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StartseiteInterview"Stress ist eigentlich was Gutes"03.03.2019

Hirnforscher über Unsicherheit"Stress ist eigentlich was Gutes"

Unsicherheiten sind Teil des Lebens. Das Gehirn sei sehr gut darin, Strategien zu ihrer Bewältigung zu entwickeln, sagte der Hirnforscher Achim Peters im Dlf. Allerdings könne Unsicherheit auch zum Dauerzustand werden - mitunter mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.

Achim Peters im Gespräch mit Birgid Becker

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Menschen mit Bildern mit Fragezeichen vor ihrem Gesicht. (imago stock&people)
Viele Menschen beschleicht immer öfter ein Gefühl der Unsicherheit (imago stock&people)
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Wir leben in unsicheren Zeiten - das ist mittlerweile ein geflügeltes Wort. Damit können wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische oder auch persönliche Unsicherheiten gemeint sein.

Unsicherheit sei unter anderem auch eine biologische Größe und medizinisch erfassbar, sagte der Hirnforscher, Internist und Buchautor Achim Peters im Dlf.  "Wenn der Mensch unsicher ist in seiner Strategieauswahl, wenn er nicht weiß, was er tun soll, zum Beispiel kündigen oder bleiben, dann gibt es da einen Hirnbereich, das ist der vordere cinguläre Cortex, und der stellt fest, ob es eine eindeutig beste Strategie gibt oder nicht."

"Stress ist eigentlich was Gutes"

Gebe es diese nicht, so Peters weiter, dann starte dieser Hirnbereich ein Unsicherheitsbeseitigungsprogramm - nämlich den Stress.

Unter Stress fahre das Gehirn hoch, "wir sind überwach, es arbeitet mit doppelter und dreifacher Kapazität und verarbeitet mehr Informationen, um die Unsicherheit zu beseitigen."

Wenn man die Strategie gefunden habe, dann "fährt man wieder runter und führt ein gutes Leben", sagte der Hirnforscher im Dlf.

Permanenter Unsicherheitspegel macht krank

Wenn man ein gutes Leben habe, dann gehöre Unsicherheit mitunter dazu. Es gibt immer kleine Episoden von Unsicherheiten, so Peters, "man fährt hoch, löst das Problem und schläft wie ein Held."

Wenn es jedoch nicht gelinge, Unsicherheiten aufzulösen, führe das zu toxischem Stress und langfristig unter Umständen zu schwerwiegenden Erkrankungen führen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Depression, Diabetes oder Übergewicht.

Menschen reagierten unterschiedlich auf Unsicherheiten. Rund die Hälfte der Bevölkerung könne sich nicht an Stress gewöhnen, sagte Achim Peters im Dlf. Es gebe aber auch Menschen, denen dies gelinge. "Da sagt das Gehirn, das kann man überleben, ich habe keine Lösung, aber das kann man aushalten."

Unsicherheiten vermeiden, ist der falsche Weg

Unsicherheiten aus dem Weg zu gehen, sei aber der falsche Weg. Natürlich könne man sich eine Weile dem Alltagsstress entziehen, überraschungsarm leben und sich zum Beispiel in ein Resort einmieten. Allerdings habe man dann aber nicht die Möglichkeit, sich upzudaten, und wenn man dann in den Alltag zurückehre, sei das Gefühl der Unsicherheit oft doppelt so stark, erklärte der Hirnforscher und Buchautor im Dlf.

Wenn man hingegen das Risiko zur Unsicherheit investiere, "dann kann man, wenn man erfolgreich ist, die Unsicherheit reduzieren" und so die weißen Flecken auf der Landkarte ausfüllen.

Heutzutage seien vor allem benachteiligte Bevölkerungsschichten von Unsicherheit betroffen, sagte Achim Peters im Dlf. Hier sei die Politik dringend gefordert.

Soziale Ungleichheit ist der größte Unsicherheitsfaktor

"Wer Unsicherheit reduzieren will, der muss die Welt möglichst gut kennen."

Daher sei es besonders wichtig, dass die Politik Maßnahmen ergreife, um die Bildung vor allem benachteiligter Menschen zu fördern, vor allem die junger Menschen. Denn junge Menschen sind aus Sicht des Hirnforschers das Kapital und die Kreativen der Gesellschaft. Wenn aber die Unsicherheit unter diesen Jugendlichen steige, dann bedeute das, dass viele in 20 Jahren depressiv würden.

"Wenn man die lahmlegt, dann ist das eigentlich hoffnungslos", so Achim Peters im Dlf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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