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StartseiteSonntagsspaziergangDie Welt des Musikers und Komponisten Paul Hindemith 22.11.2015

Hindemith und der KuhhirtentumDie Welt des Musikers und Komponisten Paul Hindemith

Von Dörte Hinrichs

(picture-alliance / Bildagentur Schapowalow )
Paul Hindemith beim Autogrammschreiben (picture-alliance / Bildagentur Schapowalow )

Noch einmal tiefer in die Welt des Musikers und Komponisten Paul Hindemith taucht ein, wer das kleine, aber feine Hindemith-Kabinett aufsucht. Es ist nur sonntags geöffnet und ein Besuch lässt sich wunderbar mit einem Spaziergang durch die Frankfurter Altstadt verbinden. In der Großen Rittergasse habe ich mich mit Dr. Susanne Schaal-Gotthardt verabredet, der Direktorin des Hindemith-Instituts.

"Wir befinden uns hier im Ortskern von Sachsenhausen, einem der geschichtsträchtigsten Orte in Frankfurt am Main, das ist hier der Ort, an dem in alter Zeit die Frankenfurt existiert hat, also die Untiefe durch die Gewässer des Mains, die es ermöglich hat, von einer Seite auf die andere Seite des Flusses zu kommen. Hier wurde im 14. Jahrhundert um Sachsenhausen herum eine große Stadtmauer errichtet und der Kuhhirtenturm und das dazugehörige Paradiestörchen, was hier direkt an der Seite ist, gehört zu den frühesten Bauten dieser Stadtmauer, etwa um 1390 errichtet."

Das Paradiestörchen führte einst durch einen spätgotischen Torbogen in die Paradiesgasse. Heute befindet sich hier der Innenhof einer Jugendherberge, ein eher nüchtern wirkender Zweckbau. Der Kontrast zu dem alten sandsteinfarbenen Turm mit den versetzt eingebauten kleinen Fenstern fällt sofort ins Auge.

"Im Mittelalter diente dieser Turm tatsächlich eben der Stadtverteidigung, die Feinde kamen sowohl vom Land als auch vom Fluss her und man musste entsprechend vorsichtig sein. Im 19.Jh. wurde diese Art der Stadtverteidigung überflüssig und man hat begonnen die Stadtmauern und die dazugehörigen Türme alle niederzureißen oder zu überbauen. Der Kuhhirtenturm war der einzige von diesen Türmen, der bis ins 19. Jh. bestehen blieb. Dieser Kuhhirte, der hier auf der Weide sein Vieh hatte und hier in diesem Kuhhirtenturm mit spärlichen Komfort leben konnte, fand das dann Ende des 19.Jh. nicht mehr so gemütlich hier und man hat dann doch ernsthaft nachgedacht darüber, was man machen möchte mit dem Turm."

Die Direktorin des Frankfurter Hindemith Instituts kennt die Geschichte des Kuhhirtenturms in- und auswendig, auch wenn ihr Arbeitsplatz in der Innenstadt an der Musikhochschule ist. Dass der Kuhhirtenturm überhaupt noch steht, sei der Frankfurter Bürgerschaft zu verdanken, die keinen Abriss zuließ, sagt sie. Dennoch verfiel der Kuhhirtenturm zusehends und nach dem 1. Weltkrieg stellte sich wieder einmal die Frage nach der Zukunft des Turms. Die Zeit der Kuhhirten hier auf den Mainwiesen war vorbei, stattdessen dachten die Frankfurter nun daran, den Turm durch einen Künstler zu neuem Leben zu erwecken.

"Anfang der 20er Jahre, als dann diese Idee aufkam, einen Künstler zu fragen, war man dann relativ rasch bei Paul Hindemith, den man gefragt hat. Der Pferdefuß an der Sache war, dass die Stadt erwartet hat, dass der Künstler sich diesen sehr baufälligen und alten Turm selbst auf eigene Kosten herrichten müsse, was natürlich eine enorme Summe voraussetzt, die nicht unbedingt jeder Künstler einfach mal so auf den Tisch legen kann."

Auch für den jungen Paul Hindemith ist das damals kein Pappenstiel, dabei ist er schon auf dem Wege, ein erfolgreicher Komponist zu werden.

