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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenViren der globalen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung07.05.2020

HIV und CoronaViren der globalen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung

Über 30 Millionen Infizierte starben bisher an den Folgen eine HIV-Infektion. Dieses Virus ist nach fast 40 Jahren insbesondere im Globalen Süden noch nicht besiegt. HIV ist ein völlig anderes Virus als SARS-CoV-2. Doch mit Blick auf die soziale Dimension scheinen Ähnlichkeiten ans Licht zu kommen.

Von Tereza Bora

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( Imago | Pacific Press Agency)
Die Rote Schleife ist weltweit ein Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken ( Imago | Pacific Press Agency)
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Fernsehen, Radio und Zeitungen der 1980er Jahre hatten ein Dauerthema: Aids. Die durch HIV ausgelöste Immunkrankheit forderte zunächst vor allem in den USA massenhaft Todesopfer. 1981 wurden dort die ersten Fälle der Krankheit beschrieben, die sich daraufhin weltweit verbreitete - Aids wurde zur Pandemie:

"Aids – Horrorkürzel für die schlimmste Seuche unserer Zeit" "Das Entsetzen hat Mühe, mit der galoppierenden Apokalypse Schritt zu halten." "Wenn Nachbarn durchdrehen – Angst vor Aids macht aggressiv"

Medialisierung von Angst

Mitte der Achtziger erfolgte die Berichterstattung über HIV und Aids über klassische Massenmedien, erklärt Brigitte Weingart, Professorin für Medientheorie an der Universität der Künste in Berlin:

"Das steht in keinem Vergleich zu der Corona-Berichterstattung auf allen Kanälen, die wir jetzt erleben. Also, es gab natürlich keine HIV-Ticker auf tagesschau.de, und keine Social Media Debatte. Und nichtsdestotrotz hat man auch zu diesem Zeitpunkt, also Anfang der Achtziger, schon von einer Medienhysterie gesprochen."

Ein junger Mann führt am 04.05.2017 in Berlin einen HIV-Heimtest durch (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)HIV-Heimtest (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)Aids-Prävention - "Ärzte bieten HIV-Tests noch zu wenig aktiv an"
Viele Menschen verbänden HIV irrtümlich mit schwerer Krankheit und Tod, sagte Clara Lehmann von der Infektionsambulanz der Uniklinik Köln im Dlf. Dabei lasse sich die Infektion sehr gut behandeln. Ein HIV-Test müsse eine völlig normale Untersuchung werden, die man jedem anbietet.

Drastische Titelbilder und dramatisierende Formulierungen mancher, nicht aller Medienberichte von damals, scheinen das Motiv der Angst einzubinden, so Doktor Magdalena Beljan, Historikerin und Geschlechterforscherin an der TU-Berlin:

"Die Parallele ist wieder diese Medialisierung auch von Angst. Beziehungsweise ganz oft eben nicht Angst selbst, sondern die Abwesenheit von Angst. Also, wenn sich Menschen darüber aufregen, dass andere sich nicht an die Ausgangsbeschränkungen halten oder an die Kontaktbeschränkung, dann ist es ganz schnell der Vorwurf, die haben nicht genügend Angst, die müssen erst mal selber krank werden, dann werden die schon daraus lernen."

Verschwörungstheorien und Ursprungsmythen

Sowohl in den Anfangsjahren von HIV in den 1980er Jahren als auch in der aktuellen Corona-Pandemie lässt sich eine gesellschaftliche Verunsicherung feststellen. Insbesondere, wenn das entsprechende Virus noch nicht gänzlich erforscht ist, wimmelt es von Ursprungsmythen und nichtwissenschaftlichen Erklärungen. Verschwörungstheorien rund um HIV gab es ebenso wie heute über Corona. Brigitte Weingart:

"Der Ursprung von Viren wird ja gerne im dunklen Kontinent lokalisiert, wo man seltsame Sexpraktiken und womöglich mit Tieren und Essgewohnheiten, Rituale praktiziert, bei denen dann eben solche Dinge zustande kommen. Das gab’s natürlich auch bei HIV. Was uns jetzt bei Corona wieder begegnet, ist die Zuschreibung der Ursprungsmythos Biowaffenlabor. HIV ist ja unter Bedingungen des Kalten Kriegs aufgekommen. Da wurde das wahlweise sozusagen den Sowjets oder den USA zugeschrieben, dieses Virus in den Laboren ausgeheckt zu haben."

Auch über Corona kursieren Versionen, in denen das Virus als chinesische Biowaffe künstlich hergestellt worden sein soll. Neben verschwörungstheoretischen Erklärungen zum Ursprung der Viren gab und gibt es auch prominente Verleugner. Ronald Reagan, in den 1980er Jahren US-Präsident, ignorierte die Immunkrankheit Aids vier Jahre, bevor er sie öffentlich erwähnte. Heute, während der Coronakrise, gibt es ebenfalls verleugnende Multiplikatoren.

Der schon häufig in die öffentliche Kritik geratene Soulsänger Xavier Naidoo bestreitet die Existenz des Virus gänzlich.Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro verharmlost COVID-19 vehement. Auch irreführende Bezeichnungen prägen die öffentliche Wahrnehmung. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hatte das neuartige Coronavirus zunächst als China-Virus bezeichnet.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Diskriminierung und Rassismus 

Auch Aids wurde in der Anfangszeit begrifflich auf eine bestimmte Gruppe projiziert. Bevor sich das Wort Aids etabliert hatte, hieß die Krankheit Grid – aufgrund der Anfangsbuchstaben von Gay Related Immune Deficiency. Auf Deutsch kursierte auch die Bezeichnung "Schwulenpest". Betroffene Infizierte litten unter gesellschaftlicher Ausgrenzung:

"Ihr seid schwul, ihr habt euch angesteckt. Und damit werden wir doch schon wieder abgestempelt. Das ist scheiße. Totale Scheiße. Wir sind genauso Menschen wie die Bluter."

