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StartseiteForschung aktuellWie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft01.08.2018

HirnforschungWie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft

Wie entsteht Kreativität? Der amerikanische Neurowissenschaftler David Eagleman und der Musikwissenschaftler und Komponist Anthony Brandt sind dieser Frage gemeinsam nachgegangen. Herausgekommen ist das lesenswerte Buch "Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft".

Rezension von Martin Hubert

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Cover "Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft" von David Eagleman und Anthony Brandt (imago / Siedler Verlag)
Kreativität ist ein Spiel des Gehirns mit dem Reichtum unserer Erfahrungen, schreiben David Eagleman und Anthony Brandt in ihrem aktuellen Sachbuch (imago / Siedler Verlag)
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Wer Kreativität erklären will, sollte dabei nicht nur seinen eigenen, eingeschliffenen Denkmustern vertrauen. Der amerikanische Neurowissenschaftler David Eagleman und der Musikwissenschaftler und Komponist Anthony Brandt haben das beherzigt und ihre unterschiedlichen Perspektiven zusammengebracht. Herausgekommen ist das Buch "Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft". Die Autoren durchforsten darin die Geschichte menschlicher Schöpferkraft und bringen sie mit den Erkenntnissen der Hirnforschung zusammen. Unsere Denkzentrale, schreiben sie, besitze zwar unterschiedliche Regionen, die damit beschäftigt seien, bestimmte Reize zu verarbeiten, etwa Sehreize, Hörreize, Gefühle, Körperempfindungen oder Erinnerungsfetzen. Aber diese Regionen vertrauen eben keineswegs nur auf sich selbst.

"Die Gehirnzellen können sich frei miteinander verbinden, sodass keine Hirnregion für sich allein arbeitet. Wie in einer Gesellschaft stehen sie in einem lebhaften Austausch, sie verhandeln und kooperieren miteinander. Kreativität ist eine ganzheitliche Angelegenheit. Sie entsteht im breiten Zusammenspiel weit voneinander entfernter neuronaler Netze."

Kreativität entsteht, wenn das Gehirn Altbekanntes neu verknüpft                  

Kreatives entstehe daher, wenn wir auf das Material an Wahrnehmungen, alten Ideen und Erinnerungen in unserem Gehirn zurückgreifen und unseren Nervenzellen die Chance gehen, neue Verknüpfungen zwischen ihnen herzustellen. Verständlich, pointiert und unterhaltsam demonstrieren Eagleman und Brandt an vielen Beispielen aus Wissenschaft, Kunst und Technik, wie das passieren kann. Und 200 farbige Abbildungen machen es anschaulich. Die Autoren unterscheiden dabei drei grundlegende kreative Strategien: Wir "biegen", verformen also alte Muster, sodass etwas Neues entsteht. Oder wir "brechen", das heißt, unser Gehirn zerbricht etwas Ganzes und schafft aus den Teilen Neues. Oder wir verbinden zwei oder mehr Dinge schöpferisch miteinander.

"Die alten Griechen machten aus Mensch und Stier den Minotaurus, die alten Ägypter aus Mensch und Löwe die Sphinx. Die Gentechnik eröffnet die Möglichkeit, lebende Chimären zu erzeugen, und sie bringt nicht nur Spinnenziegen hervor, sondern auch Ruppy, den ersten transgenetischen Hund der Welt, der dank der Gene einer Seeanemone unter ultraviolettem Licht rot fluoresziert."

Musische Fächer fördern das kreative Denken

Wer eher an Hirnforschung interessiert ist, würde in dem Buch wohl gerne etwas mehr darüber erfahren, wie das Gehirn diese verschiedenen kreativen Strategien umsetzt. Ein kulturwissenschaftlich Interessierter stört sich womöglich an dem typisch amerikanischen Enthusiasmus, mit dem beide Autoren dem Prinzip "Innovation" huldigen. Dennoch: Das Buch inspiriert, weil es in ungeheurer Breite dokumentiert, was es heißen kann, kreativ zu sein. Eagleman und Brandt beschreiben außerdem zahlreiche Projekte, die in Firmen, Universitäten und Schulen die Kreativität im Alltag praktisch fördern. Und plädieren dabei für das, was sie selbst praktizieren: ein schöpferisches Zusammenwirken der harten und der weichen Wissenschaften.

"Jeder Aspekt des kreativen Denkens lässt sich in den musischen Fächern erlernen, denn hier lernt das Gehirn zu biegen, zu brechen und zu verbinden. Auch an mathematisch-naturwissenschaftlich orientierten Schulen." 

Zielgruppe
Alle, die Lust auf kreatives Denken haben und seine Voraussetzungen verstehen wollen.

Erkenntnisgewinn
Kreativität ist ein Spiel des Gehirns mit dem Reichtum unserer Erfahrungen.

Spaßfaktor
Ein Buch, das mit seinen vielen Beispielen Mut macht, auf die eigenen schöpferischen Kräfte zu vertrauen.

David Eagleman & Anthony Brandt:
"Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft."
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Siedler-Verlag, 288 Seiten, 200 farbige Abbildungen, 25,00 Euro.

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