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StartseiteInterviewHistoriker wirft Oettinger Geschichtsfälschung vor14.04.2007

Historiker wirft Oettinger Geschichtsfälschung vor

Nolte: Ministerpräsident muss sich entschuldigen

Der Historiker Paul Nolte hat den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger aufgefordert, sich noch an diesem Wochenende zu entschuldigen. Filbinger zum Gegner des Nationalsozialismus zu stilisieren sei ein unglaublicher Vorgang. Die Debatte zeige aber auch, dass "die Geschichte des Nationalsozialismus uns noch weiter erhalten bleibt und immer wieder diskutiert werden muss", fügte Nolte hinzu.

Moderation: Christiane Kaess

Der Historiker Paul Nolte (Uni Bremen)
Der Historiker Paul Nolte (Uni Bremen)
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Thierse kritisiert Oettinger-Trauerrede für Filbinger

Christiane Kaess: Herr Nolte, hat Günther Oettinger in seiner Grabrede die Geschichte verfälscht?

Paul Nolte: Ja, ich glaube, das kann man ganz eindeutig so sagen, also ein ganz unglaublicher Satz, den er da gesagt hat, Filbinger noch zum Gegner des Nationalsozialismus zu stilisieren. Da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln, wenn das durch das Radio besser zu hören wäre.

Kaess: Wie ordnen Sie denn Hans Filbinger in Bezug auf seine Vergangenheit ein?

Nolte: Filbinger war ein typischer Vertreter seiner Generation, 1913 geboren, er ist ja sehr alt geworden, deswegen sozusagen einer der wenigen, die jetzt über 90 geworden sind und jetzt noch hinein ragen in unsere Gegenwart. Deshalb wirkt das ja auch so merkwürdig fossilienhaft, so eine Diskussion. Ein typischer Vertreter seiner Generation, die als relativ junge Akademiker den Nationalsozialismus auch als Aufstiegschance gesehen haben, sich in diesem Regime und dann auch in der Kriegsführung des Regimes wohl gefühlt haben. Damit hat es ja auch viel zu tun, dieses Reinwaschen von Filbinger, dass man sagt, er war ja nur Marinerichter, über die Wehrmacht hatten wir ja große Diskussionen, er war ja nur als Soldat tätig für sein Vaterland, das hatte mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun. Aber wir haben gelernt, wie sehr das gerade für junge Menschen, für so ehrgeizige Juristen wie Filbinger ganz eng zusammengehangen hat.

Kaess: Typischer Vertreter, heißt das überzeugter Nazi oder Mitläufer?

Nolte: Also ein Mitläufer auf gar keinen Fall. Überzeugter Nazi, ja was heißt das? Auch da haben wir gelernt in letzter Zeit, dass diese Kategorie so etwas schwierig ist. Man sagt dann, ja, da gab es überzeugte Nazis, das waren dann vielleicht noch Hitler, Goebbels und Göring, und die anderen haben irgendwie mitgemacht oder sind in das Regime hineingezogen worden. Man muss nicht unbedingt eine Schrift, einen theoretischen Traktat gegen die Juden verfasst haben, man muss noch nicht einmal Parteimitglied gewesen sein, um ein überzeugter Nazi gewesen zu sein. Also in diesem System mitgemacht zu haben, in dieses System verstrickt gewesen zu sein, das war der Nationalsozialismus.

Kaess: Oettinger hat in seiner Rede auch gesagt, wenn wir als Nachgeborene über Soldaten von damals urteilten, dann dürften wir nicht vergessen, die Menschen lebten damals unter einer brutalen und schlimmen Diktatur. Ist das keine Begründung für eine gewisse Nachsicht?

Nolte: Ich glaube, um Nachsicht kann es gar nicht gehen. Ein abwägendes Urteil ist ja völlig angemessen, und ein solches abwägendes Urteil hätte man sich auch von Oettinger gerade gewünscht. Das ist ja das, was jetzt eingeklagt wird. Dass man auch sagen kann, das haben wir auch gelernt zu tun, in, ja, 60 Jahren Erinnerungsarbeit seit 1945, auch wenn es schmerzhaft ist, zu sagen, ja, er hat seine Verdienste gehabt, man billigt ihm Lernprozesse zu nach 1945, er war ein verdienstvoller Ministerpräsident, und auch sagen zu können, jawohl, es war schwierig in dieser Situation, ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten hätte, keiner kann sich da reinwaschen, hätte ich nicht auch mich zur Wehrmacht einziehen lassen oder bei der Marine mitgemacht, hätte ich mich nicht auch vielleicht freiwillig gemeldet in einer solchen euphorischen Situation. Aber das muss ja nicht heißen, die Schuld, die man damit auf sich lädt, hinterher dann abzustreiten.

Kaess: Oettinger behauptet aber, Filbinger hätte nicht die Entscheidungsmacht gehabt, die ihm viele unterstellen. Kann man das historisch belegen?

