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StartseiteKalenderblatt"Hitler ist doch eigentlich ein patriotischer und famoser Kerl"02.08.2009

"Hitler ist doch eigentlich ein patriotischer und famoser Kerl"

Der Tod Paul von Hindenburgs jährt sich heute zum 75. Mal

Er war ein Militarist und ebnete Hitler den Weg an die Macht. Auch heute sind Hindenburgs Spuren noch allgegenwärtig: In zahlreichen deutschen Städten tragen Straßen und Plätze seinen Namen.

von Ulrich Breitbach

Paul von Hindenburg (1847-1932) im Jahr 1922 (AP Archiv)
Paul von Hindenburg (1847-1932) im Jahr 1922 (AP Archiv)

"Wir haben dem übermächtigen Ansturm unserer Gegner mit Gottes Hilfe durch deutsche Kraft widerstanden, weil wir einig waren, weil jeder freudig alles gab. So muss es bleiben bis zum letzten 'Nun danket alle Gott' auf blutiger Walstatt. Die Muskeln gestrafft, die Nerven gespannt, die Augen geradeaus. Wir sehen das Ziel vor uns: Ein Deutschland hoch in Ehren, frei und groß. Gott wird auch weiter mit uns sein."

Das Deutsche Reich hatte den Ersten Weltkrieg maßgeblich mit angezettelt und inzwischen so gut wie verloren, als Paul von Hindenburg im Herbst 1917 diese Durchhalteparolen formulierte. Er war Generalfeldmarschall und Chef der Obersten Heeresleitung - der starke Mann Deutschlands, der an Einfluss selbst den Kaiser übertraf. Einem Großteil der Deutschen war er längst zum Mythos geworden: gegen alle Vernunft schien er den Sieg zu verbürgen. Hindenburg verdankte seinen legendären Ruf der Schlacht von Tannenberg, in der im August 1914 eine russische Armee in Ostpreußen vernichtend geschlagen worden war. Es war ein unverdienter Ruf. Die militärische Planung hatte er ganz seinem Generalstab überlassen und die Schlacht buchstäblich verschlafen. Das hinderte die Propaganda nicht, ihn zum unbezwingbaren Helden zu stilisieren. Sie legte so die Grundlage für eine verhängnisvolle Karriere, die sich auch nach dem Untergang des Kaiserreiches fortsetzte. Die Schuld für den militärischen Zusammenbruch Deutschlands im Herbst 1918 schob Hindenburg gegen alle Tatsachen der Novemberrevolution in die Schuhe. Sie sei der eigentlich siegreichen Armee in den Rücken gefallen. Vor einem Untersuchungsausschuss des Reichstages erklärte er:

"Unsere Forderung, strenge Zucht und strenge Handhabung der Gesetze durchzuführen, wurde nicht erfüllt. Die Revolution bildete den Schlussstein. Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden."

Hindenburg war Monarchist und Gegner der Demokratie. Soziale Konflikte waren ihm ebenso ein Gräuel wie parlamentarischer Streit. Aber er war auch Pragmatiker, der sich veränderten Machtverhältnissen anzupassen verstand. So stellte er sich nach dem Krieg in den Dienst der republikanischen Regierung. Sein eigentliches Ziel - die Wiederherstellung autoritärer Herrschaftsverhältnisse - verlor er gleichwohl nicht aus den Augen. Ab 1925 saß er als vom Volk direkt gewählter Reichpräsident im Zentrum der Macht der Weimarer Republik. Er berief und entließ den Reichskanzler und die Minister, war befugt, den Reichstag aufzulösen und konnte die Regierung ermächtigen, Gesetze zeitweise ohne das Parlament zu erlassen. Während der Weltwirtschaftskrise unterstützte er eine Politik rigoroser Sparmaßnahmen, die tief in Tarifverträge und Sozialleistungen einschnitt. Als Erstes stürzten die Arbeitslosen ins Elend. Von präsidialen Phrasen wurden sie nicht satt:

"Ich bin mir voll bewusst, welche gewaltigen Opfer von jedem von uns verlangt werden, damit wir es versuchen können, durch eigene Kraft die gegenwärtige Notzeit zu überwinden. Unwillkürlich denke ich zurück an Tannenberg. Unsere Lage war damals gleichfalls schwierig. Gott hat Deutschland schon oft aus tiefer Not errettet. Er wird uns auch jetzt nicht verlassen."

Da hatte der rasante Aufstieg der Nazis bereits begonnen. Hindenburg waren sie zunächst suspekt, zu plebejisch, zu unberechenbar. Doch im Laufe des Jahres 1932 kam er zu der Einschätzung:

"Bei allem Ungeklärten steckt doch in der nationalsozialistischen Bewegung ein starkes nationales Gefühl. Hitler ist doch eigentlich ein patriotischer und famoser Kerl."

Am 30. Januar 1933 ernannte er diesen "famosen Kerl" zum Reichskanzler. Der über Deutschland hereinbrechende Terror, das Verbot von Parteien und Gewerkschaften, die Errichtung der Diktatur, all das fand seine Billigung. Selbst die Ermordung früherer enger Mitarbeiter nahm er ungerührt zur Kenntnis. Als Hindenburg am 2. August 1934 im 87. Lebensjahr starb, dankten es ihm die Nazis mit einem pompösen Staatsbegräbnis. Und Goebbels verkündete:

"Das Amt des Reichspräsidenten wird mit dem des Reichskanzlers vereinigt. Infolgedessen gehen die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler über."

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