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StartseiteEine WeltHoffen auf ein Ende des Baustopps25.09.2010

Hoffen auf ein Ende des Baustopps

Die Bewohner der Siedlung Modi’in Illit im Westjordanland

In der Siedlung Modi'in Illit im Westjordanland leben 50.000 religiöse Israelis. Während des zehnmonatigen Baustopps wurde in der Siedler-Stadt munter weiter gebaut, dank einer Ausnahmeregelungen. Kurz vor Ende des Baustopps am 26. September hoffen viele auf den Bau-Boom.

Von Sebastian Engelbrecht

Ein jüdischer Siedler aus dem Westjordanland. (AP)
Ein jüdischer Siedler aus dem Westjordanland. (AP)

In der Siedlung Modi'in Illit im Westjordanland leben 50 000 religiöse Israelis. Während des zehnmonatigen Baustopps wurde in der Siedler-Stadt munter weiter gebaut. Der Grund war eine der vielen Ausnahmeregelungen: Wo die Baugenehmigung Ende November 2009 schon vorlag, konnten die Baufirmen ungehindert weiterarbeiten. Ein Großprojekt der Firma Neot Hapisga aber für mehrere hundert Wohnungen, ebenfalls in Modi'in Illit, fiel unter den Baustopp. Geschäftsführer Amir Zaken ist mit den Nerven fertig. Er verklagte den Staat Israel und forderte eine Entschädigungszahlung in Höhe von 35 Millionen Euro. Zaken verlor den Prozess. Jetzt fürchtet er, dass das Moratorium fortgesetzt wird und er auch nach dem 26. September nicht weiter bauen darf. Seine Firma wäre dann bankrott. Sebastian Engelbrecht war auf den Baustellen von Modi'in Illit und hat mit dem besorgten Bauunternehmer gesprochen.

Der Bürgermeister von Modi’in Illit, Ja’akov Gutermann, ist nicht zu sprechen. Journalisten, aber auch Geschäftsführer von Baufirmen klingeln kurz vor Beginn des Laubhüttenfestes Sturm bei ihm. Aber es nützt nichts. Der Mann ist unauffindbar. Die Sekreätrin von Malki:

"Nach den Feiertagen wieder. Heute ist niemand da. Das passt jetzt nicht. Keine Ahnung, so etwas kann ich Ihnen nicht beantworten."

So lauten die Ausreden von Malki, der Sekretärin des Bürgermeisters. Das Ende des Baustopps in den Siedlungen ist für Gutermanns Siedler-Stadt im Westjordanland ein entscheidendes Datum. Wahrscheinlich weiß auch Gutermann nicht, wie es weitergeht nach dem Ende des Baustopps und drückt sich deshalb vor Gesprächen. 50 000 religiöse Israelis wohnen in der Siedlung auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Kaum eine Siedlung ist in den vergangenen 20 Jahren so schnell gewachsen. Denn eine Frau in Modi’in Illit gebiert im Durchschnitt acht Kinder. Eine Stadt, die so schnell wächst, kann einen Baustopp nicht vertragen.

Modi’in Illit ist wirklich eine Stadt. Fünf- und sechsstöckige Häuser mit Balkons und Aufzügen stehen auf den karstigen Hügeln. Der Ort liegt eindeutig auf palästinensischem Gebiet, aber westlich der Sperranlagen zwischen dem Westjordanland und Israel. Faktisch gehört er heute schon zu Israel. Nach Schätzungen eines Architekten, der hier seit 20 Jahren baut, waren während des Baustopps vier große Firmen in der Siedlung aktiv. Sie durften etwa 600 Wohnungen weiterbauen – Häuser, für die sie schon vor Beginn des Moratoriums eine staatliche Baugenehmigung hatten.