Nolte: Die Entscheidungsmacht gehabt, wir wissen ja nun von den Urteilen, die jetzt gerade immer wieder in den letzten zwei Tagen genannt worden sind, besonders das eine Urteil gegen einen 21-jährigen Deserteur. Das war die Entscheidungsmacht, auch da muss man sagen, die Entscheidungsmacht, das ist nicht nur Hitlers Macht über Leben und Tod, über Kriegführung oder nicht oder über Judenvernichtung oder nicht gewesen, sondern die Entscheidungsmacht im Nationalsozialismus, das war ein Mosaik dieser vielen kleinen Schritte, wo jeder auch versucht hat, seine Entscheidungen an einer ganz unteren Stelle so gut wie möglich dem anzupassen, von dem man meinte, das wäre dem Regime jetzt dienlich, und wir haben auch ganz klar immer wieder von der historischen Forschung gezeigt bekommen, dass es relativ risikolos für Personen in solchen Positionen, wie Filbinger damals gewesen ist, möglich war, sich auch zu verweigern oder vielleicht auch eine Entscheidung zu verschleppen, ein Todesurteil auszusetzen, erst einmal, wie gesagt, in diesem Fall nicht zu vollstrecken, erst recht in den letzten Kriegswochen und Monaten. Damit lud man im Regelfall überhaupt kein persönliches Risiko auf sich.

Kaess: Kommen wir mal zu dem Umgang mit der Nazivergangenheit. Über die Rolle Filbingers streiten sich ja seine Anhänger und Gegner nun seit mehr als 30 Jahren. Ist das ein Zeichen dafür, dass wir uns zwar immer weiter von der NS-Zeit entfernen, aber immer noch Aufarbeitungsbedarf besteht?

Nolte: Ja, es besteht immer noch Aufarbeitungs- und Aktualisierungsbedarf. Ich meine, das ist, so schmerzhaft und paradox oder fast schon zynisch sich das auch anhört, auch immer die wichtige und aufklärende Funktion, die solche Debatten dann wieder haben. Das erinnert dann auch die Jüngeren - und ich meine, 1978, das ist fast 30 Jahre her, waren viele noch gar nicht geboren oder haben nichts mitbekommen, die jetzt gestandene Erwachsene sind -, das erneuert das Reden über den Nationalsozialismus und die Erinnerung daran. Die Filbinger-Akte, das hätte man fast prognostizieren können, die war noch ein Stückweit offen, da war, man merkt es ja jetzt auch an den Reaktionen, an den unterstützenden, die fast alle aus dem Baden-Württembergischen Umfeld kommen, Meyer-Vorfelder, Stratthaus und andere, da war noch ein Stückweit diese Rechnung offen, und dass sein Tod Anlass für diese Runde der Diskussion sein würde, egal welche Rede Oettinger nun hält oder welcher Ministerpräsident sein Nachfolger sein würde, dass sein Tod noch einmal etwas aufrührt, das war fast zu vermuten.

Kaess: Wie soll man jetzt mit diesen Äußerungen von Oettinger umgehen? Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse will, dass er sich entschuldigt. Andere sprechen schon Rücktrittsforderungen aus. Was ist der richtige Umgang damit?

Nolte: Ja, wie soll man damit umgehen? Ich glaube, die Frage fällt inzwischen fast nur noch an Oettinger selber zurück. Er muss schleunigst, und zwar noch im Laufe dieses Wochenendes, etwas unternehmen. Nach meinem Eindruck ist seine Position auch als Ministerpräsident in Baden-Württemberg und in der Partei nicht so gefestigt, dass er sich da viel mehr erlauben könnte, als in die Offensive zu gehen, das klarzustellen, sich zu entschuldigen. Er ist, glaube ich, nicht so stark wie ein Teufel oder Späth und auch nicht so lange im Sattel, um das ansonsten zu verkraften.

Kaess: Noch kurz zum Schluss: Warum passiert es immer wieder, dass sich Politiker auf solche Äußerungen einlassen?

Nolte: Ja, das muss einem ein bisschen ein Stückweit rätselhaft bleiben, in einem solchen Fall wirklich, weil da ja gar nichts missverständlich ist, sondern das einfach nur blödsinnig und falsch ist. Wir haben ja viele Fälle diskutiert, den Fall Jenninger, der ja in seiner Weise ganz anders gelagert war, wo Jenninger sich in seiner Ausdrucksweise auch schlimm vergriffen hat, da irgendwie Ebenen des Erzählens über den Nationalsozialismus durcheinandergebracht hat. Hier handelt es sich wieder um einen anderen Fall. Also das heißt letztlich einfach, dass die Geschichte des Nationalsozialismus uns auch - und dafür steht ja eine solchen Totenrede dann auch symptomatisch - über den Tod der Mitlebenden noch erhalten bleibt und immer wieder diskutiert werden muss.

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