer: Entschuldigung! Aber Sie waren doch der Präsident? Wenn Sie sagen, die Basis wusste es nicht, Sie wussten es doch, Sie müssen es doch gewusst haben eigentlich.

Hilgers: Sehen Sie, ich bin Präsident geworden zwei Jahre nachdem Walter Bärsch ausgeschieden ist und das war für uns kein Thema.

Heuer: Okay. – Welche Folgen, glauben Sie, hat all das für den Deutschen Kinderschutzbund, was wir jetzt erfahren?

Hilgers: Das ist natürlich für uns alle sehr bedrückend und das ist besonders traurig, weil der gesamte Verband in den mehr als 20 Jahren, in denen ich Präsident bin – und das kann ich sicher sagen -, sich erstens sehr gegen Gewalt gegen Kinder eingesetzt hat, sehr auch klar und deutlich war, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern immer Gewalt gegen Kinder ist, und er sich sehr daran beteiligt hat, Strategien zur Prävention zu entwickeln, zur Prävention, zum Schutz der Kinder, für Schutzkonzepte eingesetzt hat, der selbst schon sehr früh, 1997, sich dort ein solches Schutzkonzept für die eigenen Institutionen entwickelt hat, und das bedrückt uns sehr. Und wenn ich eins noch sagen darf: Sehen Sie, wir haben ja immer Schutzkonzepte entwickelt für die Einrichtungen, damit sich nicht Pädophile in Einrichtungen des Kinderschutzbundes oder in Diensten des Kinderschutzbundes an Kinder heranmachen. Das muss ich sagen: Auf den Gedanken, dass Pädophile sich als Funktionäre in unseren Verband einschleichen könnten, nicht in Einrichtungen, um da Kinder zu schädigen, sondern als Funktionäre, sind wir nicht gekommen. Das war bis jetzt nicht Bestandteil unserer Abwehrstrategie.

Heuer: Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Hilgers.

Hilgers: Danke.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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