Er hat 1921 seine ersten großen Erfolge erzielt, war in aller Munde, und hatte auch schon einen Verlagsvertrag in der Tasche. Er war sozusagen ein Shootingstar damals und er konnte dann mit sehr viel Glück diesen Turm tatsächlich finanzieren, denn er bekam einen sehr lukrativen Kompositionsauftrag, und zwar für ein Klavierkonzert für die linke Hand. Es gab in Wien einen Pianisten aus der sehr bekannten Familie Wittgenstein, Paul Wittgenstein hieß der Mann, das ist ein Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Und dieser sehr begabte junge Mann, nur wenige Jahre älter als Paul Hindemith, hat 1914 gleich in den ersten Monaten des 1. Weltkriegs seinen rechten Arm verloren. Normalerweise ist das das Ende für eine Pianisten-Karriere, bei Paul Wittgenstein aber nicht, der eben aufgrund des enormen Vermögens seiner Familie es sich erlauben und leisten konnte. Kompositionsaufträge zu erteilen.

Davon profitiert Hindemith, der einen solchen lukrativen Auftrag an Land zieht. 1000 Dollar erhält er für sein Klavierkonzert für die linke Hand – sein Honorar, dass er sich angesichts der galoppierenden Inflation in Deutschland klugerweise nicht in Reichsmark auszahlen lässt. Bevor er die ersten Notenblätter für das Klavierkonzert rausschickt, schreibt er in einem Brief an Paul Wittgenstein:

"Könnten Sie mir bald nach Empfang der morgigen Sendung einen Teil des von Ihnen für das Stück ausgesetzten Geldes zuschicken? Etwa die Hälfte? Ich lasse mir für die ganze Summe einen alten Wartturm als Wohnung einrichten. Die Bauarbeiten an dem Gebäude können jederzeit angefangen werden, wenn ich einen genügenden Vorschuss leiste."

Paul Wittgenstein zahlt prompt und damit können die Bauarbeiten im Kuhhirtenturm beginnen. Im Oktober 1923 zieht Hindemith ein. Das Hindemith Kabinett ist hier allerdings erst seit 2010 untergebracht, nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten.

Wir gehen jetzt die schmalen Stiegen hoch, die Holzstiegen, hier im Kuhhirtenturm. Gleich auf der 1. Ebene ein winziger Raum mit alten Balken noch.

"Dadurch natürlich, dass der Turm aus dem Mittelalter stammt, hatte der Turm eben unten sehr dicke Mauern, also sie sind über 1,5 Meter dick. Und da bleibt bei einer Grundfläche des Turms von 6 mal 7 m natürlich im Innern kaum Platz für Räume. Und dieser Raum hat vielleicht  6 oder 8 qm und ist also wirklich sehr winzig und eng. Aber hier beginnt eben auch unsere Ausstellung mit der Darstellung von Leben und Werk von Paul Hindemith."

Die weiß gestrichene Holzwendeltreppe führt über 4 Stockwerke durch das Hindemith-Kabinett. In jedem Stockwerk gibt es einen Ausstellungsraum mit Briefen, Fotos, Zeichnungen und originalen Tondokumenten des Komponisten. Weil Paul Hindemith so viel gesammelt und das meiste davon beide Weltkriege überstanden hat, öffnet sich auf kleinstem Raum ein ganzes Universum. In sehr gut lesbarer Schrift bekommen wir zum Beispiel Einblick in Hindemiths Kriegstagebücher. 1917 wird er eingezogen, an die Front nach Frankreich. Er komponiert auch hier, schreibt über den Tod als ständigen Begleiter und den Alltag als Soldat:

"Hindemith hat Gelegenheit gehabt zu komponieren, in diesem Skizzenbuch abgebildet sieht man einen zerdrückten Floh, er hat ihn hier umkreist mit Bleistift, Datum 31.Januar 1918 in Tagolsheim, einem kleine Ort im Elsass. Darin kommt das Elend, die Enge, die mangelnde Hygiene als Soldat rüber. Und dass Hindemith diese Zeit überlebt hat, das war für ihn so was wie ein Erweckungserlebnis: Dieser Gräuel ist an mir vorübergegangen, jetzt will ich, dass ich das Leben sinnvoll nutze."