Direkt neben dem Rathaus steht ein Betonmischer. Arbeiter pumpen den grauen Rohstoff auf die Baustelle. Hier entsteht eine Schule – auch das war während des Baustopps erlaubt: Öffentliche Gebäude durften weiter gebaut werden. Rafi, ein israelischer Vorarbeiter, lenkt mit einer Fernbedienung einen Kran – und gibt drei palästinensischen Bauarbeitern aus dem Westjordanland Anweisungen. Vorarbeiter Rafi:

"Sie sehen, dass es kein Problem gibt. Die Palästinenser arbeiten hier und bauen alles für uns. Dort ist ein Palästinenser, und die da hinten sind auch Palästinenser. Sie arbeiten hier und möchten ihren Lebensunterhalt verdienen. Nichts interessiert sie. Politik ist etwas für die Großen, nicht für die Kleinen. Sie müssen Geld verdienen, damit sie etwas zu essen haben."

50 Höhenmeter den Hang hinunter befindet sich eines der Einkaufszentren von Modi’in Illit. Orthodoxe Männer mit schwarzen Hüten und in weißen Hemden kaufen fürs Laubhüttenfest ein. Etan’el verkauft Blumen zum Fest:

"Dieses ganze Getue um den Siedlungsstopp ist wirklich dumm, völlig bedeutungslos. [Den Siedlungsbau] einfrieren, nicht einfrieren – am Ende wird eh gebaut, oder?! Also erreicht man damit nichts. Das wird einfach in die Länge gezogen – wird heute nicht gebaut, dann baut man morgen, wird im nächsten Monat nicht gebaut, dann wird in zwei Monaten gebaut."

Neben Etan’el steht Benny hinter einem Stand mit bunten Plakaten, Motiven von Jerusalem und der Klagemauer. Benny wohnt in Gilo, einem Vorort von Jerusalem, der – genau wie Modi’in Illit – auf palästinensischem Land liegt:

"Das interessiert mich nicht. Nein, wirklich nicht. Ich habe meine Wohnung und meine Ruhe. Alles andere ist mir egal. Ob ich mich dafür interessiere oder nicht, macht eh keinen Unterschied. Also ist es mir egal."

Für die meisten hier ist der Siedlungsstopp ein politisches Hirngespinst. Nur Itai, ein Mann Mitte 20 mit schwarzem Samt-Käppi auf dem Kopf, kann sich über den Baustopp noch empören:

"Das hatte sehr wohl eine Bedeutung. Weil es hier viele Menschen gibt, die auf ihre Wohnungen warten. Es gibt hier ganze Wohnhäuser, die nicht gebaut wurden und obwohl die Menschen schon dafür bezahlt haben, konnten sie ihre Wohnungen nicht beziehen. Viele wissen nicht, woran sie sind."

Am meisten aber leidet Amir Zaken. Er ist der Geschäftsführer der Baufirma "Neot Hapisga". 2000 Wohnungen hat Zaken in Modi’in Illit geplant – er durfte nicht mit den Bauarbeiten beginnen, wegen des Baustopps. Amir Zaken, kurze schwarze Haare, feines blaues Hemd, sitzt in seinem klimatisierten Büro in Ramat Gan bei Tel Aviv:

"Wenn die Regierung eine Entscheidung trifft, dann fechte ich diese Entscheidung nicht an, weil sie heilig ist. Gleichzeitig sollen sie dann aber auch die Verantwortung übernehmen und denjenigen entschädigen, der dadurch getroffen wurde."

30 Millionen Euro hat seine Firma in Modi’in Illit schon investiert, hat die Grundstücke vorbereitet, Wasser- und Abwasserleitungen verlegt – und dann kam der Baustopp. Amir Zaken forderte 30 Millionen Euro Entschädigung vom Staat. Das zuständige Entschädigungs-Komitee lehnte sein Gesuch ab. Amir Zakan:

"Der die Entscheidung getroffen hat, sagt jetzt: ‚Ok, Ihr habt Verluste gemacht und werdet weiterhin Verluste machen. Werdet selbst damit fertig! Uns ist das egal.’ Man hat uns vor die Hunde geworfen, und deshalb sagen wir, dass es hier eine mächtige Investition gab: Einer muss die Rechnung zahlen."

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