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StartseiteTag für TagWider die "staatsfromme Kirche" 22.05.2017

HörerweltenWider die "staatsfromme Kirche"

Rainald Leistikow ist Berliner, evangelischer Christ und Hörer des Deutschlandfunks. Ihn stören die politischen Positionen seiner Kirche zur Flüchtlingspolitik, als Andersdenkender fühlt er sich ausgegrenzt. "Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke", sagt er. Er ist zum Widerspruch entschlossen, erst recht so kurz vor dem Kirchentag.

Von Claudia van Laak

Die Evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin - ein Hauptwerk des deutschen Expressionismus. (Deutschlandradio / Eric Pawlitzky)
Die Evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin - ein Hauptwerk des deutschen Expressionismus. (Deutschlandradio / Eric Pawlitzky)
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"Sie haben mich persönlich eingeladen, hierherzukommen, und das habe ich gerne gemacht."

Reinald Leistikow, 73 Jahre alt. Fester Händedruck, klarer Blick, freundlich-zugewandtes Wesen. Der Berliner Jurist hat lange Jahre für Kirche und Diakonie gearbeitet – so als Verwaltungsleiter eines evangelischen Krankenhauses. In letzter Zeit allerdings hat sich Leistikow von seiner Kirche entfernt. Mehr noch – er ist empört. In einer langen E-Mail an den Deutschlandfunk hat er sich Luft gemacht, spricht von "Multi-Kulti-Schönfärberei" und kritisiert, dass die Kirchenleitung in punkto Flüchtlingspolitik eine offizielle Meinungsvorgabe mache und Andersdenkende ausgrenze.

"Der Deutschlandfunk ist ja eine Instanz dafür, dass so etwas zur Sprache kommen kann. Die politisierte Kirche kommt überall durch und breitet sich wie ein Schirm über alles aus."

Es ist Sonntag kurz vor 10, gleich beginnt der Gottesdienst in der  architektonisch spektakulären Evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz - ein Hauptwerk des deutschen Expressionismus. Mehrere hundert  Gottesdienstbesucher fänden Platz in diesem imposanten dunklen Backsteinbau – doch nur etwa 30 sind gekommen, sie verlieren sich in den Kirchenbänken.

Der Islam als Wolf im Schafspelz?

"Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, seien Sie herzlich willkommen an diesem Sonntagvormittag."

Die Predigt greift die politische Diskussion über Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr auf. Der Rentner schüttelt den Kopf – genau das meint er, wenn er von einer "politisierten Kirche" spricht. Einer Kirche, die seiner Ansicht nach falsche politische Schwerpunkte setzt. Ginge es nach Reinald Leistikow, würden die Sonntagspredigten stattdessen die Ausbreitung des Islam anprangern.

"Der Islam ist der Wolf im Schafspelz. Und wenn der sich in die Lämmerherde begibt, ist das gefährlich. Und unsere Kirchenoberen erkennen eben den Wolf nicht, weil er im Schafspelz daherkommt."

Reinald Leistikow spricht pauschal von "dem Islam". Dieser sei eine kriegerische Eroberungsreligion mit Unterwerfungsanspruch. Seiner Sicht nach leben schon zu viele Moslems in Deutschland. Fühlt er sich persönlich bedroht?

"Das ist ein Verlust an Heimat"

"Ich habe keine Bedrohungsgefühle. Aber ich habe Verlustgefühle, was Heimat anbelangt. Und das ist entscheidend, dieser Unterschied. Und wenn sich ein Bild so verwandelt, das ich die Stadt nur noch an den Fassaden der Häuser wiedererkenne, aber sonst nicht mehr, dann ist das eben ein Verlust an Heimat."

Reinald Leistikows Analyse geht so: die protestantische Kirche stelle sich zu wenig ihrem Missionsauftrag. Statt die Sehnsucht der Menschen nach Sinn, Gott und spiritueller Heimat zu befriedigen, verbreite sie linksliberale, moralisch aufgeladene Positionen und kusche vor dem Islam. Befürchtet er dadurch eine Schwächung des Protestantismus?

"Meine Befürchtung ist doch schon Realität. Schauen wir uns heute diese Kirche an. Wie viele Besucher waren in der großen Kirche? Und alle so oberhalb 60."

Nach dem Gottesdienst noch ein Kaffee. Die Sonne scheint, die Spatzen tschilpen, Reinald Leistikow erzählt aus seiner Kindheit. Aufgewachsen in Ostberlin, der Vater im Zweiten Weltkrieg gefallen, die Mutter evangelische Religionslehrerin, kritisch gegenüber dem SED-Regime. Kurz vor dem Mauerbau ziehen sie nach Westberlin.

"Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke"

"Und insofern bin ich früh nicht nur christlich sozialisiert worden, sondern auch in einer konfrontativen Situation aufgewachsen. Also Obrigkeit war für mich nie eine Obrigkeit, vor der ich mich gebeugt und gebückt habe, sondern wo ich immer in einer kritischen Auseinandersetzung stand. Und so bin ich geblieben. Obrigkeit ist für mich keine Instanz, vor der ich einknicke."

Auch deshalb ärgert sich Reinald Leistikow über seine Kirche. Sie sei eben "staatsfromm", zu obrigkeitshörig, stelle sich unkritisch hinter die Flüchtlingspolitik Angela Merkels, andere Meinungen seien nicht zugelassen.

"Und diese Unausgewogenheit, diese Einseitigkeit, dieses Ausgrenzen, was darin steckt, das empört mich eigentlich."

Reinald Leistikow hat sich mit seinem Anliegen auch an den in Berlin stattfindenden Kirchentag gewandt. Den Mund verbieten lässt er sich jedenfalls nicht.

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