Hindemith spielt auch nach dem Krieg wieder im Frankfurter Opernorchester, Er entdeckt die Bratsche für sich und ist damit so erfolgreich, dass er in der ganzen Welt Konzerte gibt. Auch traut er immer mehr seinem kompositorischen Talent.

Auf einer selbstgezeichneten Landkarte mit dem Kuhhirtenturm in der Mitte hat Paul Hindemith all die Stationen seiner Konzertreisen im Jahr 1924 festgehalten: von Salzburg über Dresden nach Berlin, von Paris bis nach Amsterdam.

"Hindemith war ein begeisterter Eisenbahnliebhaber und zwar nicht nur dergestalt, dass er unheimlich gerne mit dem Zug fuhr, sondern dass er auch eine Modelleisenbahn besaß, haben in der Vitrine einige Waggons und eine Lokomotive ausgestellt. Er hat mit Freunden, Schriftstellern, mit Gottfried Benn beispielsweise hat er auf dem Boden gelegen und Eisenbahn gespielt. Dieses Spielerische, das zeigt sich bei Hindemith auch in seinem Werk, was durchaus auch viele humorvolle Facetten hat."

Susanne Schaal-Gotthardt erinnert daran, dass Hindemith seine Zugreisen genutzt hat, um zu komponieren. Viele seiner Werke sind natürlich auch im Frankfurter Kuhhirtenturm entstanden, der damals eine fantastische Aussicht zu bieten hatte.

"Wo befinden wir uns hier?"

"Das ist das 2. Obergeschoss. Das ist der Teil des Turms, der etwa um 1390 gebaut wurde. Die höheren Stockwerke sind dann im Jahrhundert darauf vollendet worden, also um 1490 erbaut. Seither steht der Turm hier so, wie er dasteht. "

Und man guckt hier richtig in Frankfurts Gassen von Sachsenhausen.

"Ja, das ist hier das Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen mit eben schönen alten Fachwerkhäusern, die zum Teil noch erhalten sind oder auch wieder aufgebaut nach dem Krieg. Und auf der anderen Seite des Turms sieht man heute in den Hof der Jugendherberge. Da hatte man früher den Blick direkt auf den Main. Also hier befand sich eine Grünanlage und man konnte von diesen Fenster aus direkt auf die andere Main- Seite gucken mit dem Dom, mit dieser "Schönen Aussicht", so heißt sie, diese Straße direkt am Main, die eben tatsächlich eine schöne Aussicht hat, in der schöne Patrizierhäuser stehen."

Wenn auch die Besucher des Kuhhirtenturms heute diese "Schöne Aussicht" auf den Main nicht mehr genießen können, bleibt immer noch der Blick in die Altstadtgassen von Sachsenhausen oder auf die Skyline von Frankfurt mit den Bankentürmen. Diese Aussicht hat man ganz oben im Musikzimmer, das wir nach 61 Stufen erreichen.

"Hier hat Hindemith auch seine Wohnräume gehabt, damals 1923 als er hier einzog. Hier war das Musikzimmer, das hieß auch damals so, und man sieht hier den Dachkranz, da lag noch eine Decke drauf, und in dem oberen Teil, da hatten die Gertrud und der Paul ihren Schlafraum. Unten hier unten war gewissermaßen das Wohnzimmer oder Musikzimmer, hier haben sie gearbeitet und gelebt. Und die Mutter und die Schwester, die lebten in den beiden anderen Stockwerken. Unten im Torhaus war die Küche untergebracht."

Oben im Musikzimmer finden heute Konzerte statt, nicht nur an Hindemiths Geburtstag. Immer allerdings vor kleinem Publikum, denn nur 30 Personen passen in den Raum. Wie aber ist der Flügel hier hochgekommen?