"Es ist ja nicht nur schlimm, dass wir mit so einer tödlichen Krankheit leben, sondern auch die ganze Ablehnung wo man dann von seinen Mitmenschen zu spüren kriegt, das ist ja noch viel schlimmer!"

In Deutschland wurde die Gruppe der Homosexuellen massiv diskriminiert, in der Gesellschaft, aber auch in Massenmedien wie etwa dem Spiegel, der laut Magdalena Beljan suggerierte, dass schwule Männer schuld an der HIV-Pandemie gewesen seien:

"Es ging immer darum zu sagen, bestimmte Leute sollten Angst haben. Aber sie haben keine Angst, und sie sind so verantwortungslos. Und sie sind eigentlich schuld, dass sich Aids so verbreitet."

Mediale Stigmatisierung

Heute findet eine solche Schuldzuweisung gegenüber Asiaten oder asiatisch-Aussehenden statt. Die Diskriminierung einzelner Personengruppen in der aktuellen Coronakrise ähnele durchaus der damaligen Situation rund um HIV, bemerkt Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit dem Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg:

"Im Vergleich ist zu sagen, dass man sehr schnell eben die Verantwortung für beide Pandemien bestimmten Gruppen zugeschoben hat, nämlich zu sagen es sind ausländische Viren. Also man hat ja die Debatte, COVID ist ein chinesischer Virus. Man hatte dann bei HIV/Aids zu sagen, es ist ein afrikanischer Virus. Er käme eigentlich aus Afrika, mit diesen ganzen rassistischen Vorstellungen, die eigentlich dort verbunden werden."

Dieser Rassismus war auch in Medienberichten der 1980er Jahre erkennbar:

"Die Aids-Viren entwickeln ihre Virulenzen nur in einem günstigen Umfeld - und günstig das heißt extrem häufiger Partnerwechsel in breiten Bevölkerungskreisen, Gebrauch von unsterilen Injektionsnadeln, zum Beispiel bei Prostituierten, weite Verbreitung von Syphillis und parasitären Krankheiten. Das sind alles spezifisch afrikanische Faktoren."

So etwa wurde die afrikanische Bevölkerung medial stigmatisiert.

"Mich schockiert eigentlich, wie unfähig wir als Gesellschaft sind und eben auch im öffentlichen Diskurs, tatsächlich globale Dimensionen von Problemen zu denken und zu erkennen."

Krankheiten des Globalen Südens

Jürgen Zimmerer vertritt die Position, die ohnehin schwache internationale Solidarisierung sei durch die Ausbreitung des Coronavirus zusammengebrochen. Melissa Fleming, UN-Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation, betont in einem ZDF-Interview die fatalen Gefahren der Coronakrise für wirtschaftsschwache Länder:

"Somalia hat kein einziges Beatmungsgerät, es gibt andere Länder, die vielleicht drei oder vier haben, es wird eine Katastrophe sein."

Auch die medizinische Versorgung gegen Aids ist nicht flächendeckend gesichert. Nur etwa die Hälfte der knapp 38 Millionen HIV-Infizierten weltweit hat Zugang zu antiretroviralen Medikamenten, die das Virus im Körper kontrollieren. Dass sich Infizierte die Therapie nicht leisten können, ist verstärkt ein Problem des Globalen Südens.

Dies habe laut Jürgen Zimmerer mit fehlendem Wohlstand und mangelhaftem Gesundheitssystem zu tun. Sobald die Medizin einen Impfstoff gegen Corona entwickelt haben wird, könnten die Chancen gegen COVID-19 global ähnlich verteilt sein, wie heute der Zugang zu den Medikamenten gegen Aids, prognostiziert Zimmerer:

"Wenn der Impfstoff da ist, wird auch hier natürlich zunächst einmal dort geliefert, wer bezahlen kann und Länder, die jetzt schon nicht durchsetzen können, dass sie eigentlich sauberes Trinkwasser bekommen, dass sie Anteil bekommen an der Weltwirtschaft, fairen Handel et cetera, die werden auch nicht durchsetzen können, in der ersten und zweiten Phase, dass sie an diesen Impfstoff kommen."

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Verlierer der Coronakrise

Nicht nur die Gefahr des Virus, sondern auch die künftigen wirtschaftlichen Auswirkungen, seien für arme Länder verheerend, so Melissa Fleming:

"Wenn ein Tag Einkommen fehlt, droht der Hunger. Eine Hungerkatastrophe ist fast schon da. Laut unserer Zahlen gibt es Hunderttausende Menschen in der Entwicklungswelt, die jetzt schon große Angst haben, das Virus nicht zu überleben. Nicht, weil sie krank werden, sondern weil sie kein Geld mehr haben."

Unter dem Aspekt der globalen Chancenverteilung scheint sich laut Zimmerer abzuzeichnen, dass die großen Verlierer der Coronakrise, ähnlich wie bei der HIV-Pandemie, jenseits der Industrienationen zu verorten sind.

"Das Große ist natürlich eben dieses Alleinlassen des Globalen Südens mit der HIV-Epidemie. Ich prognostiziere, dass das ähnlich sein wird bei COVID-19. Aber das können wir jetzt noch nicht wissen. Es deutet nur vieles darauf hin."

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