Donnerstag, 19. Mai 2022

Archiv

Hochschulen
Gründen boomt unter Akademikern

Firmengründungen aus Hochschulen heraus sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin und Brandenburg.

Von Philip Banse | 22.10.2014

"Das ist ein Programm, mit dem du Klavier lernen kannst. Das Programm hört dir dabei zu, kann dir sagen, ob du richtig spielst und kann sich auch deinem Spieltempo anpassen. "
Der neunjährige Tim spielt Beethovens Ode an die Freunde. Auf dem Klavier steht ein Notebook, im Browser ziehen unten die Noten vorbei, laufen erst weiter, wenn Tim richtig spielt; darüber zeigt eine Hand, welche Taste zu drücken ist.
" Ja, super! Das klappt doch."
"Es ist nicht einfach, aber es geht, eigentlich. Wenn man es mehrmals macht, funktioniert es irgendwann."
Jonas Gößling freut sich über das Feedback des Jungen. Hobby-Pianist Gößling hat die TU Berlin als Wirtschaftsingenieur verlassen und vor zwei Jahren Flowkey gegründet, ein Anwendung für Browser, mit der man Klavier lernen kann - für 10-20 Euro im Monat. Über 5000 Menschen sind schon angemeldet, sagt Gößling, die Firma hat sieben Mitarbeiter, es läuft – auch dank der Unterstützung durch die TU Berlin.
"Wir haben uns mit Hilfe der Hochschule für Exist beworben, das ist eine Förderung, die man bekommen kann, die ist auch sehr schwer zu bekommen. Die haben uns dabei unterstützt, diesen Antrag zu stellen, haben uns ein Netzwerk vermittelt. Ohne die TU Berlin wären wir nicht da, wo wir heute sind, weil die uns eine richtig gute Starthilfe gegeben haben. "
Firmengründungen wie diese, aus Hochschulen heraus sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor auch für Berlin und Brandenburg. Das unterstreicht eine gemeinsame, nicht repräsentative Umfrage von zehn Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Sie haben knapp 800 Existenzgründer befragt, die aus diesen zehn Hochschulen kommen oder deren Know-how genutzt haben.
Ergebnis: Im vergangenen Jahr beschäftigten diese Unternehmen rund 17.000 Menschen. Der Umsatz lag bei 1,7 Milliarden Euro. Das sei fast so viel wie Berlin und Brandenburg pro Jahr in den Hochschulbereich investierten, freut sich die TU Berlin.
Das Steuergeld sei also gut angelegt, sagt Agnes von Matuschka. Sie hilft Akademikern an der TU Berlin ihre Geschäftsideen zu formulieren, Förderanträge zu schreiben; sie bietet Kontakte, ein Netzwerk und Büroräume für zwölf Monate. Pro Jahr begleitet Agnes von Matuschka 50 Gründerteams, 20 gründen nach 12 Monaten ihre eigene Firma. Gründen boomt unter Akademikern, sagt Agnes von Matuschka: "Das Interesse ist momentan sehr, sehr groß. Ich denke, das kommt durch die Gründer-Metropole Berlin, das wirkt ganz stark.
Jeder spricht, die Presse spricht, es ist in den Medien, das kommt bei den Studierenden und Wissenschaftlern an und sie denken drüber nach: Will ich zu Siemens? Zu Daimler? Oder kann es mir nicht vorstellen, auch selbst mein Chef zu sein. "Wir sind Akademia. Wir haben das Bildungsprogramm Gemüseakademie, womit wir Kinder und Jugendliche wieder näher an das Thema Nahrungsmittel, gesunde Ernährung und Wertschätzung ran bringen wollen."
Christoph Schmitz hat Agrarwissenschaft und VWL studiert, am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung promoviert und gesehen: Gesund Ernähren, nachhaltig Wirtschaften, das muss in der Schule beginnen. Seine Unternehmung Akademia berät Schulen gegen Geld bei der Gründung von Schulgärten. "Wo kriegt man die Jungpflanzen her? Das Bewässerungssystem? Wie ist eine vernünftige Fruchtfolge? Wie setzt man dieses Schulgarten-Konzept in die Praxis um?"
Bisher sind 20 Schulen interessiert, es laufe gut. Auch Akademia hat eine Förderung bekommen über Exist, ein Programm des Bundeswirtschaftsministeriums speziell für Hochschul-Ausgründungen. Die Uni Potsdam habe vor allem mit betriebswirtschaftlicher Beratung und Businessplan geholfen. Allerdings fordert Christoph Schmitz, besser über mögliche Förderungen zu informieren: "Nur durch einen Zufall bin ich an dieses Programm gekommen, das war ein großes Glück für uns, aber hätte es diesen Zufall nicht gegeben, wäre es sehr schade gewesen, dass diese Idee wahrscheinlich nicht in die Gründung gegangen wäre. "