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StartseiteKulturfragen"Wir haben keine Vertrauenskrise gegenüber dem Staat"17.05.2020

Historiker zur Coronakrise"Wir haben keine Vertrauenskrise gegenüber dem Staat"

Anders als vor hundert Jahren sei der Parlamentarismus gegenwärtig nicht in Gefahr, sagte der Neuzeithistoriker Jörn Leonhard im Dlf. Erkennbar seien im Gegenteil die Errungenschaften der stabilen Demokratie. Gefahr bestehe eher für Gesellschaften, die schon zuvor "auf einer autoritären Bahn" waren.

Jörn Leonhard im Gespräch mit Michael Köhler

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Neuzeithistoriker Jörn Leonhard am 10. Januar 2020 in Saarbrücken (imago / Becker&Bredel)
"Die Lösung der Krise wird nicht in der Deglobalisierung liegen", sagte Neuzeithistoriker Jörn Leonhard im Dlf (imago / Becker&Bredel)
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Nicht territoriale Konflikte oder geopolitische Veränderungen haben in den vergangenen Monaten die Welt neu geordnet, sondern ein Virus. Wir leben in einer Art planetaren Weltunordnung. Der ruckartige Lockdown hat Nationen abgeschottet, nach innen und außen. Kontrollen an den Grenzen zu Österreich, der Schweiz und Frankreich, bleiben noch bis Mitte Juni bestehen. Die Grenzübergänge sind ab diesem Wochenende wieder geöffnet. Ist das eine Form von akutem Protektionismus in der vernetzten Welt, eine Rückkehr zum Nationalismus wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

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Der Freiburger Neuzeithistoriker Jörn Leonhard, Spezialist für den Ersten Weltkrieg und die Frage nach dem Scheitern der Demokratie in der Weimarer Republik, widerspricht:

"Das wäre mir zu einfach. Ich glaube, die Abschließung von Grenzen hat im Augenblick viel mit dieser - vielleicht für die ganze Krise - charakteristischen Mischung von rationaler und instinktiver Politik zu tun. Rational, weil wir im Augenblick einfach kontrollieren müssen, aber instinktiv, weil man im Nationalstaat die Kriseninstanz sieht. Ob das lange anhält, glaube ich nicht, weil wir ja sehen, dass das Virus weder Nationalität, noch Klasse, noch Ideologie besitzt. Es setzt sich über alle Raster unsere Welterklärungsmuster hinweg.

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Darin liegt auch ein Teil der Antwort, denn die Lösung dieser Krise wird nicht in der Deglobalisierung liegen, vielleicht auch in bestimmten Lieferketten, die anders organisiert werden. Aber nehmen Sie die globale Suche nach einem Impfstoff. Ich würde insgesamt auf eine Art von komplexem Nebeneinander von Globalität, Deglobalisierung, reaktiver Nationalisierung setzen. Und vergessen wir schließlich nicht den Populismus, den populistischen Nationalismus, den hat's auch früher als Corona gegeben. Da wirkt die Krise eher als Brandbeschleuniger, als Katalysator. Aber sie ist nicht die Ursache von all dem."

"Wir sind in so einer Art fluidem Zwischenzustand"

Auf die Rolle der Weltmächte angesprochen, meint der Historiker, Europa und USA würden sich entkoppeln. Das sei ein Prozess, der schon länger andauere:

"Was wir erleben, ist eine zunehmende Regionalisierung von Weltzentren: die USA, Europa, China, aber auch Schwellenländer wie Indien. In dieser Form der konkurrierenden Weltordnung wird es nicht mehr solche Hegemonien geben, wie wir sie vielleicht aus der Geschichte kennen. Das ist das, was im Augenblick so grell hervortritt." Und er merkte weiter an: "Ich glaube, es ist zu früh, zu sagen wie tief diese Epochenzäsur geht. Epochenzäsuren entstehen aus der Retrospektive, aus dem Rückblick. Da sind wir noch nicht."

Demokratien können scheitern

Nach Restriktionen und Freiheitsentzug kommen nun Rezession und Inflation auf die Deutschen zu. Bundesfinanzminister Olaf Scholz sprach von Steuerausfällen in Höhe von 100 Milliarden Euro. Sind das nicht Anzeichen dafür, dass Autoritarismus an Boden gewinnt?

Die aktuelle Situation ließe sich nicht mit 1918/1919 vergleichen, sagte Leonhard. Wir hätten weder Präsidialkabinette noch einen Maßnahmenstaat. "Wir sehen Korrektive, etwa den deutschen Föderalismus oder die Gerichte oder die öffentlichen Räume, die von den Demonstranten beansprucht werden", meinte der Historiker.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Die Gefahr sieht Leonhard eher in Gesellschaften, die schon zuvor "auf einer autoritären Bahn" waren. Die Frage, warum Demokratien scheitern, bleibe aktuell: "Demokratien sind keine Selbstverständlichkeit", sagte der Historiker.

Kein Vergleich mit der Weimarer Republik

Dagegen sehe man in Deutschland und den meisten europäischen Staaten gegenwärtig die Errungenschaften der stabilen Demokratie. Mit Blick auf die Weimarer Republik und das Scheitern der Demokratie sagte Jörn Leonhard:

"Was wir im Augenblick aber, zumindest in Deutschland und in den meisten Staaten der EU - mit Ausnahmen - nicht erkennen können ist das, was dann am Ende der Zwanzigerjahre exemplarisch in Deutschland passiert, nämlich dass unabhängig von der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise sich weite Teile der politischen, der wirtschaftlichen, der militärischen, der Justiz, der wissenschaftlichen Eliten auf die Suche nach einem System begeben, das nichts mehr mit dem Parlamentarismus zu tun hat. Und das ist der innere Faktor, der diese Demokratie, die parlamentarische Republik, dann wirklich auch in die Krise gebracht hat. Das ist viel wichtiger, mir jedenfalls, als Erklärung, als die Externalisierung der Gründe."

Eine wachsende Abwendung vom Parlamentarismus wie damals in der Weimarer Republik sehe er aktuell nicht. Im Moment ließe sich im Gegenteil eine Art "Keine Experimente"-Politik ausmachen: "Wir haben keine Vertrauenskrise gegenüber dem Staat. Wir haben ein starkes Bewusstsein für demokratische Grundrechte."

Erinnerungspolitische Fieberkurven

Zu den Geschichtsdebatten der vergangenen Jahre befragt, sagte der Historiker: Geschichtsdebatten seien immer "Fieberkurven einer anstrengenden Selbstverständigung" gewesen. Leonhard erinnerte an die Fischer-Kontroverse der Sechzigerjahre über Hegemonialpolitik im Kaiserreich, den Historikerstreit, die Walser-Bubis Debatte, die Hohenzollerndebatte, das Berliner Schloss oder die Antisemitismus-Debatte in wissenschaftlichen Diskussionen.

Es gebe ein starkes Bewusstsein für die Katastrophengeschichte in Deutschland. Aber das gewohnte "Eindämmungsargument gerät unter Druck". An Deutschland würden höhere Ansprüche gestellt. Gleichwohl lasse sich beobachten, dass sich in geschichtspolitischen Debatten "die Sagbarkeitsregeln" geändert hätten und rote Linien überschritten würden.

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