"Wir haben das so gemacht, dass wir die Bauarbeiten genutzt haben 2010 als der Turm hergerichtet wurde von der Stadt Frankfurt, dass wir die Turmhaube abgenommen haben, die stand wie ein Topfdeckel neben dem Turmstumpf. Dann war das Dach geöffnet und man konnte den Flügel mit einem Kran hier hochhieven und absetzen. Der war in einer Holzkiste verpackt. Dann wurde ganz schnell eine Zwischendecke eingezogen auf den Turm und dann hat man in aller Ruhe den Turm restaurieren können, das Dach wieder draufsetzten und dann im Februar 2011 haben wir die Kiste geöffnet und den Flügel aufgestellt. Und seither steht er hier und darf nicht kaputtgehen, weil wir ihn nicht mehr herauskommen. - Wie hat ihn denn Hindemith damals hochbekommen? Über eine Maueröffnung, das war damals Fachwerk. Das oberste Stockwerk ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Es gibt davon auch Bilder aus der Nachkriegszeit. Ein amerikanischer Soldat hat Fotos gemacht von Turm, wo der Flügel im Regen stand und alles drum herum kaputt war."

Zu dieser Zeit leben Paul Hindemith und seine Frau längst nicht mehr im Frankfurter Kuhhirtenturm. Schon 1927 sind sie nach Berlin gezogen, wo Hindemith eine Professur für Komposition an der Berliner Musikhochschule angenommen hat.

"Hindemith hat in Berlin dieses Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger, der Roaring Twenties, genossen: Er hat Boxunterricht genommen, hat Autofahren gelernt, war im Varieté, hat Musicals gehört, mit den großen Zeitgenossen zusammengearbeitet, mit Wilhelm Furtwängler, dem Dirigenten der Berliner Symphoniker. Er hat ein Oratorium geschrieben mit Gottfried Benn, mit Bert Brecht szenische Werke komponiert – es ist eine unglaubliche Bandbreite und Vielfalt seines Wirkens und Arbeitens."

Das ändert sich schlagartig mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Einen "atonalen Geräuschemacher" nennt ihn Goebbels. Hindemith wird als Hochschulprofessor beurlaubt, seine Werke dürfen nicht mehr aufgeführt, seine Noten nicht mehr verkauft werden. Hindemith zieht sich zurück, komponiert im stillen Kämmerlein weiter.

Im August 1938 schreibt Hindemith in seinen Taschenkalender "Letzter Tag Berlin". Mit seiner Frau Gertrud zieht er in ein kleines Dorf im Wallis, auf Fotos sieht man die beiden im Garten, wo sie Kartoffeln und Obst ernten. Doch die Schweiz erscheint ihnen nicht sicher genug, auch Freunde drängen sie zur Ausreise in die USA. Mehrere Konzertreisen hatte Hindemith schon in die Vereinigten Staaten geführt, nun, 1940 ist er froh, von der Universität in Yale eine Professur für Musiktheorie angeboten zu bekommen. Dankend nimmt er sie an und wird 1946 amerikanischer Staatbürger. Schon im folgenden Jahr besucht er erstmals wieder Europa, als Dirigent und Vortragsreisender.

Aus Deutschland kommen plötzlich wieder Anfragen, u.a. aus Frankfurt, ob Hindemith dort nicht die Leitung der Musikhochschule übernehmen wolle. Er will nicht, stattdessen übernimmt er in Zürich eine Professur für Musikwissenschaft. Nach einem Konzert in Wien 1963 erkrankt Hindemith schwer. Seine Frankfurter Ärzte diagnostizieren eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Am 28. Dezember 1963 stirbt Hindemith in der Mainmetropole. Auf einem Frankfurter Friedhof sucht man sein Grab aber vergebens. Seine letzte Ruhe findet der Komponist am Genfer See. Wie es dazu gekommen ist, erklärt Susanne Schaal-Gotthardt, Direktorin des Hindemith Instituts, am Ende ihrer Führung durch den Frankfurter Kuhhirtenturm, wo Hindemith bis heute lebendig ist.

"Er ist nicht in Frankfurt begraben, obwohl das hat seine Frau Gertrud Hindemith eigentlich so gewünscht hätte, aber es war Ende des Jahres und gerade der 28.12. fiel damals auf einen Samstag, und der nächste Montag war dann der 30. Und dann war Silvestertag. Also es eine unglückliche Konstellation, dass in den Ämtern in Frankfurt niemand zur Verfügung stand, der die Frage klären konnte, ob und wie ein amerikanischer Staatsbürger, der Hindemith ja gewesen ist, auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben werden kann. Deshalb ist Hindemith dann nicht in Frankfurt begraben worden, sondern in der Nähe seines letzten Wohnortes, auf einem kleinen Kirchhof, in einem Nachbarort von Blonay."

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