Mittwoch, 08.04.2020
 
Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteEuropa heuteHochburg der Kriminalität18.09.2006

Hochburg der Kriminalität

Im Kosovo blüht die Korruption

Wer im Kosovo Erfolg haben will, muss zum richtigen Clan gehören. Familiebande und Beziehungen zählen hier oft mehr als berufliche Qualifikation. Und auch in den Reihen der UN-Verwaltung gibt es offenbar einige Mitarbeiter, die während ihrer zivilen Mission im Kosovo in die eigene Tasche wirtschaften. Thomas Franke berichtet von dort.

Zwei arbeitslose Kosovo-Albaner warten in Pristina auf Arbeit. (AP)
Zwei arbeitslose Kosovo-Albaner warten in Pristina auf Arbeit. (AP)

Fatmir Berisha zündet sich eine neue Zigarette an und lehnt sich in seinem Stuhl auf der Hotelterrasse zurück. Es ist ruhig geworden an diesem Abend in Peja im Westen des Kosovo. In einer Stunde wird Fatmir Berishas Schicht an der Hotelrezeption zu Ende sein. Die Arbeit sei nicht schlecht, sagt er, aber lieber würde er für eine der internationalen Organisationen oder ein Unternehmen aus dem Westen arbeiten. Die zahlen sehr viel besser.

"Ich habe mich alleine vier Mal bei einer österreichischen Bank beworben. Jedes Mal bin ich zum Gespräch eingeladen worden und jedes Mal bin ich in der letzten Runde gescheitert. Da habe ich mich gefragt, woran das liegen könnte. Von Leuten, die für diese Bank arbeiten, habe ich erfahren, dass man jemanden in der Firma kennen muss, um die Position zu bekommen, für die man sich beworben hat. Ein Freund von mir hat mir erzählt, dass er seinen Job auf genau diese Weise gekriegt hat. Und das ist offenbar nicht nur bei den lokalen Firmen so, sondern auch bei den internationalen Organisationen."

Fatmir Berisha trägt ein blau-weiss-gestreiftes Hemd und eine modische Brille mit dunklem Rand. Der Endzwanziger hat vier Jahre lang in London gelebt und spricht sehr gut Englisch. Vor drei Jahren ist er in das Kosovo zurückgekehrt. Berisha ist nicht sein richtiger Name. Wer über Korruption spricht, ist besser vorsichtig, denn die Gesellschaft des Kosovo ist praktisch vollständig auf Beziehungsnetzwerken aufgebaut.

Familien- und Clanzugehörigkeit, das Gewähren wechselseitiger Vorteile zählen meist mehr als Qualifikation oder die Orientierung am Gemeinwohl. Ein Grund dafür ist, dass die Albaner in den neunziger Jahren keinen Zugang zum staatlichen Sozialsystem in Jugoslawien mehr hatten,war es dringend nötig, parallele Strukturen aufzubauen. Hinzu kommt, dass im Kosovo mehrere zehntausend Angestellte der Vereinten Nationen arbeiten.

"Die UN-Verwaltung ist ja selbst korrupt, die sollten sich erst mal selbst reformieren, bevor sie anderen erzählen, was die tun sollen. Die UNO hat hier so viele Projekte in unterschiedlichen Gebieten, jeder hat Zugriff auf Gelder und die Leute, die das Geld verwalten, wissen schon, wie das Spiel läuft. Ich würde vorschlagen, dass Kofi Annan selbst mal herkommt und sich das Ganze anschaut."

Tatsächlich sind mehrere Fälle von Unterschlagungen durch Mitarbeiter internationaler Organisationen bekannt geworden, darunter ein Deutscher. Kenner des Kosovo und der UNO-Verwaltung gehen davon aus, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Grundsätzlich sei es so, dass bei jedem einzelnen Projekt, ein bestimmter Prozentsatz in anderen Taschen lande. Außerdem würde nahezu alle Politiker eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen.

Das Büro der PDK, der Demokratischen Partei, in Peja. Hier ist der Ursprungsort der UCK, der albanischen Untergrundarmee. Auch Adem Grabovci zählte damals zu den Führern der UCK. Adem Grabovci ist 46 Jahre alt. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte der PDK saß als Minister bereits zwei Mal in der Regierung in Pristina. Derzeit ist seine Partei in der Opposition.

"Wir wollen die Kriminalität bekämpfen, deshalb sammeln wir Informationen und geben sie an die UNO-Verwaltung weiter. Wir fordern das Parlament des Kosovo auf, eine Kommission einzurichten, die diese Dinge verfolgt. Nur dann können die Verantwortlichen verhaftet und verurteilt werden."

Die Hauptverantwortung, das durchzusetzen, sieht Grabovci bei den internationalen Organisationen. Die sehen das aber ganz anders. Wenn nach Abschluss der Verhandlungen in Wien demnächst ein Status für die Provinz gefunden wird, wird die UNO sich zurückziehen. Die EU wird dann die Führung im Kosovo übernehmen. Der Däne Casper Klynge sitzt mit einem kleinen Team seit einigen Monaten in einem Vorort von Pristina, um diese Übernahme vorzubereiten. Die Clanstrukturen im Kosovo begünstigen organisierte Kriminalität. Damit fertig zu werden, wird eines der Hauptprobleme in den nächsten Jahren.

"Am Ende ist es am besten, wenn die hier Verantwortlichen selbst den Willen und die Fähigkeit haben, um organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Das ist ein Bereich, in dem die EU sehr bemüht ist, Strukturen aufzubauen und praktisches Wissen zu vermitteln, so dass am Ende die Behörden vor Ort in der Lage sind Verbrecher zu verfolgen und auch rechtskräftig zu verurteilen. Dies ist langfristig die einzige Strategie die wirkt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk