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StartseiteInformationen am Morgen"Eine Überforderung der Gesellschaft im Ganzen"30.08.2018

Hörerwelten"Eine Überforderung der Gesellschaft im Ganzen"

Ein Deutschlandfunk-Hörer aus Buxtehude berichtet über laute Jugendliche in seiner Nachbarschaft. Die Polizei sei überfordert, sagt er. Auch über Asylbewerber regt sich der Mann auf. Ein Besuch vor Ort.

Von Axel Schröder

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Schüler an einem Gymnasium sitzen nebeneinander auf einer Tischtennis-Platte.  (dpa/Frank Rumpenhorst)
Der Hörer aus Buxtehude stört sich an lärmenden Jugendlichen in seiner Nachbarschaft (Symbolbild) (dpa/Frank Rumpenhorst)
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Wolfgang Ahrens wohnt nicht weit vom historischen Buxtehuder Stadtzentrum entfernt, in einer ruhigen Seitenstraße. Das Haus mit dem spitzen Giebel hat er von seinen Eltern geerbt und sehr viel Geld in den Ausbau des Dachgeschosses gesteckt.

"Wollen Sie irgendwas trinken?"

"Wasser."

"Kalten Tee habe ich auch!"

Licht flutet durch die neuen Dachfenster ins Wohnzimmer, auf den langen Tisch, die modernen, knallbunten Bilder an den Wänden. Wolfgang Ahrens trägt Poloshirt, Jeans und Turnschuhe. Sein Geld verdient er in der Hotelbranche. Mitte Juni wandte er sich per Mail an den Deutschlandfunk, schlug Alarm und kritisierte eine in seinen Augen allzu einseitige Berichterstattung. Die Probleme von Menschen wie ihm würden oft unter den Teppich gekehrt, findet Ahrens, öffnet eines der Fenster im Schlafzimmer, zeigt rüber auf das Schulgelände auf der anderen Straßenseite:

"Da hinter dem Baum ist eine Sporthalle. Da ist das Schulgebäude, Hauptgebäude und hier vorne ist ein Pavillon. Bildet ein ‚U‘. Das Gute für die Freaks ist dann: nicht einsehbar von der Straße. Da fühlt man sich geschützt. Und das Theater geht dann so ab fünf Uhr los. Da interessiert mich das dann noch nicht. Um zwölf gehe ich ins Bett und nach zwölf wird es dann halt doof. Weil die Schreie und die Lautstärke auch noch durch das Profil der Gebäudearchitektur verstärkt wird."

"Und was treiben die denn da?"

"Saufen, kiffen und sich unterhalten. Da habe ich eigentlich auch nichts gegen, wenn die das in einer normalen Lautstärke tun würden. Haben wir ja früher auch gemacht. Gesoffen, nicht in der Öffentlichkeit, aber auch. Eben in der Natur oder sonst was. Und hier ist das Problem: Die Polizei kommt vorbei, stellt aber keine Personalien fest. Das heißt, die kommen am nächsten Tag wieder. Interessiert keinen. Weil nichts passiert."

Türkische, arabische und deutsche Jugendliche wären dabei, erzählt Wolfgang Ahrens. Früher hätte der Hausmeister der Schule vor Ort gewohnt und sich gekümmert, heute fehle diese Kontrolle. Er schließt das Fenster, setzt sich wieder an den Tisch im Wohnzimmer.

Die Buxtehuder Polizei sei überfordert, glaubt Wolfgang Ahrens. Genauso wie in Hamburg, wo nach seinen Erkenntnissen längst nicht mehr jeder Ladendiebstahl verfolgt wird: "Ich habe ja zwei Bekannte in Sicherheitsdiensten in Hamburg. Und die sagen eben halt, dass die Hamburger Polizei die Ladendiebstähle von Asylanten auch nicht aufnimmt. Nach dem Motto: Da ist nichts zu holen. Oder auf Weisung. Weiß ich nicht."

"Werde ich dann rassistisch?"

Und diese Asylanten, so Ahrens, würden sich deshalb über den Rechtsstaat kaputtlachen und einfach weitermachen. Natürlich finde er Rassismus schlimm, aber die Frage sei doch, wie der entstehe: "Warum haben wir den Rassismus zu beklagen? Vielleicht werde ich auch rassistisch, wenn mir sowas wie da drüben passiert, dass ich ständig mit Lärmbelästigung von einer ganz besonderen Provenienz bedampft werde? Werde ich dann rassistisch? Ich hoffe nicht. Aber vielleicht doch."

Das liege dann aber nicht an ihm, sondern an den "Zugezogenen" und an den vielen anderen aktuellen Debatten: "Das ist eben eine Problematik, die, glaube ich, nicht nur die Gründe zu suchen hat im Problem der Zuwanderung, sondern einer Überforderung der Gesellschaft im Allgemeinen. Antidiskriminierung, Gender-Gesetz, die 'metoo'-Debatte… Ja, was soll noch kommen. Ich denke, da schaltet man dann auch ab. Man hat keinen Bock mehr."

Robert Schlimm ist Erster Polizeihauptkommissar und leitet die Buxtehuder Dienststelle. Er weiß zwar von einzelnen Beschwerden wegen des Treffpunkts auf dem Schulhof vor Wolfgang Ahrens Haustür. Dass es dort aber größere Probleme gebe, sei nicht bekannt.

Vor ihm ausgebreitet liegt ein Faltplan der Stadt, von Wolfgang Ahrens Wohngegend: "Wenn das so allgemeine Hinweise sind, nehmen wir die auf, geben die runter in den Einsatz- und Streifendienst und die nehmen das mit in ihren Streifenplan auf. Fahren dann, wenn es einsatzmäßig passt, da auch rum. Wenn wir was feststellen, gehen wir da auch tiefer rein, kontrollieren, können ja gegebenenfalls, wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen, mal durchsuchen, wenn wir den Verdacht haben, da spielt BTM eine Rolle. Aber wenn wir da eine Zeitlang nichts feststellen, dann streichen wir es auch wieder aus unserem Streifenplan."

Zu den Ladendiebstählen, die nach Wolfgang Ahrens Ansicht nicht mehr verfolgt werden, erklärt der Polizist: "Ladendiebstahl wird immer verfolgt. Wenn man einen Täter hat, sowieso. Dann wird das zur Anzeige gebracht, geht zur Staatsanwaltschaft. Wenn man keinen Täter hat, versucht man über Videokameras, die möglicherweise in solchen Gebäuden aufgehängt sind oder Täterbeschreibungen da ran zu kommen. Das wird gemacht. Bei jedem Ladendiebstahl. Das lassen wir nicht links liegen. Nein. Das wird verfolgt. Eindeutig!"

Polizist: Wir drücken kein Auge zu

Und tatsächlich spiegele ja auch die Polizeiliche Kriminalstatistik einen Zuwachs an Laden- oder Taschendiebstählen gerade in der Gruppe der Zuwanderer wieder. Davon, dass die Polizei hier "ein Auge zudrücke", könne keine Rede, erklärt der Leiter der Buxtehuder Polizeiwache Robert Schlimm. Eine Nachfrage bei der Polizei in Hamburg ergibt: auch hier werde, sofern die Polizei gerufen werde, jeder Diebstahl verfolgt. - Wolfgang Ahrens hat zuletzt nicht mehr die Polizei gerufen, wenn es drüben auf dem Schulhof zu laut war. Stattdessen hat er versucht, selbst Druck zu machen auf die Jugendlichen.

"Ich habe mich mit denen auch schon angelegt! Dann ist das nicht mehr so witzig. Aber wenn deine Freundin dann als 'Fotze' beschimpft wird, wenn du dann rauskommst, dann gehst du ja auf die Zinne. Und dann bist du auch nicht mehr objektiv. Und die Polizei? Ja, sie kommt… Aber was nützt mir das. Ich rufe sie inzwischen auch nicht mehr an. Wenn ich aufstehe und zum Telefon gehe, dann bin ich wach. Was mache ich? Ohrenpropfen rein!"

Wenn das nicht helfe, hat Polizeihauptkommissar Robert Schlimm aus Buxtehude einen einfach Rat: wer sich durch kiffende, allzu laute Jugendliche gestört fühlt, soll die "110" wählen und Bescheid sagen. Ohne diese Hinweise könne die Polizei nicht einmal den Versuch starten, für Abhilfe zu sorgen.

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