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StartseiteKultur heuteHöchst intelligenter Spaß03.12.2011

Höchst intelligenter Spaß

Friederike Heller inszeniert "Candide" nach Voltaire am Münchner Residenztheater

Inmitten von Naturkatastrophen und Kriegen veröffentlichte Voltaire 1759 seinen berühmtesten Roman "Candide" und verlachte darin die Schönredner, die sich hartnäckig an den Glauben klammern, dass doch alles gut werde. Friederike Heller hat das Stück gekonnt ins Hier und Heute versetzt.

Von Rosemarie Bölts

Friederike Heller und ihr Dramaturg verstehen es wunderbar, den Urtext in unsere Alltagssprache umzusetzen, ohne Voltaire zu verlassen. (picture alliance / dpa)
Friederike Heller und ihr Dramaturg verstehen es wunderbar, den Urtext in unsere Alltagssprache umzusetzen, ohne Voltaire zu verlassen. (picture alliance / dpa)

Schöne neue Plastikwelt! An über fünfzig Schnüren hängen quietschbunte Plastikteile vom Bühnenhimmel. Eimer, Schüssel, Schaufel, was man so hat in Küche und Kinderzimmer. Hier und heute. Plastik, Konsum, Scheinwelten eben. Ansonsten ist die Bühne leer, frei für Assoziationen und Interpretationen, die aus Voltaires "Candide" von 1759 zitiert werden:

"Es war einmal in Westfalen, im Schlosse des Baron von Thundern-den-Tronckh ein junger Mann, dem die Natur das sanfteste Gemüt verliehen hatte. Seine Seele sprach aus seiner Miene. Er war rechtschaffenen Sinnes und hatte einen ziemlich beschränkten Verstand. Deswegen nannte man ihn, glaube ich - Candide. – Candide. – Candide. Der Herr Baron war einer der mächtigsten Männer Westfalens, die Frau Baronin wog ungefähr 350 Pfund. Ihre Tochter Kunigunde war 17 Jahre alt, rotbackig, frisch, fest und verlockend."

Die Geschichte ist bekannt. Der unbedarfte Candide wird, weil mit Kunigunde in flagranti erwischt, aus dem Schloss geschmissen und durch die Welt gejagt, wo sein unverbesserlicher Optimismus auf harte Proben gestellt wird.
Erst gerät er in die kriegerischen Hände bulgarischer Soldaten. Dann erlebt er das Erdbeben von Lissabon – wo die schöne, bunte Plastikwelt zusammenkracht -, sucht – "o beste aller Welten, wo bist du'" – und findet in Paraguay das "Paradies". Weil das Paradies aber so langweilig ist, geht's mit Gold und Geld bewaffnet wieder zurück. Er landet schließlich in Konstantinopel, findet dort – endlich – seinen Schwarm Kunigunde wieder, heiratet sie, der Gute, obwohl sie doch geschändet, verstümmelt und hässlich geworden ist. Und irgendwie irgendwo, wahrscheinlich im Westfälischen, leben sie mit ihren Getreuen: dem Klugscheißer Pangloss mit Brille, rotem Schal und Pudelmütze, der permanent die Welt schön redet, dem Diener Cacambo, und der Alten, die als Zofe und Erzählerin fungiert, in Frieden und Harmonie auf einem Bauernhof und bauen Kohl an. Oder so ähnlich. Bis das nächste Unglück kommt.

"Die Liebe war's! Die liebe, die die Trost aufs ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfasst und erhält! Sie, der Lebensquell aller Geschöpfe. Sie, die Liebe, der stärkste aller Aspekte!"

Modern ist diese Bühnenfassung nicht nur, weil die Berliner "Indie"-Band "Kante" live ordentlich auf die Pauke haut und ins Saxophon dröhnt, und Sebastian Blomberg als Candide dazu wie Mick Jagger röhrt und rockt und überhaupt einen fulminanten Tour-de-Force-Ritt abzieht. Der Zeitensprung ins Hier und Heute wird auch durch die moderne Alltagskluft und das Gehabe der fünf Protagonisten ausgestellt. Und die Videobespielung – sozusagen um den Globus Bühne – mit historischen Schlachtengemälden und rassistischen Neger-Kolonialbildchen für Kakao und Schokolade holt den Ewigkeitswert von Voltaires beißender Satire kräftig ins Bewusstsein, hier und heute. Die Regisseurin Friederike Heller und ihr Dramaturg Andreas Karlaganis verstehen es wunderbar, den Urtext in unsere beiläufige Alltagssprache umzusetzen, ohne Voltaire zu verlassen. Sie sind Gottlob auch nicht dem aktuell üblichen Reflex erlegen, aus der Vorgabe eine Klamotte auf die verpestete Finanzwelt zu drehen. Stattdessen emanzipieren sie die Figuren, manchmal schnoddrig, manchmal bissig, immer entlarvend, und in der Inszenierung unendlich: locker.
Vorhang war gestern. Hier und heute ist höchst intelligenter, jawohl, Spaß angesagt, frei durchtrieben. Und das Beste am Schluss: Friederike Heller walzt nicht – wie etliche ihrer hochgeschriebenen Kollegen - ihre Regieeinfälle bis zur zappeligen Aufgeregtheit auf ewig in die Nacht hinaus, sondern kommt in einem perfekten Timing in eineinhalb kurzweiligen Stunden zu einem umwerfenden Ergebnis. Alles ist gut.

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